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Full text of "MITTHEILUNGEN AUS DER GESCHICHTE UND DICHTUNG DER NEU-GRIENCHEN"

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I 




^^" ■ ^-c.11l.::.L^^ 



MITTHEILÜNGEN 



AUS DER 

% 



GESCHICHTE und DICHTUNG 



DER 



NEU - GRIECHEN. 



ZWEITER BAND. 



COBLENZ, 

«El JACOB KÖLSCHER. 

1835. 



HISTORISCHE VOLKSGESÄNGE 



DER 



NEU- GRIECHEN 



NACH 



C. F A ü R I E L. 



ZWEITE ABTHEILUNG. 

Klephtische und andere historische Ge- 
sänge, dann Lieder vom Suliotenkrieg. 

Mit Fauriers Einleitungen. 



II. 



) 



TMHMA nPXlTON. 



I 

TPArOTAIA KAE*TIKA. 



I 



J 



ERSTER ABSCHNITT. 



KLEPHTISCHE LIEDER. 



w • 



CHRISTOS MILIONIS. 



' Von allen klephtischen Liedern dieser Samm- 
lung ist dieses der Zeitfolge nach das erste 9 und 
der Häuptling, auf welchen es gedichtet wurde, 
ist wahrscheinlich der älteste von allen, die das 
Volk noch heut zu Tage besingt. 

Er stammte aus dem nördlichen ALamanien, 
and mit ihm beginnt für uns die lange Reihe der 
berühmten Rlephten des akarnanischen Gebirgs. 

Der Zunamen Milionis, welcher seinem eigent- 
lichen Namen Ghristos beigefügt wurde, spielt auf 
eine Flinte von besonderer Itänge an, deren er 
sich bediente. Es gibt nemlich in Griechenland 
eigene Namen für die rerschiedenen Arten von 
Flinten; die längsten werden Milionia, in der ein- 
fachen Zahl Milioni, genannt. Eine solche war es , 
die Ghristos trug; ein furchtbares Gewehr; dessen 
Andenken noch jetzt unter dem Volke daselbst 
lebt. 



— 8 — 

Es möckte nicht leicht sejn , die Epoche ge- 
nau anzugeben , in welcher dieser klephtische 
Häuptling lebte; man kann nur versichern, dass 
er vor dem Ende des siebenzehnten Jahrhunderts 
gestorben ist, und dass folglich das Lied, wel- 
ches ihn besingt, nicht weniger als hundert und 
dreissig Jahre alt seyn kann. Die tragische Ein- 
falt der Begebenheit ist wohl ein hinreichender 
Grund dafür, dass es sich so lange in dem Munde 
des Volks erhalten hat. 

Zur Zeit, da Ghristos M ilionis als freier Klephte 
in den Gebirgen lebte, überfiel er einstmals die 
Stadt Arta, und führte den Kadi nebst zwei Aga's 
gefangen mit sich fort; für diese erwartete er ein 
grosses Lösegeld. Diese Kühnheit erregte Aufse- 
hen , und der Mnsselim oder der Abgeordnete des 
Pascha hielt sich für verpflichtet , sie zu strafen. 
Er beauftragte den Froestos MavromiStis und den 
Dervenaga MuchtsSr Klisüra, ihm den Ghristos le- 
bendig oder todt zu liefern. Mucht^r, welcher 
glauben mochte^ dass es leichter sey, sich dieses 
gefahrvollen Auftrags mit List als mit Gewalt zu 
entledigen, zog einen seiner Leute, Namens Soli- 
man, mit ins Spiel, der, durch die Bande der 
Freundschaft mit Ghristos verbunden , sich dem- 
selben , . ohne Verdacht zu erregen , nahen durfte , 



-' 9 — 

und sieh anf diese Weise Gelegenheit , ihn zu 
Ikngen oder umzubringen, aussuchen konnte. Nach 
einiger Zeit begegnete Soliman wirklich dem Chri- 
stos in dem kleinen Dorfe Armjros in der -Gegend 
Yon Waltos. Beide begrüssten sich frenndlichst, 
und blieben eine Zeitlang beisammen. ' Yon dieser 
guten AnfViahme and dem zutraulichen Wesen 
des Christos, seines alten Freundes, mit dem er 
so eben Brod und Salz gegessen hatte, scheint 
der Türke gerCQirt worden zu seyn, und seine 
Yerrätherei yerabscheut zu haben. Er erklärte 
ihm freimüthig, wesshalb er gekommen, und so 
entspann sich zwischen den beiden tapfem Man- 
nern ein Kampf, worin beide fielen. 



— 10 — 



A'. 
TOT XPHETOT MHAIONH. 



To TpixoVf To xaXqrepovy ^vfiokoydei Ttal Xi^ev 

liOvdh \ xhv BccXrov (pdvrintVj ovdi 'q ttiv Kpvaßpvariv»* — 
»Ma$ elTtaVf nipa nipaorej «* Iw^yc npbq riiv "ApTai;. 
» K' eir^pe arxXdßov irbv KaT^v 9 fta^l ^i 8vb ^Ayddaiq, 
» Kfr' 6 'M.ovaeXi^riq t' äTtovare , ßapeä tov xuTtotpdvii' 
» Tbv yLavpo^drriv Ixpa^e xal t^i^ Movp^Tätp KXeiarovpav « — 

i»Tbv Xpii(rvov vdt, gkox&cexBj xbv xaittTitv 'MifiKidvriv. 



— 11 — 



I. 

CHRISTOS VON DER LANGEN FLINTE. 



Drei Vögel sassen, wo die Klephten lagern, 

Schauten von der Höh', der eine gen Armyros, der andre 

nach dem Waltos , 
Der Dritte, der schönre, stimmte an den Todtengesang : 
»Sprich, o Herr, was widerfahr dem Ghristos, dem 

Miliönis, 
Dass er nicht erscheint auf dem Waltos, noch anf dem 

Kryahrfsis^? « 
»Sie sagen yon dem Streifzag, den er that, gegen Arta; 
Und gefangen nahm er den Kadf, ihn selbst mit zwei 

Aga's. 
Und der Moslemim erfahr's , da entbrannt' er in Wath ; 
Rief den Mayromätis und MuchtiSr Klisüras zu sich : 
Wisset, sprach er, wenn ihr Gut oder Hauptmannschaf- 

ten begehrt. 
So erschlagt mir den Ghristos , den Hauptmann Miliönis ! 
Der Sultan sandte den Ferman , er gebeut. 
Am Freitag war es, o hätt' er nie getaget! 
Soliman wurde^ gesandt , dass er ausging , ihn zu 

suchen. 



— 12 — 

»Kai Stuv l^e§' )} OL'^fiif vipacrav 'g t& Xtfi^pta. 

9 ^emäv idoarav \ f^iiv fponriäv > x' tntcav tu; %hv to^oj;.« 



• Xp^oTO, (T^ 6eX* 6 ^acvkta^j €rl diXovv x' ol d^ade^.u— - 
»^Ocro ''j'* 6 Xp^oTo^ icavravbqf Tovpxovq 8hv ^poarxvvdei^^ -^ 



— 13 — 

Und er traf ihn zu Armjros ; sie* küsstai steh , 
Zechten als Freunde die Nacht durch bis zum Morgen. 
Am Motten, in der Frühe, gingen sie hinüber zum 

Lager ; 
Da schrie Soliman laut gegen den Hauptmann Miliönis: 
Ghristos, der Sultan will dich, die Agen fordern dein 

Leben J 
Spricht der Christos : j»Weil ich lebe, widersag' ich dem 

Türken I « 
Mit den Flinten rannten sie zusammen, 
Gaben Feu'r in Feuer und fielen todt zur Stelle. 



_ 14 — 



BUKOWALLAS und JOHANNES STATHAS. 



Auf Ghristos Miliönis folgt der Zeitfolge nach 
Bukowallas, einer der berühmtesten anter den 
klephtisehen Häuptlingen , deren Andenken die 
Griechen bewahren, und deren Thaten sie besin- 
gen. Er war aas Akarnanien gebürtig, and be- 
kriegte dort oftmals die Türken. Ein Sieg, den 
er über Weli, den Grossvater des^Ali Pascha yon 
lannina erfocht, ist diejenige seiner kriegerischen 
Thaten, yon welcher am meisten gesprochen wtfrde, 
and deren mündliche Ueberlieferang noch im Volke 
lebt. Weli war Bey yon Tebelen, und kam im 
Jahr 17 17 bei der Belagerang yon Corfa am's 
Leben. 

Ich habe diesem Liede yon Bakowallas ein an- 
deres hinzugefügt, welches, obgleich jünger, sich 
doch durch die Verwandtschaft der beiden Helden 
sehr genau an das erstere anschliesst. Es besingt 
den Sieg eines klephtisehen Schiffs über ein tür- 
kisches, und da es das einzige yollständige Stück 
in dieser Art ist, das ich mir habe yerschaffeu 



— 16 — 

können, so erhält es dadurch ein liesimderes In- 
teresse. 

Von den vielen Liedern, die anf Bokowallas 
gedichtet worden, ist das, welches hier erscheint, 
so yiel mir bekannt ist, das einzige, welches noch 
hent tu Tage in Griechenland gesangen wird. 
Morea kennt es nicht. 



— 16 — 

B'. 
TOT MnOTKOBAAAA. 



K&* ovSi ßovßdXta atpa^ovraif itC o'hdi de^iä iiaXovovv' 

)»Nd( xaraxGCTa' 6 itopvia'xrhq ^ vd (ri^xoO' ij di^apa, 

MeTpcM^yr' ol To'Opxoi T^eX^ c^opaX^, xal Xet^rovi^ ^erxaxocnoft. 
MeT^oi^yrafr «rd xX€<^09roi?^a, xo'i?^ XeLnovv T^elg Xeßiyreq' 
'Etti^)^ 6 Hyo^ \ xb vtqbv y xC AXKoq ^0(il vd (pBfißy 
'O Tptro^ 6 xaX^Tepo^ (rx^xerai '^ x6 %ov<pixi. 



— 17 — 



IL 
BUKO WALLAS. 



Welch Getöse, wo entsteht es? 
Welch gewaltiges Erschüttern? 
Sind es Stiere yor dem Schlachtbeil, 
Wild Gethier im grimmen Kampfe? 
Nein! Bukowalas zum Kriege 
Fünfzehnhundert Kämpfer führend 
Streitet zwiscnen Kerasöwon 
Und dem grossen Stadtbezirk. 
Flintenschüsse wie des Hegens, 
Kugeln y wie der Schlössen Schlag ! — 
Blondes Mädchen ruft herunter 
Von dem Ueberpforten - Fenster : 
»Halte, Janny, das Gefecht an, 
Dieses Laden, dieses Schiessen: 
Lass den Staub hernieder sinken, 
Lass den Pulverdunst yerwehen , 
Und so zählet eure Krieger, 
Dass ihr wisset, wer yerloren. « 
Dreimal zählte man die Türken, 
Und yierhundert Todte lagen. 
Und wie man die Kämpfer zählte, 
Dreie nur yerblichen da. 

GöTHB, (Kunst u. Alteith. Bd. IV. H. i.) 



11. 



18 — 



r. 

TOT lANNH STAeA. 



»Moetf^a, (peyyd^eißf xd^ naviä ," prl^e xa, Xi^^i, xaTo!« — 
» ^Iv tdt, fiatvapa xä naviä 9 ov8h xä pn^v^ xdxto ! 
» M); (16 Oappelxe veovv^tpriv y vvfupTiv v^ ^^oarxvviicr&. 
»'£9^c5 'ft' 6 *Idvvtiq xov "Lxadäf y^^^pbg xov M.novKoßdk'ka. 
^Tquxov, %e6ivxeqy pii^ext' *q xiiv ^rpcbpai^ t^ xapa6^* 
» TiSv Tovfxov alfia y(vcrtxt ^ aniaxovg (tj^ *f^^äxe.€ — 
Ot Tovpxot ßokxav Ippi^^av, x' iyv^iaav xiiv ycp&^av» 
H^ßxoq 6 ^Idvvvq ^ixa^e ^ xb ana^l '^ xb x^?''' 
'Z xd ßovvttx x^i^ovv al^axa^ ddXaaaa Ttoxxivl^ei' 
^AkXdl aXXdl ol äjtiaxoi xqd^ovxtq^ iitqoQiivvovvB. 



— 19 — 



III. 
JOHANNES STATHAS. . 



Schwanes Fahneag theilt die Welle 

Nächst der Küste yoq Kassandra, 

Ueher ihm die schwarzen Segel, 

lieber ihnen Himmelsbläue. 

Kommt ein Tfürken - Schiff entgegen, 

Scharlach • Wimpel wehen glänzend: 

» Streich die Segel anyerzüglich , 

Nieder lass die Segel da ! « 

Nein ich streiche nicht die Segel^ 

Nimmer lass ich sie herab! 

Droht ihr doch, als war ich Bräutchen , 

Bräutchen , das zu schrecken ist. 

Jannis bin ich, Sohn des Statha, 

Eidam des Bukowalas. 

Frisch Gesellen, Frisch zur Arbeit! 

Auf zum Yordertheil des Schilfes : 

Türkenblut ist zu yergiessen , 

Schont nicht der Ungläubigen. 

Und mit einer klugen Wendung 

Beut das Türkenschiff die Spitze ; 



— ao — 

Jannts aber schwingt hinauf sich ^ 
Mit dem Säbel in der Faust, 
Das Gebälke trieft vom Biate 
Und geröthet sind die Wellen. 
Allah! Allah! schreien am Gnade 
Die Ungläobigen auf den Knieen. 
Traurig Leben , ruft der Sieger, 
Bleibe den Besiegten nun! 

GöTBB (Kunat u. Alterth. Bd. lY. H. i.) 



— 22 — 



GIPHTAKIS. 



Aach dieses Lied reiht sich darch die darin 
vorkommenden Personen an das Lied von Bako- 
wallas an. Der Klephte y anf den es gedichtet ist, 
stammte aas der Familie dieses berühmten Häupt- 
lings , and folglich aas Akarnanien. Den Beina- 
men Giphtakis (der kleine Zigeaner) erhielt er 
von seiner schwärzlichen Gesichtsfarbe. 

Giphtakis lebte gegen das Ende des vorigen 
Jahrhunderts y and fiel im Kampfe gegen die Tür- 
ken , in welchem diese anter der Anführung des be- 
rühmten Jusuph y eines Arabers and Generals des 
Ali Pascha , standen , dem die Griechen den Na- 
men Blutsauger gegeben hatten. 

Unter den Grausamkeiten geringerer Art ^ wenn 
wir so sagen dürfen, erregt die Un versöhn lichkeit, 
womit Ali Pascha die Nachkommen des Bukowal- 
las verfolgte , unsere Verwunderung. Männer und 
Frauen y Armatolen and Klephten, alle waren das 
Ziel der Bachsucht dieses wilden Yezirs. Es er- 
losch dieses Geschlecht erst kürzlich in einer Frau 



— 23 — 

aas Agrapha. Ali Pascha hatte selbst diese Fraa 
an einen seiner Ofißeiere rerheirathet ; demange- 
achtet Hess er sie bald nachher vergiften, damit 
Niemand aus dem Blute eines Klephten lebe, der 
seinen Grosrater besiegt hatte. 



— 2* — 



A'. 
TOT rT*TAKH. 



Kai T<3t lepdexta f^iJt 9rot?%ta, x' ol Tovpxot ^^ta x6<^aX(a. 
»'"Apa tä Ti y& yevjjxcy 1} ^vva toiT Fv^Tax?? , 

»Kai %&ga yvaXaßadiixs j xal negnavel xal xXatet* 

» Ma^ ecTray ^re^a nigaae , . wipa '^ ra BXa;i^o;i^(äp(a * 
» K* ixel TOV(pixia Inttprav 9 xal ffki^tqdi, ßgovrovarav. 

»Movoy Tov TtxpTTiv Xdß&aav *g tä yova xal '$ to x^'p*" 

»'Läv div^Qov ippaYvardrjxe j adv Ttvna^arav m^ret* 

n^nX^v (p&voiXav tßaXBy cräv ^raXXi^xap' önov ^tuv* 

» IIov elaav , xaX^ (tot? ddsftph , xal ^oXi^a^'a^rj^^sye ; 

» Tvgiare ütlaiD j ^dge fte , ndfe ^ov t6 TtetpdXi, y 

» Na ^jL^iv xh ^df )} Tra^ariÄ 9 xal 6 ^larohip a^dniiq 

> Kai fiov t6 ndtf \ Ta ^Idvvivaj t' *AX^ ^aac? To«f trxvXov, v 



— 25 — 



IV. 
GIPHTAKIS. 



Es dfirsten die Felder nach Begen^ nach Schnee die 

Gebilde, 
Der Habicht nach Tanben, die Türken nach Köpfen. — 
»Sag an, wie ei^eng es der Mntter des Giphtakis, 
Die zwei Söhne yerlor, und den Bruder, das war der 

Dritte, 
Das8 sie Wahnsinn überschattete; nnd sie zog umher 

und weinte? 
Warum erscheint sie nicht mehr im Gefilde, noch auf 

den Bergen?« 

Die Sage spricht: Sie zog in die Wallachendörfer am 

Olympos. 

Bald fielen Schüsse an jenem Ort, rollten im Wieder- 
hall; 

Aber sie erschallten nicht zur Hochzeit noch zur Pane- 

gyri«? 

Trafen den Giphtis in Knie und Hand; 
Er schwankte , wie ein Baum schwankt , wie die Cjpresse 

stürzte er hin. 




— 26 - 

Da erhob er lanten Ruf, als ein Tapfrer, der er war: 
»Wo bist da, mein Bmder, mein Vielgeliebter? 
Kehre um, nimm mich mit, o nimm mein Haupt, 
Dass nicht die Türkenschaar es nehme , and der Araber 

Jusuph 
Nach lannina es schleppe zum AH Pascha, dem Blat- 

band ! « 



— 27 — 



DER ADLER und DER SPERBER. 



Rnrt, ans Albanien gebfirtig, war in der zwei- 
ten Hälfte des yorigen Jabrbanderts Pascha Ton 
Berat, nnd verband mit diesem Titel den eines 
Derwendschi Baschi , der ihm zu gleicher Zeit 
Mittel nnd Vorwand lieferte, die Schaaren grie- 
chischer Armatolen zn yerfolgen und zn zerstrenen. 

Dieses voraasgesetzt, kann man annehmen, dass 
in dem folgenden Liede ron einem Häuptling die 
Rede ist, der sich als Anfuhrer der Armatolen in 
Luros, dem Mittelpuncte dieser Iffilizcn in Epi-^ 
ms, aufhielt. Er ist ron den geheimen Yer« 
handlungen unterrichtet, die ein Offizier des Ali 
Pascha zu seinem Verderben angesponnen, und 
theilt seine Besorgnisse einem andern Klephten 
mit, der durch einen Sperber angedeutet wird; er 
erklärt ihm, warum er aufgehört habe, die üebel- 
thäter femer zu yerfolgen , und gibt ihm zu Ter- 
stehen, dass er sich bereite, seinen Posten als 
Armatole zu yerlassen, um in den Gebilden als 
freier Klephte zu leben. 



-. 28 — 



E'. 
Ol ATO AETOI. 



I * 



TLdaa ^lUfovXa twyiiYoin dij^cSi^ia xal ne^ixta. 
'2 xalq 'dexanivre xov Matov TtwUyiß 8iv ^vgevei' 
"M-bv iiaga^^iivog xddexat,^ yipXvoi xal i^v ipcikedv tov, 
"AXXoQ Agvbg ididSou/ife, xal xbv xaXtiiUfOVdB ' 
»KaV ^(Ufd aov, arrav^atvil — KaXiSg tov xbv l,aivifip\ — 
» T' ix^^ xavfUvB crravpaeThf j^akväq xal t^ <p&Xedv trov ; — 

jt *Aw<S^* eI9a '$ t5v invov ^lov, \ xbv vjtvov tkov 790tyLOvp.oWf 

« 

» '2iy tidx* hni'ya *g xbv Haardv, '^ xbv Kov^r^Vy \ xb M^epaxi, 

»Kt* dcxovo'a t^i^ (tovcafe^^) xov Tid^ov xiiv xo6ivxav, 

» *0 Tuk^oq i'jipoßodae , *^ xbv ßaarikedv \ xiiv JloXiv * 

» 4^X(9p<^ jo"« X»* dv ßiXexe , dt^rXd r(^ ardq xd datarcHf 

»Moyoy ydt Y^voi^ 'Boeßodaq e^fi) *q x6 MovXaXiixif 

»Na iiiofyD xovq M.^epaxi^vohq ^ xbv (ntiXov Xatrvaxdg^v.ti 



- 29 - 



V. 
DIE BEIDEN ADLER. 



Ein Goldadler hauste auf dem düstem Lnros; 
Jagte wohl jeden Tag Nachtigallen and Wachteln. 
Aber rom fünfzehnten des Maien an achtet' er nicht 

mehr der Jagd, 
Sträubt sein Gefieder und sitzt , zerkrallt sein eigenes 

NesL 
Da ziehet rorüher ein Falke, der grüsst ihn , 
Spricht: »Guten Tag dir, Goldadler.« Spricht der 

Aar: »Guten Tag, Falke!« 
»Goldadler, was ficht dich an, dass du zerkrallest 

dein Nest?« 
» Fragst du mein Falke ? Ich will dir es melden : 
In meinem Schlafe , den ich schlief, erschien mir 

ein Traumgesicht; 
War mir's, als zog ich zum Kurt Paschtf gen Berrft, 
Hörte im Rath dort den Girfchos, seinen Anschlag, 
Die Botschaft, die Giächos nach der Stadt sandte dem 

Sultan : 



— 30 — 

» Goldes y so viel ihr fordert, ich geh' es doppelt , 
Für die Woiwodschaft in Mulalik; 
Dass Ich dort die von Ber^t zerschmettre , und den 

hündischen Schatzmeister. « 



— 31 — 



PLIASKAS. 



Der Namen Pliaskas ist nicht griechisch; ich 
glanbe daher, dass der Klephte, dem man ihn hier 
beilegt, ein Aibanese oder Wallache gewesen isL 
Er ist mir übrigens nur dnrch dieses Lied bekannt, 
das seinen Tod beschreibt 

Neben Pliaskas, mit dem sich das Lied Tor- 
cüglich beschäftigt, werden noch yier andere 
Rlephten episodisch eingeführt, NÜLotsfow, T6- 
lios , Ghristos und Laxöpnlos. Von dem ersteren 
soll weiter unten die Hede sejn. Alles, was ich 
von dem Zweiten weiss, beschränkt sich darauf, 
dass er den Tfirken grossen Schaden cugefbgt, und 
von ihnen sehr gefiirchtet ward. Christos, oder 
wie man ihn |iuch sonst nennt, Christakis, ist mir 
nicht besser bekannt; nur ron Lazdpnlos kann 
ich etwas mehreres sagen. 

DieLaxopulen, oder Kinder TonLazos, waren 
drei Bruder, alle Klephten, und aus einer Fami- 
lie , in der dieser Titel erblich gewesen xu sejn 



~ 32 — 

scheint. Das folgende Lied nennt einen derselben , 
ohne Zweifel den ältesten , als einen der vier 
Häuptlinge yom Berg Oljmpos, walirscheinlicli in 
der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die 
drei Brüder standen in dem Rufe grosser Tapfer- 
keit; und obgleich Ali Pascha sie aufs heftigste 
verfolgte y und auch endlich zwang, den Oljmpos 
zu verlassen, wollten sie sich dennoch nicht un- 
terwerfen, sondern begaben sich als Klephten 
auf das Meer. Nach manchem Unternehmen, das 
sie dort ausgeführt, vei Hessen sie es wieder, viel- 
leicht aus Verlangen nach B.uhe. Sie unterwar- 
fen sich . Ali , und siedelten sich an den Kü- 
sten von Thessalien, in der kleinen Stadt Karya 
und deren Umgegend an. 

Schon hatten sie mehrere Jahre mit dem ein- 
zigen Wunsche, von der türkischen Regirung ver- 
gessen zu werden, in Frieden hier zugebracht, 
als in dem Jahre i8i4 oder i8i5 Weli, Pascha 
von Trikala , sich nach Rapsani einer schönen 
kleinen Stadt seines Paschaliks, am Fusse des 
Berges Olympos begab. Es war diese Reise viel- 
mehr zur Lust als in Geschäften unternommen; 
dennoch wünschte Weli, als ein würdiger Sohn 
Ali Pascha's, sie nicht ganz fruchtlos für po- 
litische Zwecke zu machen. Er gab die nöthi- 



— 33 — 

gen Befehle , dass an einem and demselben 
Tage nnd zu derselben Stande die Gescbwister 
Lazöpolos and alle die Ihrigen gefangen genom- 
men , and sogleich enthaaptet werden sollten. 

Seine Befehle waren nicht umsonst gegeben; 
denn mitten anter den Festen , welche ihm die 
armen Kapsanloten mit Zittern gaben, überbrachte 
man ihm die Nachricht von dem gelungenen Werk. 
Die beiden Brüder and sechs and dreissig andere 
Glieder ihrer Familie waren gefallen. 



II. 



— 34 — 



2T'. 
TOT HAIASKA. 



Mi tA itoddgia *q x6 vephv ndXe vt^hv yv^zit^,* 

Me Ta novXiit <rvyTv;^atye xal p2 tJ^ yzKidovia' 

»Td^a, srocXta, ddk iuTfevOS; xd^a, novXväy da layo ; c — 

» 'Ai'^petofr 'xet dii^ dppcoarTovv, xi dfppoxrrot avSpSMVow. 

» '£x£X fioipd^ovi' x& (pX&pid^ j xal ra xa^reTayara. 

»Tov Ntaecw ^i<f>x* ii lloxa\JLiä, xov Xpi^arx* 1} 'AXacräfva» 

»'O Tokioq xanexdvBT^s (pixoq *g xiiv "KaxegimiVf 

» Kai xb ^wpbv Aa^i^ovXov ^^fs xiiv UXaxa^votv.^ — 

K(' 6 TLXidaxaq 6 xaxdii^otgog , 6 xaxo^ioigiaaybivog 

*X xhv Tovpvotßov xotxißaivevf ixBl vo, (re^iaviaTij 

Kai oi l^O^ol xcnxom» xov xoü n^pav xb 7U<ffdXi$ 



- 35 — 



VL 
PLIASKAS. 



Pliaskas liegt , er liegt im düstem Qaell ; 

Tief im Wasser mit den Füssen , lechzt e^ nach 

Wasser, 

Spricht zu den Tauben des Waldes und mit den 

Schwalben : 

»Ihr Yöglein, gibt es noch Heilung für mich, und 

kann ich noch genesen ? c 

»Pliaskas, wenn du Heilung suchst, dass deine Wun- 
den genesen, 

So steige zum Oljmpos hinauf, zum schönen Ort, 

Wo die Tapfern nie erkranken , wo die Kranken stark 

sind. 

Da sind der Klephten Viele , die vier Gewalten , 

Sie theilen das Gold und die Hauptmannschaften. 

Dem Mikos fiel Potamien zu, dem Christos Alasöna, 

Der Tölios ward für dieses Jahr Hauptmann zu Käthe« 

rini, 

Und der kleine Lazöpulos erhielt Platamöna.« 



— 36 — 

Und Pliaskas^ der Unseelige, der Alleranglückyollste ^ 
Stieg nach Tdmabos hinab , dass er so entkomme; 
Feinde hinter ihm, — die nahmen sein Hanpt. 



— 37> 



DER OLYMPOS. 



Dieses Lied kann zu den ältesten seiner Gat^ 
tang gezählt werden , ;and ist wafarscheinlicli in 
Thessalien gedichtet worden; gleichwohl singt man 
es in ganz Griechenland, und selbst in Constan- 
tinopel. 

Dass es an so rerschiedenen Orten Terschie- 
dene Lesarten desselben gebe, versteht sich fast 
Ton selbst. Ich habe zur Herstellung des folgen- 
den Textes deren drei benatzt. 

Der Held des Liedes ist in demselben nicht 
genannt , so sehr man auch wünschen möchte , 
den Gegenstand näher kennen zu lernen , der zu 
einer so schönen Dichtung Veranlassung gegeben 
hat 



— 38 



Z'. 

TOT OATMnOT. 



Tvfi^ei TOT 6 "Gkv^woq , xal ^eysi vov JLiaadSov ' 

M^ fiß ^aXovißqy Kiaaaiße, xovia^omaTti\Jiivt\ 

*E)^d> el^' 6 TtQo6Xv^noqy '^ %hv xoa^ov $axot?o'fi^ro^. 

"Ep^cs fraqdvra dvh xoptpalq^ t^rivra ivh ß^vcrovkatq' 

Ildcra ßpvarii xal (fXdfiT^ovgov ^ ytäaa xkail xal xkitffvriq' 

Kai \ Tiiv T^jß^v fiot? xopvipriv aevdq elv TtadMr^ivoq, 

Kai tlq Td vv^ia tov xqaveX 7tB<pdV avdpeio^vov' 

» ILeipdXi ^ov f TL ixa^ug , x' el(rat xp^ftaTtcrfiei^ov ; « — 

» <E>a^s, TTO'vXl, Tct vBdTa ^oVf (pdye xal t^iv avSqeidv fiov, 

n Na^ xdfiT^q ^nX't^ *^^ ^pTßfdvy xal TviOa^iiv t6 vi>%i^ 

»*S T()i; AovQOVf *q t6 Sb^o^^ov df^aTfoXdg iaTdOtiVf 

» 'S TO^ Xa'crta xal '^ t^i^ ''OXvfi^oi' ^(»^exa ^f6vovq TtkitffTTiq' 

9 '£§i7rT' d)^a'^a^ (ntdTOia'af x' Sxa^a Tct p^opta Tovg * 

» K' offous V TcJj' Twoy dtfftiaa xal Toiipxot?^ xt' 'Ap6aytTat§, 

» "Elvai noXXolf novkdxi ^ov^ xal ^£Tp)7fu)i' 8kv t^ofoy. 

)» nX^v ^p^e x' i; apdSa yuyv *q tÖv sroXeftoy r(j Tveco.« 



— 39 - 



VIL 
DER BERG OLYMPOS. 



Der Oljmpos, der Kissaros, 

Die zwei Bei^e haderten ; 

Da entgegnend sprach Olympas 

Also zu dem Kissayos: 

»Nicht erhebe dich, Kissave, 

Türken - da Getretener. 

Bin ich doch der Greis Olympos, 

Den die ganze Welt Temahm« 

Zwei and sechzig Gipfel zähF ich 

Und zwei taasend Qaellen klar, 

Jeder Brann hat seinen Wimpel, 

Seinen Kämpfer jeder Zweig. 

Aaf den höchsten Gipfel hat sich 

Mir ein Adler aafgesetzt, 

Fasst in seinen mächtigen Klanen 

Eines Helden blntend Haapt. « 

» Sage , H^apt ! wie ist's ergangen ? 

Fielest da yerbrecherisch ? — 

Speise Vogel meine Jagend, 

Meine Mannheit speise narl 






~ 40 — 

Ellen länger wächst dein Flügel , 
Deine Klanen Spannen lang. 
Bei Laron , in Xeromeron 
Lebt ich in dem Kriegerstand , 
So in Ghasia, aufm Oljmpos 
Kämpft icli bis ins zwölfte Jahr. 
Sechzig Aga'sy ich erschlug sie, 
Ihr Gefild verbrannt ich ds^nn; 
Die ich sonst noch niederstreckte , 
Türken, Albaneser auch, 
Sind zu yiele, gar zu viele, 
Dass ich sie nicht zählen mag ; 
Nun ist meine Keihe kommen, 
Im Gefechte fiel ich brav. 

GöTHft, (Kunst u. Alterth. Bd. IV. H. i.) 



— 41 — 



DER TRAUM DES DIMOS. 



Der Name Dimos , eine Abkürzung yon Deme« 
trios, ist sehr gemein dnter den Griechen. Es 
gibt zwei Klephten dieses Namens, wie wir aas 
der Yergleichnng dieses Lieds mit einem der fol- 
genden ersehen. 

Das hier Vorliegende ward zn Ehren eines 
Dimos gedichtet, der als ein Opfer seiner Kühn- 
heit und seines Stolzes fiel. Umlauert Ton Albab- 
nesen , die wahrscheinlich von irgend einem Pascha 
den Auftrag hatten , ihn zu tddten , verschmähte 
er gleichwohl, sich zu yerbergen, oder sich un- 
kenntlich zu machen. So wurde er getroffen, als 
er sich dessen am wenigsten versah. 

Es ist keine Angabe vorhanden, weder über 
das Land, noch über den Zeitraum, in welchem 
dieses Lied gedichtet worden ist: wahrscheinlich 
gehört es einem der gebirgigen Bezirke , und einer 
nicht ganz nahe liegenden Zeit an. 



— *2 — 



TO ONEIPON TOT AHMOT. 



» XafiijXoo'e Th ^ocri arov * OTtinaae xdi Tcra^rpd^ia * 

» Na pj^ tJet Id' 1} ^Ap6avi/Tiäf pi^x^^^^ ^^ ^^ «rxorcirovy 

Aakel x' Si^a (itxp^i; orov^l *g T(y0 Aii^iov t6 TtetpdXi,* 

Ahv^ IXaXovare adv ytovXl y ovSh cdv j^ßXtSoyiy 

TS/lbv IXaXovfre x tKtytv avO^imviiv XaXiTfraif * 

» A^fici futv y T elaav xiTgivoq y xal t' eZo*' dpap^rcao'fiei^o^ ; t — 

1» üov^'dixf'y XI.' w p i^drurjaeqy yd trov t' öftoXo^^aco * 

»''E/vpa V Anoxo^^ridw y vnvov vd nd^^ bXLyoy* 

» Kai eZ^a tlq tÖv iwpov ftor y \ xdv vnvov ^0^ xotfftOVfAOt^^ 

» El^a xdv ov^avdv Ookdy y xal t' dfcrrpa ^aTOfiivay 

» T(} dafiaaxl aTratfaxc^ fiov ßa^yuivov yt^ia tS alpx.« 



— 43 — 



VIIL 
DER TRAUM DES DIMOS. 



»Sagt' ich dir es nicht, Dimos^ einmal? sagt' ichs drei- und 

fünfmal : 
Herunter mit dem Turban; yerdecke den Waffenschmnck ! 
Bass der Albanese dich nicht kennt und zielt und schiesst, 
Ob solchen Ansehn's und so yielen Silbers?« 
Der Kukuk spricht im Gebirg , die Wachteln an seinem 

Abhang , 
Es spricht ein kleines Yöglein auf des Dimos Haupt. 
Nicht spricht es, wie der Vogel, oder wie die Schwalbe 

spricht, 
Sondern es redet und spricht in menschlicher Sprache : 
*0 Dimös mein, warum bist du so bleich, warum so trüb die 

Stime?« 
»Vogel, der du fragst, ich will dir's sagen: 
Rückwärts ging ich, um zu schlafen, kurzen Schlaf nur. 
Und ich sah in meinem Schlaf, im tiefen Schlummer 
Sah ich schwarz den Himmel und die Sterne blutroth, 
Und mein Damascener-Schwerdt gefärbt Tom Blute.« 



— 44 — 



DES KLEPHTEN LETZTER ABSCHIED. 



Unter Allem, was ich zur Biographie der 
Klephten habe sammeln können, ist mir kein Zag 
Torgekommen , >der sich dem folgenden Liede an- 
passen liesse. Vielleicht ist der Gegenstand des« 
selben rein idealisch: ja die Abwesenheit aller 
örtlichen und persönlichen Bestimmungen könn« 
ten Veranlassung geben, es zu glauben« 

Wie dem auch sej, — um das Lied richtig zu 
Terstehen , muss man voraussetzen , dass zwei 
Klephten mit einander auf abgelegenen Pfaden 
wändein , um sich an den verabredeten Versamm- 
lungsort ihrer Schaar zu begeben. Als sie auf 
einer steilen Höhe angekommen sind, an deren 
russ ein Strom sich befindet, der durchschwöm- 
men werden muss, wird einer derselben durch 
einen Zufall, den der Dichter unerörtert lässt, 
von einem jähen Tode befallen. 

Die zwölf Verse, die das Lied ausmachen , ent- 
halten das Lebewohl , welches der Sterbende seinem 



— 05 — 

Reisegefährten, und darch ihn allen seinen ahwe« 
senden Freunden sagt , die er nicht wieder sehen 
soll. 

Sehr leid that es mir, dass ich nichts über 
die Gegend von Griechenland zu sagen weiss, in der 
dieses Lied gedichtet wurde ; soyiel nur ist offen- 
bar, dass es den Gebirgen, und wahrscheinlich 
den thessalischen, angehört. Es scheint übrigens 
in Griechenland nicht allgemein bekannt zu sejn. 



— 46 — 



0'. 

TEAETTAiOS AnOXAIPETISMOS TOT KAE*TH. 



Kai xh 'kiyvov crov xh xoppl, ^dXt xo ^aity xapdßt* 

Kfr' (Jy xdfi' 6 0£6$ x' i^ Havctyiäj vif, ^rXi^i;^, r^ orepeitoiigy 

NÄ tTra^ 9rp5^ xd^ Xi^fAeptce fio^ , o^riä ^xoyLZv TtatßovKi ^ 

Tiov T^araiiev xa 8vb x^oiy la^ xbv 9XApav xal xbv Toft^rpav» 

*Av er* iganTia* ij (rvrrpo(p(d^ xLnoxe yiA i^iivay 

'Movov elytiy nav^pevOriita '^ xä egri^a xa %iva, 
IIiTpa T^ wXaxa 'nedefäv^ xiiv ^avprjv yflv ycyatxa^ 
K(' avxit, xä XiavoKida^a 6Xa yvv(xixadiX(pi,a. 



47 — 



IX. 
LETZTES LEBEWOHL DES KLEPHTEN. 



»Wirf dich hinab rom Ufer, hinab rom Uferrand, 
Die Arme mache zu Rudern, die Brust zum Steuer 
Und treib' als Schi£flein fort den leichten Leib! 
Und geleitet dich Gott und die heilige Jungfrau, dass 

du schwimmend 
Gelangst zum Lager jenseits, wo wir Kath pflegen. 
Wo wir die beiden Böcklein einst gebraten , den Phloras 

und den Tombros, 
Und es fjfagen die Gefährten, wo ich bleibe; 
O,» dann sage nicht, dass ich todt sey, dass ich Armer 

sey gestorben ; 
Sag': ich sey vermählet in der bittern Fremde, 
Habe mir den flachen Stein erwählt zur Schwieger , zur 

Braut die schwarze Erde, 
Und die kleinen Kiesel alle sey'n meine Schwäger. 



— 48 — 



DAS GRAB DES KLEPHTEN. 



Der Inhalt des folgenden Lieds ist selten in 
<Ler Geschichte der Klephten. Das nie zu erschö« 
pfende Thema, wodurch die meisten griechischen 
Häuptlinge Gegenstände für Lieder worden, war 
ihr Math und ihre Unerschrockenheit, womit 
sie immer neue Gefahren aufsuchten, und wodurch 
sie , lange vor dem natürlichen Ziel des Lebens 
ihren Tod fanden. 

Der Held des folgenden Lieds erscheint, von 
der Last der Jahre gedrückt, im Augenblick des 
natürlich erfolgenden Todes. Er ist umgeben von 
seiner Familie und seinen Waffengefährten, von 
denen er Abschied nimmt, und denen er mit 
seinem letzten Willen auch Verordnungen hin- 
terlässt über die Art, wie sein Grab zugerichtet 
werden müsse, damit er sich wohl darin befinde. 

Um dieses Letztere besser zu verstehen, ist es 
nöthig, etwas über die Einrichtung der griechi- 
schen Gräber voranzusenden. Man legt nämlich 



- 49 — 

den Leichnam in einen offenen hölzernen Sarg, der 
wiedenun in eine Art Ton steinernen Behälter ge- 
stellt wird , dessen Seitenwände höher als die 
Wände des Sargs sind. Steinerne Platten bede- 
cken diesen Behälter, wobei ein beliebiger Zwi- 
schenraum zwischen dem offenen Sarge und dem 
steinernen Dache bleibt Ein Erdhaufen wird 
über das Ganze aufgeworfen. 

Die seltene Schönheit dieses Gesangs hat ihn zu 
einem Lieblingslied für ganz Griechenland gemacht. 



II. 4 



50 — 



I'. 
O TA*OL TOT AHMOT. 



'O 1^10$ ißcurikeve, *t' 6 A);fio$ Siaxdie*' 

» Kai €rh , Aafi^rpax?; \jl avf^ii y xdOov ld& novra ^ov * 
» Na ! t' dp^Tii ^lav (f>6qtai > r<k ^aat naneTdvo^' 
» Kai (reT^, ^ratdca \Lovy nd^eTS t6 i^rjuav amaßi ^lov^ 
» Updaiva ndi^eTe ukofdid , (rrpcDori poi? i^d xatf^cro) , 
» Kai <^^pTe T^ ^vßv^uiTiKbv va yJ i^oyiokopiarT^ * 
» NÄ rii' el^räf rd x^L^ara Saa ^p^o) xapopei^a * 
» T^idvra ^fpör»' dp^aToX^^ , x' Cixocrt Zp^o xX^^ti?^ ' 
» Kai T^pa p' ^^0e OdvaToq y icaX OeXo v' aitaiOdvfd. 
» KdfteTS t6 xtßovpt yiov itKanv , ^t^Xäv i^d yivr^ 9 
»Nd aT^x' 6p06$ vä TtoXeyiSj xal dtTtXa yd yeiiLio). 
» Kt' d;r6 Ta fie^o^ «t6 de^l d^^are ^apatf vpi , 
» Td ;^eXid({r(a i^d 'pj^&vrai ^ r^r dvot^iv vd <pipovv j 
» Kai t' difdoyta t^^' xa^^y Md);)' rd ^i ^laOaLvovy, « 



— 51 — 



X. 

DAS GRAB DES DIMOS. 



Aasgeherrschet hat die Sonne , 
Zu dem Führer kommt die Menge : 
Auf, Gesellen, schöpfet Wasser, 
Theilt euch in das Abendbrod ! 
Lamprakos da aber, Neffe, 
Setze dich an meine Seite; 
Trage künftig diese Waffen, 
Du nun bist der Kapitän. 
Und ihr andern braven Krieger , 
Fasset den verwaisten Säbel, 
Haaet grüne Fichtenzweige, 
Flechtet sie znm Lager mir; 
Führt den Beichtiger zur Stelle, 
Dass ich ihm bekennen möge. 
Ihm enthülle, welchen Thaten 
Ich mein Leben zugekehrt: 
Dreissig Jahr bin Armatole , 
Zwanzig Jahr ein Kämpfer schon; 
Nun will mich der Tod erschleichen, 
Das ich wohl zufrieden bin. 



— 52 — 

• 

Frisch nan mir das Grab bereitet, 
Dass es hoch sey und geräumig , 
Aufrecht dass ich fechten könne, 
Rönne laden die Pistolen. 
Rechts will ich ein Fenster offen , 
Dass die Schwalbe Frühling künde, 
Dass die Nachtigall Tom Maien 
AUerlieblichstes berichte. 

GöTBi, (Kunst u. Alterth. Bd. IV. H. i.) 



— 53 — 



DER STERBENDE lOTIS. 



Der Gegenstand des folgenden Lieds ist ein 
verwandeter klephtischer Hänptling, der in dem- 
selben Augenblick yerscheidet , wo seine Schaaren , 
Ton albanesiscben Milizen überfallen, ihn abzu- 
holen kommen , damit er sich an ihre Spitze stelle. 
Er trägt den Namen lotis, eine Abkürzung von 
Havayi&Triq j und ist übrigens einer Ton denjenigen 
Klephten, über welche ich nie eine Nachweisung 
ja nicht einmal eine Yermuthung über ihr weite* 
res Vorkommen erhalten konnte. 

Man wird in der Folge dieser Blätter ein 
zweites Lied auf einen Häuptling dieses Namens 
&nden, der jedoch mit dem ebengenannten nicht 
eine und dieselbe Person zu seyn scheint. 

So ist mir auch völlig unbekannt , welchem 
Theile von Griechenland dieses Lied angehört ; so- 
viel ist nur unzweifelhaft , dass es in Gebirgen 
und für Gebirgsbewohner gedichtet wurde. 



— 54 



lA'. 
O eANATOS TOT IXITH. 



Tlipvm ve^bv xal vißo^ai^ ve^bv v& ^^ay^vnvi^iT(o, 

Ta 9r£^9e(' axov& xal ß^ovrovv 9 Mal Tatq b^eialg xal tqi^ovv 

Kai T()t )^f.aTäxta tcoi; x^£<^6i' xXaiyovv vbv xaTteTavov, 

» Fta ! (HiTt dndvG) j ^IStti ^lOVy xal ^ii ßa^ed^ xoifiäaai ' 

» Mä$ TrXaxGxrei' 1} ara^avtd^ OfXov)' ra p.a^ ßapicrot»;, « — 

» TL va adq 'ttco, fiop^ oratJcrtä^, xav^iva naXXrptdQia y 

» <^apfiaxepoi; to Xaßofta^ Trtxp^i^ xal r^ p.oX'ußc'. 

» Tpa^dcTe fte i^d aritxmO&f ßdXre ^e vd xadiicrao , 

» Kai (pi^TS ^lov Y^/v7tbv xpao-l vd niS, xal ra itBOh<r& , 

» Na '^S T^OLfovdia ßXißepd xal na^anovB^iva * — 

» » Na ^fiorr \ TU '-iJ/riXd ßowd^ xal \ tov^ ^ovdgo^q rohq torxiovc, 

» » IIoi; Vo* Ta trrclpa- n^oßara , xal Tot i7ra;(6a xpiapia ! « « 



-- 55 — 



XL 
DER TOD DES lOTIS. 



In der Frühe stand icli anf, zwei Standen yor der 

Sonne ; 
Ich nehme Wasser, und wasche mich, Wasser, um 

jrecht wach zu seyn. 
Hör ich da die Tannen , wie sie rauschen , und die 

Buchen , wie sie seufzen , 
Und die Lager derRIephten, wie sie um den Hauptmann 

weinen. 
»Auf, steh' auf mein lötis, schlafe nicht allzu tief! 
X>ie Feinde sind nah, sie wollen uns überfallen.« — 
»Was soll ich sagen, arme Rinder, zu euch, bedrängte 

Kämpfer ? 
Meine Wunde ist todtvoU, bitter ist das Blei. 
Richtet mich auf, bringt mich zum Sitzen, 
Und reicht mir des reinen Weins , dass ich trinkend 

mich berausche, 
Dass ich Lieder sin^e , schmerzvoll und tief betrübt : 



— 56 — 

»»»O dass ich n^eilte auf der Berge Höh'n , tro fette 

BöcUein 
Und Schaafe einsam geh'n , im dicbten Schatten ! « « 



— 57 - 



DIE HOCHZEIT DES SOHNES ZIDROS 

t 

UND 

DER TOD DES ZIDROS, 



So wie Ghristos Milionis der älteste klephti- 
sche Häuptling auf dem Gebirge AgrapHa ist, yon 
welchem noch heute gesprochen wird , so ist Zidros 
der älteste Klephte auf dem Olympos , dessen An- 
denken noch unter dem Volke leht. 

Er war ans dem nördlichen Thessalien , yiel- 
leicht aus Alassöna oder der Umgegend, gebürtig; 
denn diese Provinz bewohnte Zidros bald als un-> 
terworfener, bald als freier Klephte. Dass er 
diese letztere Rolle häufig gespielt habe, wür- 
de schon sein ausgebreiteter Ruf beweisen , wenn 
es auch nicht die zahlreichen Sagen thäten , 
die seine Siege über die albanesischen Mili- 
zen feiern , und die bezeugen , dass es in der Pro- 
vinz Alassdna, so lange er lebte, keinen andern 
Anführer im Kriege gab > und keine andere Waffen, 



— 58 - 

als die seiner Leute. Obwohl darch seine Ring« 
heil nicht weniger berühmt, als durch seine Tap- 
ferkeit, nahm er dennoch ein tragisches Ende^ 
denn er fiel in die Hände der Türken, die ihn 
enthaupteten. 

Noch jetzt sind in Thessalien mehrere kleine 
Erzählungen im Umlauf, welche die ungemeine 
Furcht beweisen, die Zidros den Albanesen eln- 
geflösst hatte. Man sagt unter andern, dass man, 
um sie zu Tcrmögen , Tor dem furchtbaren Kleph- 
ten mehr Stand zu halten, genöthigt gewesen 
sey , ihren Sold zu Terdoppehi , dass aber , als 
Zidros todt war, und alles für diese Milizen zu 
der vorigen, ihnen nun schon fremd gewordenen 
Ordnung zurückkehrte , sie es bereut hätten , frü- 
herhin allzu tapfer gewesen zu seyn , ja dass sie 
unverhohlen die gute Zeit herbeigewünscht hätten, 
da Zidros die Pascha's, die Aga's, und sie selbst 
zittern machte. 

Die beiden folgenden Stücke beziehen sich 
auf diesen Häuptling. Das erste ist zwar vollstän- 
dig, Inhalt und Zusammenhang sind aber so unsi- 
cher und zerstreut, dass es schwer fallen dürfte , 
über dieselben ganz gewiss zu werden. 



— 59 - 

Zidros feiert die Vermählang seines Sohnes, 
(oder seines JVeffen , wie andere sagen ), and, den 
Sitten der griecliischen Landbewohner gemäss, 
kriiigen ^ie yon dem Vater geladenen Freunde 
und Verwandte zum Hochseitsgeschenk für die 
JVeuTermählten Schaafe, Lämnler und HomTieh , 
auf das Beste mit Blumen und Bändern geziert. 
Der Einzige , den Zidros einzuladen rergessen , ist 
der jange Lapas , den er wie einen angenomme- 
nen Sohn, oder nach dem zarteren Ausdruck des 
Rhapsoden, »wie den Sohn seiner Seele« erzogen. 
Die Absicht des Dichters dabei ist wahrscheinlich, 
die Freigebigkeit, die feine Höflichkeit des armen 
Lapas zu schildern, der ungeachtet des Schim- 
pfes, der ihm durch die unterlassene Einladung 
mochte angethan worden sejn, ein schöneres und 
seltneres Geschenk bringt, als die Eingeladenen, 
ein Geschenk, welches grössere Begierde, zu ge- 
fallen, anzeigt und desshalb auch mehr Zärtlichkeit 
ausdrückt. 

Das zweite Fragment handelt von dem Tod 
des Zidros, und mag, wie das erstere, in Thessa- 
lien gedichtet worden seyn. Jetzt werden beide 
dort wenig gehört, das Lied aber von der Vermäh- 
lung des Sohnes Zidros ist ein Lieblingsgesang der 
Hirten yom Pindos. 



— 60 - 



IB'. 
rAMOE TOT TIOT TOT ZlAPOT, 



Ki' Skoi ^fffaivovv xi^acTfia, x^tapia ^ xov^ovi^mx* 

'Z T* do'^tit xal '^ Tb (MxXafux xal '^ t& ^p^apixapt. 

Ki* Avivot^ dhv Tov Xoficurev anb Tohg xotkearrddai^' 

*H Zii^^aiva vbv Mj'iao'ei' dn6 tÄ ^afadipi, 

IldXe 97 fiavpi^ Zidgaiva^ 17 fuxvpi^ tirapafiai^a * 

ji KaXcD^ Tbv Adnav ^d> 'pj^erat fi' iLkdtpi a%oki(r^vov\ 

» Sxpdcrre t<w Aa^a*^ r^y övrdv tov TpftTca '$ ^ijv 7tpe66dTav^ 

n ZTp0<rr€ xal Tor TraXX^^xaptcgfy d^r' oXa xd TrpoTaira»« 



— 61 — 



XII. 
DIE HOCHZEIT DES SOHNES ZIDROS. 



Zidros richtet die Hochzeit ans, die Hochzeit seinem 

Sohne; 
Die Kiephten lad er ein, die zwölf Vorstände, 
Lad nicht den Lapas, den armen Sohn seiner Seele. 
Und alle brachten Geschenke , Widder mit Glöcklein , 
Und der Lapas brachte , angeladen , einen zahmen 

, Hirsch, 

In Silber and Gold and im Perlengeschmeid. 
Keiner doch achtet auf ihn der Geladenen, 
Nur des Zidros Frau, die erblickt ihn durchs Fenster. 
Ruft die gute Zidräna, die gute Pflegemutter: 
»Willkommen sey Lapas mit dem geschmückten Hirschi 
Bettet dem Lapas -in der Kammer, in des Tritsa Bett- 
statt; 
Bettet allen Tapfem yon allen Hauptmannschaften ! « 



— 62 — 



ir'. 

O 0ANATOE TOT ZIAPOT. 



'''Eva ^ovKdxi xdOnore 'q toÜ ^id^ov rb xe<pdXt. 
Aiv iXaXotxre '<r<iv orovXl, *(yav 6Xa %a novKfknia^ 



— 63 — 



XIII. 
DER TOD DES ZXDROS. 



Ein Vöglein sass auf Zidros Haupt , 

Nicht sprach es, wie ein Vogel, wie der Vögel 

einer, 
Es redete nnd sprach nach Menschen - Weise : 
O Zidros , warst du doch klug Tor allen Häuptern. . 



- 64 - 



ZACHARIAS UND NANNOS. 



Man kannte in Moreä scWerlicli mehr aU 
drei oder vier klephtische Familien , dayon ' die 
mächtigste die des Kolokotronis ist , die des Zacha- 
rias aber die älteste. Der Häuptling, der diese 
letztere berühmt gemacht hat, lebte um die Mitte 
des vorigen Jahrhanderts. Alle Sagen, die von ihm 
erzählen, legen ihm alle diejenigen Eigenschaften 
im höchsten Maasse bei, welche erforderlich sind, 
einen Klephten berühmt zu machen : eine Tapfer- 
keit sonder Gleichen, eine seltene Gewandtheit 
des Geistes, ungemeine Geschmeidigkeit des Kör- 
pers und Schnelligkeit im Laafen. Sie rühmen 
überdiess die Grossmath seines Charakters, seine 
Menschenfreundlichkeit' und seine Sorgfalt für die 
Griechen^ yorzügiich für die Unterdrückten und 
Armen. 

In dem ersten der beiden folgendep Lieder, 
das auf ihn gedichtet ist, obwohl sein Namen sich 
nicht darin befindet, würde man freilich vergebens 



— 65 — 

die Züge von Menschenfreiindlichkeit sachen , 
durch welche er, wie man sagt, sich ausgezeich- 
net hat; Das Stück ist in der That nichts, als 
ein keckes Selbstgespräch , worin Zacharias mit 
übermüthiger Ironie die Beleidigungen und Grau« 
samkeiten aufzählt , wodurch er sich an einem 
Popen Ton St Peter gerächt , über welchen er 
EJage zu führen hatte. 

Dass Zacharias, so menschenfreundlich er 
auch in anderen Fällen sejn mochte, alles verübt 
Labe, was das Lied erzählt, ist wohl möglich, ja 
es ist sogar wahrscheinlich ; denn die Sage berich- 
tet uns , dass der misshandelte Pope, Proestos der 
Provinz von St. Peter, ein persönlicher Feind des 
Zacharias gewesen, und dass auf seine Veranlassung 
mehrere Verwandte desselben umkamen. Auf 
Rechnung des Dichters kommt jedoch die durch- 
greifende Ironie des Stücks, die seinen Charakter 
ausmacht. 

Dieses in Morea gedichtete Lied wird auch 
heute noch daselbst gesungen. Es scheint , dass 
die geringe Anzahl klephtischer Gesänge, die bis 
dahin gedrungen sind, sich dort auch länger er- 
halten haben. 



II. 



— 66 — 
Das Lied Ton Nannos behandelt zwar keinen 

f 

SO ganz gehässigen Gegenstand, wie jenes erste 
Lied y nimmt aber doch auch das Leben der KJeph«- 
ten nicht yon einer sehr edlen poetischen Seite. 

Nach dem Name^ Nannos, "Ndvvoqy zu nithei-. 
len, welchen der Häuptling führt, scheint das Lied 
in Macedonien gedichtet^ Es ist nämlich diese 
Abkürzung yon ^Idvvri^ nur Macedonien eigen. 



— 68 - 



lA'. 
TOT ZAXAPIA 



T' tlv^ xh Haxhv ^o^ yivirai xovxo xo xaXoxat^t^ 
Tpia xtQ^idt ^OLq xXaiovxaiy xqia xBtpaXo^&^ia, 
Ji/Läq TtXaUxai x' Ivaq 'jtanäq &nh xhv ''Ayiov ILixgov, 
Ti xätta^ia xov xeparä^ xal xXalsx^ &n* i^iva, 
TMLiqva xib ß6dia x' ia<f>aJ^a; p^ra x& npoßaxd tov; 
Tiiv \iiav xov vvyLtpriv (piXncra ^ xaXq dv6 xov Ovyaxipaiq « 
üb 'va naidl xov cntdTOnaa^ t' dXXo xb ^r^pa <ncXd6ov^ 
Kai nevxaxdaruz dvb (fXongt^ä k^ayogäv xov ntj^a» . 
^OXa Xov<f>kv xä ^oLgaara , Xovtphv *g xdt ^aXXrindqia * 
Kt' dxoq \iov Shv Ixpdxrioa xtnoxe yid i^ieva. 



- 69 - 



XIV. 
ZACHARIAS. 



Welches Unglück ist in diesem Jahre denn geschehen > 
Riagen fiher ans drei Dörfer, drei Gapitaldörfer; 
üeher uns Uagt auch ein Papa , vom heiligen Petras 

einer. 
Was denn that ich dem Widder, dass er sich be- 
schweret? 
Seine Stiere, hab' ich die geschlachtet, oder etwa 

seine Schaafe? 
Seine Braut nor küsst' ich, and die. Töchter beide; 
Einen Sohn nor hab' ich ihm erschossen, weggefan« 

gen ihm den andern, 
I^ahm als Lösegeld fitnfhandert und darüber swei 

Piastßr. 
Die yertheilt' ich alle, gab als Sold sie meinen 

Tapfern , 
Und fär mich allein behielt ich nichts, für mich »a 

eigen. 



— 70 — 



IE'. 
TO MA0HMA TOT NANNOT. 



ISJ^yHnC 6 Ndwoq *q xd ßowdt^ ^riXd *q xd noftpoßoivia^ 
Kketpxdnovka ifui^ov^f ^aidid aeal ^aXkiixdfia^ 
Td ^d^m^B y xd aivoJ^e 9 xd ^Tta^u xftlg ;(iXfradai^ , 
Kt' öXti^u^lq xd 9l9a^ve, öXowTtxl^ xd Xiyei' 
»'Axovcrre, vtaXXtptdfui pLOv^ x' icrBlq, naiduit dtaui (lov, 
» Akv OiX& xkiipxaiq yiä Tpaj^ta, xXitfxavq yui xd xpia'pta - 
%'Mhv QiXei xkitpxaiq yid (ntadl, 7tXi<pxai^ yid x6 xovfpixt» 
» Tpteofy '(ie^Sy ^eg^axriindv vd ^dg&iuev fuav vbxxa , 
» No2 Ttd^LB , vd Tvar^crofie xii<; l^iKoXoüq xd amqxuz , 
» '0^6 ^^eu T* äarnga xd ^oXXdy xal t' iartiyUvt^a mdxa, « — 
» KaX(D^ T^y *ldvvriv n& 'gj^exail voLktSq xd vaXXrtTtt/giul a — 
» TlapdSaig OiXovv xd naidid, tfXafid xd walXi^xofpia , 
» Kl.' ixoq ^^ov OiXo xiiv xvfdv. 



— 71 — 



XV. - 
LEHREN DES NANNOS. 



]Vanno8 ging auf die Berge, auf den hohen BergLamm, 
Sammelte die Klephtenschaar , j^°g ^^^ kühn. 
Er versammelt sie , er ziehet auf drei Tansende zusam- 
men, 
Lehret sie tagtäglich, spricht allnächtlich: 
»Hört ihr Tapfern, wisset liehe Kinder, 
Nicht begehr' ich Ziegen- Lämmer -Klephten, 
Sondern Säbel- Flinten - Klephten wünsch' ich. 
Drei Tag -Märsche machen wir in einer Nacht; 
Aaf denn , überfallen wir das Haus der JVikolo , 
Die so viele Münze hat and Silberzeug ! — 
» Bist willkonunen , lannes , wird sie sprechen , sind 

willkommen deine Tapfem!« 
Dann verlangen kleines Geld die Jungen , Gold die 

Tapfern , 
Und ich selbst verlange nur die Hausfrau.« 



— 72 - 



SCHREIBEN DER HÄUPTLINGE 
VOM WALTOS. 



Dieses Lied, welchem jedocli die Schlassrerse 
fehlen, ist sehr bekannt unter dem Volk and 
Überdiess wichtig zur Geschichte der Armatolen 
und Klephten. Das Ereigniss , auf welches es 
anspielt , ist in Akarnanien rorgefallen , zu einer 
Zeit, die ich nicht genau ausmitteln konnte , die 
jedoch nicht über die Hälfte des Torigen Jahrhun- 
derts hinaus geht. 

Mehrere Armatolen dieser Gegend, verfolgt 
durch türkische Hinterlist, sahen sich genötfaigt, 
ihre Po sten zu rerlassen , die Tielleicht Alba- 
nesen gegeben wurden, und sich als freie KJeph* 
ten in die Gebirge zurückzuziehen. Stark durch 
ihre Zahl, yerein igten sie sich, um einen küh-* 
nen Streich auszuführen. Sie übersendeten dem 
Erzbischof von Arta und den bürgerlichen Obrig- 
keiten die drohende Anmahnung, mehrere an sie 
gerichtete Forderungen zu befriedigen. 



— 73 - 

In dem Liede, welches ich hier mittheile, 
ist nar eine derselben angedeutet, aber es ist die 
wichtigste and bedentendste yon allen. Sie for- 
dern, in ihre Stellen als Armatolen wieder einge- 
setzt zu werden, wie man die Wiedererstattung 
eines Eigenthoms oder eines Vorrechts fordert, 
dessen Rechtmässigkeit anerkannt ist. Es ist dieses 
ein Beweis mehr, neben so yielen andern, dass 
die Griechen das Recht, in der Eigenschaft als 
Armatolen die Waffen zu tragen, nnd selbst die 
Polizei in ihren Prorinzen zu yersehen, als ein 
solches betrachteten , das ihnen dorch Ueberein- 
kunft zustehe, und nur durch einen Gewalt- 
streich genommen werden könne. 



Das Lied ist in Akarnanien gedichtet, und 
wird zum Tanze gesungen, wie es das besondere 
Yersmaass, in dem es geschrieben ist, hinreichend 
anzeigt 



— 74 — 



IST'. 



rPA*H TXIN KAE^TXIN 
TOT BAATOT. 



Kai 'q Tot nivre ^CkaiTia^ 
("PßyaTe yd IJijfT* ä^e^^ta!) 
'£x' eil'' ol x>.£^Te^ ol ^oXKoly 
*'0V lydv^ivoi '^ tÖ (pX^gL 
"Kädovrai^ xal Tpcov^ xal ^Ivovvy 
Kai TT^i» "Aprav <po6epi^ovv» 
TLi^ävow xal ygcltpow ^iid yqoi.<pri'^ 
Xi^ovv td yivtWL xov Kav^' 
Tpd(f)ovvB «al '$ t6 KoporoTt^ 

npOO^Vl'OlJV «al TÖy ASCTTTOT??* 

» ^vXXoyiaO'^Ti to xaXd, 
»''Ort (rä^ xatfie to^ p^opta* 
» rXr^opa t' cepfiaToXr^xt , 
»"'Ot' epp^dftecTTe aäv Xvxot. « 



- 75 — 



XVI. 

SCHREIBEN DER HÄUPTLINGE VOM 

WALTOS, 



Auf, ihr Brüder ; kommt zu schauen , 

Unten in des Waltos Gauen , 

Zu Xirömeros und Agraphä, 

In den fünf Kreisen fern und nah , 

Da sind yiel Klephten einquartirt , 

Mit goldnen Kleidern wohl geziert; 

Sie sitzen da beim Wein y beim Schmauss y 

Und bringen Arta Furcht und Granss, 

Einen Brief haben sie erdacht und geschrieben , 

Ihr Gespött mit des Kadi's Bart getrieben, 

Auch haben sie nach Gompöti zur Hand 

Des Erzbischofs ihren Gruss gesandt: 

»Ihr möget dieses wohl erkennen, 

Sonst sollen eure Dörfer brennen; 

Gebt uns die Armatolen in alten Ehren, 

Sonst wollen wir das Land wie Wölfe yerheeren.« 



— 76 — 



INSCHRIFT AUF DEM SÄBEL DES 
KONTOGIANNIS , 



UND 



FRAGMENT EINES UEDS AUF 
KONTOGIANNIS. 



Kontogiannis, einer der berühmteren Häapt- 
linge aas der zweiten Hälfte des vorigen Jalir- 
hundertSy hatte, als Armatole oder ufiterworfener 
Klephte, seinen Standort zu Neopatras, nnd als 
freier Rlephte in den Gebirgen, welche die öst- 
liche Gränze der grossen Gebirgskette bilden , tob 
welcher Thessalien ringsumher eingeschlossen ist. 
Es ist höchst wahrscheinlich, obwohl ich es nicht 
yerbürgen kann, dass Kontogiannis, nach dem Bei- 
spiele Ton Andratsos und Kolokotronis, an den Be- 
wegungen in Morea yom Jahr 1770 Theil genom- 
men hat. 

Uebrigens befand sich die Familie des Konto- 
giannis unter der Zahl derjeniger, die, bald im 
Kriege bald im Frieden, sich immer in einer gewis- 



— 71 — 

sen Unabhängigkeit lu erhalten wnssten. Es war 
femer eine yon denen, in welchen der Titel eines 
Armatolen oder Häuptlings Tom Vater anf den Sohn 
überging, und zwar mit einem Säbel, der, zu- 
gleich Waffe und Schmuck , das edelste Stück der 
▼äterlichen Erbschaft ausmachte. 

Die beiden Kontogiannis , welche heute mit 
so vielen andern Tapfern fOr die Befreiung Grie- 
chenlands kämpfen, stammen ron den Häuptlin- 
gen, deren hier Erwähnung geschieht. 

Von den beiden Stücken, die hier folgen , ist 
nur das erste ToUständig, wiewohl es sehr kurz 
ist. Es ist die Inschrift jenes erblichen Säbels 
der Kontogiannis, und kein eigentlich klephti- 

« 

sches Lied. Demungeachtet habe ich nicht ange- 
standen, es in diese Sammlung aufzunehmen, 
um der genauen Beziehung willen, in der es mit 
dem Leben jener Männer stand. 

Die vier folgenden Strophen sind der Eingang 
eines Lieds, dessen Gegenstand ein Sieg ist, welchen 
Kontogiannis über die Milizen irgend eines Pa- 
scha's in den Bergen yon Gura, zwischen dem Busen 
von Wolos und der Mündung des Sperchios, erfocht. 



— 78 — 



IZ'. 
EmrPA^H TOT LHAeiOT KONTOIANNH. 



v" 



K' kXevde^oq 'q xov xoayuov. ^^ , 



— 79 — 



XVIL 
AUF DEM SÄBEL DES KONTOGIAXNIS. 



Wer Tor Tyrannen nie gebebt, 
Und frei auf dieser Welt gelebt. 
Dem ist für Ehre, Rohm and Leben, 
Allein sein gutes Schwerdt gegeben. 



— 80 — 



IH'. 
KOMMATION EIS TON lAlON. 



'O KovTOYidvvifi^ TToXe^i^) j^BiiLiSvotj xaXoxacpft. 



- 8i — 



XVIIL 
BRUCHSTÜCK AUF DENSELBEN. 



Die Bierge von Ga^a, warum stehen sie so traurig? 
Hat sie ein Hagelschlag hart getroffen, oder ein kalter 

Winterfrost ? 
»Kein Hagelschlag hat sie geschlagen/ kein kalter Win* 

terfrost : 
Der Kontogiannis , er kämpft im Winter im Sommer. . . . 



II. 



— 82 - 



KITSOS UND SEINE MÜTTER. 



Dieses Lied besingt ein seltsames Ereignisse 
welches in den Sagen and Geschicliten derKlephten 
allgemein bekannt ist. Der Held desselben , Kitsos 
( nach einer anderen Leseart Gbristos \ ist mir übri- 
gens TöUig unbekannt. Was den Schauplatz selbst 
betrifft 9 so kann die Benennung Klepbtocboria , 
Dorf der Klephten, sowohl einen Theil der thessali-» 
sehen Gebirge , als auch die Nähe des Berges Oeta 
in Phocis bedeuten; die grössere Wahrscheinlich- 
keit jedoch ist für das Letztere. Bestätigt sich diese 
Yermuthnng j so wäre dieses Lied in derselben 
Gegend gedichtet , wie das, auf Andrutsos, wel- 
ches ihm folgt y und dieses würde besser, als alles 
Uebrige, die Aehnlichkeit der Bilder und desStjIs 
erklären, die zwischen beiden Statt findet. 

Die drei rerschiedenen Abschriften, die ich 
von diesem Liede erhielt, hatten bei mancherlei 
bedeutenden Abweichungen doch das Ueberein- 



- 83 — 

stimmende^ dass allen die vier letzten Strophen 
fehlten. 

Fast in ganz Griechenland j and selbst in Con« 
stantinopely ist dieses Lied bekannt. 



— 84 — 



O KITSOS KAI H MHTEPA TOT. 



Mi t6 myrd^i (idXove , xal Tb nBT^oßoXowB * 
» ÜOTCcfifr , öXiydarTei^e , nord^ (rrpii)/' bniam , 

MvptoXo/ovcre xi' tXe^e, fiuptoXo^ol xal XifBt* 

» KtTcro , 9rot) elvav t* cxp^ara , tä tpni^ xcFavpiijM ; » — • 

» "Mdwa XaAii , fidvva TfsXii , ^idwa 'fy^vaXiaftivn , 

» Aiy xXat^ TÄ fiO(t?pa yeara ftov , xal t^i» noKkrixapuiv yiov y 

» Moi^ xXaX^ Tfl2 ^pKiiia t* äp^uxTa , tä Spi^fia Toranpd^ujt ! » — 



— 85 — 



XIX. 
KITSO& UND SEINE MUTTER. 



Des Kitsos Mattei* sass am Ufer des Stroms , 
Haderte mit dem Flass, warf ihn mit Steinen: 
»Strom, schwinde ein, kehre um, Strom, 
Lass mich hinüber, hinüber zum Kiephtensits , 
Wo die Klephten sich yersammeln, wo sie lagern.« 
Sie hahen den Kitsos gefangen , führen ihn zum Rieht- 

platz ; 
Vor ihm ziehen Tausend, Zweitausend nach ihm> 
Und ganz die Allerletzte folgt die arme Mutter. 
Wie um den Todten hat sie geklagt, sie spricht die 

Todtenklage : 
»Wo sind deine Waffen, mein Kitsos , wo deine sil- 

hernen Schienen?« 
»O Mutter, thörig, irre Mutter, Mutter ohne Sinne! 
Um meine Jugend weinst du nicht , weinst nicht um 

mein frisches Leben, 
Weinst um die armen Waffen nur, nur um die silber- 
nen Schienen f« 









- 86 - 

Und wie er spricht and wie er zürnt , ist ihm die Matter 

zar Seite; 
Sie hält das Messer ^ das löst seine Hände; 
Er nimmt einen Türkensäbel kühnen Griffs, 
Entweichet in's Freie erreichet die Höh'n. 



— 87 — 



ANDRIKOS. 



Von allen Ueplitisclien Häuptlingen islAndri- 
kos, gewölmlich bekannt nnter dem Namen An- 
dmtsos, derjenfge, welcher den ansgebreitetsten nnd 
schönsten Ruf zurückgelassen hat. Man würde 
kaum einen Griechen finden, der den Namen An- 
dmtsos nicht kennte^, nnd der nicht gewohnt 
wäre, ihn mit Bewunderung und Ehreriiietung 
auszusprechen : man wird wenige finden , die 
nicht wissen , dass Andrutsos für die Freiheit 
Griechenlands gefochten hat, zu einer Zeit, als 
Griechenland noch ohne das Bewosstsejn seiner 
Kräfte war; und sollte es dennoch einige unter 
ihnen gehen, denen alles dieses unbekannt wäre, 
so müssen sie den Andrutsos wenigstens als den 
Vater des Odjsseus ehren, jenes Helden, dem 
das neue Griechenland die Hut der Thermopj- 
len anvertraute. 

Die Nachrichten , die ich hier von dem Leben 
des tapfern Andrutsos mittheilen werde, gründen 
sich freilich nur auf unvollständige und nicht sehr 
genaue Traditionen i aber dieses Wenige bestimmt 



"•• öo •*" 

yiellelclit irgend einen Griechen, einen Freun4 
seines Yateilands , eine genauere und ausführ- 
lichere Lebensbeschreibung dieses Helden zu 
liefern. 

Andrutsos stammte aus Livadien, aus einer 
der ältesten Familien der Klephten oder Armato- 
len , und erhielt frühzeitig den Titel eines Haupt- 
manns des Armataliks jener Proyinz. 

Es widerfuhr ihm, was unfehlbar allen An- 
führern griechischer. Milizen , widerfahren musste, 
die persönlichen oder nationalen Stolz zu der Aus- 
übung ihres Geschäfts hinzubrachten: er wurde 
der türkischen Hohheit verdächtig , und wie es 
scheint, genöthigt, in den Gebirgen als freier Kleph* 
te zu leben. 

Es ist mir unbekannt , ob er noch in diesem 
Kriegsstande yerharrte, oder ob er zum ruhigen 
Besitz seines Armatoliks zurükgekehrt war, als im 
Jahr 1770 Morea den Versuch machte, sich gegen 
die Pforte aufzulehnen. Gewiss ist, dass yon dem 
Augenblick an , wo er yon ilen Bewegungen zu 
Gunsten der Freiheit, die unter den Mainotten sich 
gezeigt hatten, ^Nachricht erhielt, sein Geist sich 
ganz nach dieser Seite wendete. 



- m - 

Es möchte nöthig sejn, hier einige Besonder« 
Leiten jenes Anfstandes in Morea anzufahren , 
der in seinen Folgen so zerstörend wnrde; aus 
Mangel an Räum werde ich freilich nur die Haapt- 
begebenheiten erwähnen können. 

Im Monat März des Jahrs 1770 erschien ei- 
ne rassische Flotte mit Landungstruppen an den 
Küsten der Mainotten^ wo sie von den Häuptlin- 
gen des Landes^ die in Gemeinschaft mit ihnen 
handeln sollten, erwartet worden war. Ohne Wi- 
derstand schifiten sich die Russen aus. Die Mai- 
notten, die eine Unterstützung yon fünf bis sechs 
tausend Mann erwartet hatten , waren nicht wenig 
überrascht , kaum sechs oder sieben hundert lan- 
den zu sehen , und diese waren, ihrerseits sehr er« 
staunt, die Rüstungen und Hülfsmittel der Grie- 
chen weit unter ihrer Erwartung zu finden. Der 
Hauptunterhändler dieser Sache hatte beide Par«« 
theien betrogen, indem er jeder derselben die Kräfte 
und die Geneigtheit zum Kampfe der anderen Par- 
thei in einem allzu günstigen Lichte gezeigt hatte. 

Auf jeden Fall war es zu spät, zurükzutreten , 
und man setzte sich sogleich in Bewegung, um 
zwei kleine, halb aus Griechen halb aus Russen beste- 
hende, Corps zu bilden, yon denen das eine sich in 



^ 90 -- 

das Innere des Landes begab, das andere längs der 
westlichen Rüste yon Morea hinzog, am das Volk 
zum Aufstand ru bewegen^ und um sich einiger 
festen Plätze zu yersichern. 

Das Insurgenten- Corps, das in das Innere des 
Landes Torgedrungen war, bemächtigte sich so- 
gleich Kalamata's, dann Misitra's, und belagerte 
Tripoliza. Das andere Corps, welches längs des 
Meeres hinzog , begann seine Operationen mit der 
Belagerung yon Koron , das es jedoch nicht ein- 
nehmen konnte; es bemächtigte sich des Hafens 
und der beiden Schlösser yon Nayarin, und zog 
yon da nach Modon, um es zu belagern. 

Die Nachricht yon der Ausschiffung der Rus- 
sen auf den Mainottischen Küsten und yon ihrer 
Vereinigung mit auj^estandenen griechischen Heer- 
haufen yerbreitete sich in einem Augenblick über 
ganz Griechenland, und yerursachte dort die leb- 
hafteste Bewegung. Mehrere Städte waren auf dem 
Puncto, sich zu empören , und erwarteten zu diesem 
Ende nichts als die Gewissheit, yon den Russen un- 
terstützt zu werden , oder wenigstens sichere Nach- 
richten yon den glücklichen Erfolgen ihrer Un- 
ternehmungen. 

Einige Anführer der Klephten aus dem Nor- 
den der Halbinsel und den benachbarten Proyinzen 



~ 91 -- 

eilten^ ohne weitere JßrkiindtgQiigeii einzusiehen, 
den Insurgenten zu Hülfe, Andmtsos kam aug 
Livadien mit seiner ganzen Schaar und yielen an-* 
dem tapfern Männern, die zur Förderang dieses 
Untemelimens zu ihm gestossen waren, und zog 
in Toller Eile die Strasse nach der Halbinsel , nach 
Einigen an der Spitze von fünf hundert Mann, 
Andere geben ihm nur zwei hundert; es ist wahi^ 
scheinlich, dass ihm etwa dreihundert folgten. 

Mit dieser kleinen Schaar erzwang Andrutsos 
den Durchgang über die Landenge von £.orinth, 
durchzog ohne Hin demisse den Norden der Halb- 
insel , und langte bei den Mainotten an , voll 
IJngedult f sich mit dem russisch - griechischen 
Beere zu rereinigen« Allein zu spät. Schon gab 
es kein russisch - griechisches Heer mehr. Er- 
schrekt durch die Albanesen, die in grossen Tag- 
märschen heranrückten, unzufrieden über den ge- 
ringen Erfolg ihrer kriegerischen Unternehmungen, 
und lau geworden durch den schwachen Fortgang 
derlnsurrection überhaupt, hatten die Russen schon 
wieder ihre Schiffe bestiegen. Diejenigen Grie- 
chen, die sich am lautesten fiir sie erklärt hatten, 
waren ihnen gefolgt, alle Uebrigen aber hatten die 
Waffen von sich geworfen und sich in die Gebir- 
ge versteckt 



- 92 -^ 

In diesem Angenblick gab es nur eine Be- 
trachtang, die {khig war, den Schmers des An- 
chnitsos über das zerstörte Werk, das zu unter- 
stützen er gekommen war, zn zerstreuen, und dieses 
war die Rücksicht auf die Grösse der Gefahr , in 
der er sich befand. Tausende von Albanesen und 
Türken zogen über den Isthmus und warfen sich 
auf Morea, die .Griechen ohne Unterschied des 
Alters und des Geschlechts wüx|;end. Durch 
diese Heerhaufen von wüthenden Freibeutern musste 
Andrutsos den Rückzug nach Liyadien suchen. 

Er forderte seine Tapfern auf, guten Muth 
zu behalten, versprach, sie aus dieser gefährlichen 
Lage zu befreien , und begann seinen Rückzug. 
In Tripoliza forderte er von dem Pascha einen 
Geleitsbrief für sich und die Seinigen , der ihm 
auch ohne Anstand gewährt wurde, obwohl der 
Pascha schon seine Maassregeln getroffen hatte 9 
dass weder Andrutsos noch einer der Seinigen le- 
bend aus Morea hinaus kommen sollte. 

Ohne sich auf das Wort des Pascha zu yer-* 
lassen und immer auf seiner Hut, verfolgte An- 
drutsos seinen Rückzug, von Zeit zu Zeit geneckt 
durch albanesische und türkische Schaaren^ die 
jedoch weder Stärke noch Muth hatten , ihn auf- 
zuhalten. Erst auf der Landenge selbst erkannte 



— 93, — 

er die Grösse seiner Gefahr and den Yerratli des 
Pascha's. Acht Jbfs zehntausend der aaserlesensten 
feindlichen Trappen, sowohl Infanterie als CaTal- 
lerie, erwarteten ihn in einer anangreifbaren Stel- 
lung. Ohne ihm Zeit zu lassen , über seine eigene 
Stellung nachzudenken , stürmten sie unaufhaltsam 
auf ihn ein, ihres Sieges und seiner Vernichtung 
gewiss. Andrutsos zog steh in scheinbarer Eile 
zurück , bis er einen rortheilhaflen Haltungspunct 
fär sich gefunden hatte , hier wendete er sich plötz- 
lich, stürzte seinerseits auf den Feind, der, übei^ 
rascht, von denjenigen angegriffen zu werden, die 
er Terfolgte, gänzlicli geschlagen wurde. 

Nach diesem Siege zog Andrutsos westlich, 
längs des Busens yon Lepanto, in der Absicht, 
Patras oder irgend einen andern Platz an der 
Küste zu gewinnen, und sich dort mit Güte oder 
Gewalt auf die Fahrzeuge der ionischen Inseln 
einzuschiffen , die er gewiss dort zu treffen hoSte. 
Die Türken hörten nicht auf, ihn zu verfolgen, 
mit mehr Vorsicht und nicht weniger Erbitterung, 
als vorher, so dass sein Zug von jetzt an nichts 
als ein langer Kampf war. Nacht wie Tag war er 
gezwungen , in Thätigkeit zu sejn und seinen 
Leuten das Beispiel eines beständigen Kampfs 
gegen Mühseligkeiten aller Art, gegen die Bedürf- 



~ 94 — 

nisse des Schlafe and der' Speise zvl geben, indeni 
er Leine andern Lebensmittel hatte, als das "Weni«- 
ge, was er dem Feinde abgewinnen oder streitig 
machen konnte. 

Schon waren Andmtsos und die Seinigen acht 
oder zehn Tage in diesem Zustande immer wach- 
sender Gefahr gewesen, indem sie marschirten, ohne 
recht za wissen wohin , and kämpften , ohne etwas 
mehr yon dem Sieg za erwarten ^ als nur nicht ganz 
vom Feinde erdrückt za werden , als sie zu Vosttza 
ankamen , einer kleinen Seestadt am Basen von Le« 
panto, mehrere Meilen östlich von Patras. Hier 
schienen ihre Kräfte gänzlich erschöpft, and alle , 
mit Ausnahme eines Einzigen, ergaben sich schon 
in ihren Herzen der harten Nothwendigkeit , dem 
Feinde in die Hände zu fallen. Dieser letztere, 
ihre Pfiedergeschlagenheit bemerkend, Tcrdoppelte 
die Raschheit und Entschlossenheit seiner Bewe- 
gungen , und umwickelte sie endlich dergestalt , 
dass sie fast keinen Schritt mehr thun konnten, 
ohne mit ihm zusammenzutrefifen. 

Diese gefahrliche Lage überwältigte jedoch 
den Muth des Andrutsos nicht. 

Er erschien jetzt ganz er selbst. Seinen Er- 
mahnungen und seiner Unerschrockenheit gelang 



~ 95 - 

es endlich. He Hoffnang, zn entkommen, und den 
Wunsch, za siegen, in dem Herzen sein^ Lenie 
wieder anzuSftchen. Drei Tage und drei Nächte 
währten die Angriffe der Türken fort; er wider- 
stand allen. Am Morgen des vierten Tages, ehe 
jene noch beschlossen hatten, welchen nenen An- 
griffspnnct sie wählen sollten, stürzte Andratsos 
auf sie mit aller der Energie, welche ihm und 
den Seinen der feste Entschlnss gab, die Feinde 
ca durchbrechen oder aof dem Platze za bleiben. 
Kräftig hielten die Türken diesem unerwarteten 
Angri£F Stand , und der Kampf war hartnäckig und 
blutig. Andrutsos vArlor einViertheil seiner klei- 
nen Schaar; endlich aber ergriff der Feind die 
Flucht« Mehr als drei tausend Türken blieben auf 
dem Schlachtfelde; dabei der grösste Theil ihres 
Gepäcks und ihrer Lebensmittel. 

Von dieser sänmitlichen Beute nahmen Andrutsos 
und die Seinen nur die Lebensmittel für sich; seit 
drei Tagen hatte Keiner etwas genossen, und mehrere 
waren in dem Kampfe früher durch den Hunger 
gefallen, als unter den Streichen der Türken. 

Dem siegreichen Andrutsos blieb nun die Wahl, 
seinen Weg nach Patras zu verfolgen , oder sich 
sogleich nach Yostiza zu begeben« Das Letz- 



- 96 - 

tere war das Leichteste und Sicherste ;* er ergriff 
es und warf sich in die Stadt Vostica. Er fand 
hier Fahnseuge aas Zante, Gorfa nnd anderen In- 
seln der Küste y auf welchen er sich mit dem Reste 
seiner Tapfem einschifite. 

Als Andmtsos Morea rerlassen, sog er sich 
nach Preresa, einer der yier Städte in Epirus, die, 
wie man weiss, damals anter dem Schatze der Re- 
publik Venedig standen , zurück. Der Frieden yon 
Kainardschi ward geschlossen im Jahr 1774» Rnss- 
land hatte durch einen hesondern Artikel Amne- 
stie fiir alle Griechen ausb^dungen , die in die- 
sem Kriege die Waffen gegen die Türken getragen 
hatten, und so erhielt Andmtsos die Erlaubniss, 
nach Liyadien zurückzukehren : er benutzte sie 
auch wirklich, ohne dass ich jedoch genau den 
Zeitpunct angeben könnte. 

Es ist leicht einzusehen, dass, wenn Andmt- 
sos schon vor den Ereignissen in Morea der tür- 
kischen Regirung verdächtig war, er nach den- 
selben, und nachdem sein Ruf durch ganz Grie- 
chenland gedrungen war , es noch mehr werden 
musste. Wahrscheinlich musste er sich zu wieder- 
hohltenmalen in die Gebirge zurückziehen; dem- 
ungeachtet yergingen mehrere Jahre , ohne dass 



— 97 — 

Ton ihm gesprochen warde. Nur bei grossen Er- 
eignissen konnte Andrutsos sich zeigen y wie es 
seiner würdig war, nnd erst im Jahr 1789 bot 
sich eine solche Gelegenheit dar. 

Seit 1786 hatte der Krieg zwischen Rassland 
und der Pforte aoTs neae begonnen, und ersteres 
war bemüht, in irgend einem Theile yon Griechen- 
land einen Aufstand zu erregen, ähnlich dem 
firüheren in Morea, nur mit dem Unterschiede, 
dass es diesesmal den Griechen allein alle Gefah- 
ren und Anstrengungen überlassen wollte. Aus 
dem , was ich in der Folge über die Sulioten zu 
sagen haben werde, wird hervorgehen, dass Epirus 
diejenige Provinz war, die man aufzuwiegeln un- 
ternahm nnd Suli der Gentralpunct für die Ope- 
rationen; dorthin hatte man die Truppenabthei- 
lungen beschieden, aus denen das Insurrections- 
Heer zusammengesetzt werden sollte. 

Andrutsos war dahin gerufen worden, und 
hatte sein Wort gegeben , dort zu erscheinen : er war 
unter den Ersten, die eintrafen, mit den Auserwähl- 
testen seiner Krieger , und benahm sich , wie man 
es von ihm erwartet hatte. In der Schlacht, wo 
die Suliqten , vereint mit den übrigen Insurgenten, 

» 

Ali Pascha schlugen^ stand der Livadische Held 

II. 7 



■^ 98 — 

Hü der Spitze eines der grösaten Heerhaufen , und 
trug niclit wenig zum Siege bei. Grieclienland 
emdete keine Früchte yon diesem Sieg*; schon 
hattet wie das yorigemal, Rnssland die Griechen 
yerlassen, und Andrutsos, von neuem in Gefahr, 
floh yon neuem nach Preyesa. 

Diesesmal blieb er nicht so ruhig wie yorhin. 
Der Diyan zeigte sich sehr aufgebracht über ihn, 
und die Republik Venedig würde mit feigherziger 
Gefälligkeit gern den geächteten Armatolen ausge- 
liefert haben, hätte er sich in einem yon ihr ab« 
hängigen Lande befunden, so aber sah sie ihn 
mit geheimem Yerdruss in einer Stadt, wo sie die 
Achtung schonen mnsste, die man dort yor dem 

Ifamen Yenedig's hatte« 

•* 

Obwohl zu dem beschränktesten Priyatleben 
gezwungen, erregte doch Andrutsos die Aufmerk- 
samkeit aller Griechen ; demungeachtet bestimm* 
ten ihn die Ungewissheit seiner Lage, der einem 
thätigen Manne so unerträgliche Müssiggang , yiel- 
leicht auch die Hoffnung auf eine militärische An^ 
Stellung in Russland, zu dem Entschlnss, eine Reise 
nach St. Petersburg zu unternehmen. Er reiste ab, 
und begab sich , ohne auf die Warnungen seiner 
Freunde zu achten, die ihm das yenetianische Gebiet 



- » — 

zu meiden riethen, furchtlos und ohne die kleinste 
Vorsichts- Maassregel in die von Venedig abhän- 
gigen Provinzen. Nor zu bald erkannte er sein 
Versehen; an den Mündangen des Gattaro ergriff 
man ihn auf den Befehl der Durchlauchtigen Re- 
publik , warf ibn in das nächste türkische Schi£^ 
und sendete ihn nach Gonstantinopel. 

* 9 

£r mnsste erwarten ^ enthauptet zu werden, 
und dieses war wohl das Geringste , was für ihn 
zu befürchten war, wenn man sich der giiausa- 
men Todesarten erinnerte, die andere klephtische 
Anführer, and unter diesen Kolokotronis *) erlitten. 
Dieses Klephten bedienten sieb anfang» die Tür- 
keui um die A]banesen aus Morea zu vertreiben, 
dann liess man ihn unter Martern sterben , die zu 
schauderhaft sind, um hier erzählt zu werden. 

Diesesmal war es anders: der Diyan, viel« 
leicbt durcb eine gewisse Ehrfurcht vor der Tapfer- 
keit und dem Rufe des Mannes bewogen, begnügte 
sieh, ihn in den Kerker zu werfen. Vielleicht aucb 
hegte man die HoffnuAg, ihn für den Islamismus 



*) Der Yater des Helden Kolokotronis , der glorreiche 
Siege zur Befreiung Griechenlands von den Türken er- 
fochten. 



— 100 — 

and die Pforte su gewinnen. Man yersicheite 
wenigstens 9 dass dem Andrutoos, nachdem er ei- 
nige Zeit im Geföngnisse zugebracht hatte , von 
dem Sultan die Freiheit, nebst einem Ehrenpelze, 
angeboten worden sey, wenn er ein Muselmann 
werden wolle. Andrutsos antwortete, dass er als 
Grieche zu sterben gedenke , und blieb in dem 
Geftngnbse. 

Im Jahr 1798 befand er sich noch darinnen, 
als der Gesandte der französischen Republik von 
dem Grossyezier seine Freiheit yerlangte. »Man 
könnte mir leichter drei Millionen , als die Freiheit 
des Andrutsos abfordern«, antwortete dieser. Nach 
türkischer Art hiess dieses einen hohen Werth auf 
einen Menschen setzen. Russland schien es nicht 
wagen zu wollen , sich um Andrutsos willen eine 
abschlägige Antwort zu hohlen, und der Held stsnb 
im Kerker an der Pest um das Jahr i8oo. 

Zu diesen wenigen Zügen aus dem Leben des 
Andrutsos habe ich nur noch hinzuzusetzen, dass 
er fast eben so berühmt und bewundert war um 
seiner körperlichen Stärke , der Grösse und Schön- 
heit seiner Gestalt, und des edlen Stolzes seiner 
Haltung und seines Blicks willen , als selbst wegen 
seiner Tapferkeit. Sein Knebelbart war allgemein 



— 101 — 

bekannt wegen seiner ungemeinen Länge, wodurch 
sein Besitzer gezwangen wurde y ihn stark zusam- 
mengedreht hinten am Kopfe zu befestigen. Ein 
so drohendes und wildes Aeussere verband sich 
mit einer sanften und weichen Seele, die den 
Keim aller Tugenden in sich trug. 

Ich konnte mir über Andrutsos nur das ein- 
zige kleine Lied Terschaffen, welches hier folgt, 
unvollständig und von unbestimmtem Inhalt. Die 
Matter des Helden, beunruhigt über sein Ausblei- 
ben , haucht ihre Klagen in rührenden Worten aus , 
die sie an jene Orte richtet, wo sie ihn zurück- 
gehalten glaubt. Diese Klagen scheinen sich auf 
die Gefangennehmung des Andrutsos durch die 
Tenetianer zu beziehen , oder wenigstens auf die 
Ungewissheit, worin man sich um seinetwillen 
inLivadien befinden mochte, als man erfahr, dass 
die insurgirten Griechen in Epirus yod den Russen 
waren verlassen worden. 

Der Styl dieses Lieds deutet auf das mittägli- 
che Griechenland hin. 



- 102 — 



K'. 
TOT ANAPIKOT. 



-«^ 



» Tt Ttd^BTav Tbv vloTtav ftov , xbv xaTTST^)/ 'AvS^Lttov f 

» IIoi? elvaif xal ^^r tpalv^Tai tovto t6 xocXoxaXpt ; 

» '2 t6i; "Aanpov Siv AxovaOiiixBv f ovSi *q xb Kap^Ev^o*«* 

»'AraOefia cra^, Fepoi^TE^) x' iaiva^ Kapo/ec&p/?? ! 

» 'EcreZo* T^y'^ldv jww ^Mä^eTar, Toy TcptSxov xbv Xtiivxriv* 

n A^o^ov t' ^AvdpLx' avoL^Bxe yd 'pOij '^ tö KapTrei^^crt. « 



— 103 — 



XX, 

ANDRIKOS, 



Die Matter des Andr&os ist in Trauer, die Matter des 

Andrfkos weint, 

Sie wendet oft sicli za den Beiden, schilt sie alle: 

»Agräphon, wildes Waldgebirg , Agrtfphon, holier Berg- 
kamm, 

Wo habt ihr meinen lieben Sohn , den Hauptmann 

• Andrfkos ? 

Der Sommer fliehet und mein Ang erblickt ihn nicht, 

Za Aspropötamos und zu Rarpenfsi höre ich nichts yon 

ihm. 

Fluch dir, Gerontes, und du bist's, Rarageorgis! 

Ihr vertriebt meinen Sohn , den ersten unter den Tap- 
fern. 

O Flüsse, werdet seicht, kehrt um im Lauf, 

Macht dem Andrfkos Bahn nach Karpenfsi!« 



— 105 — 



KALIAKUDAS. 



Von dem Kiepliten KaliakAdas, dessen in 
dem folgenden Liede Erwlhnong geschieht , weiss 
ich nichts zu sagen, als dass er sich anter der 
Schaar des Andmtsos befand , and dass er, am den 
Verfolgangen za entgehen, deren Opfer sein An- 
fuhrer in dem yenetianischen Gebiete geworden 
war, sich mit den WafiEen in der Hand in die 
Aetolischen Gebirge warf, am dort den Krieg ge- 
gen die Türken and Albanesen fortzosetzen. 

Dieses Lied trägt den Charakter des mittägli- 
chen Griechenlands and der Rüsten. Es wird 
jetzt in Akämanien gesangen, obwohl es wahr- 
scheinlich in Morea, oder aaf einer der benach- 
barten Inseln gedichtet warde. 



— 106 — 
TOT KAAIAKOXAA. 



N' Afvdvreva vr^bq tiiv ^^apuäp, T^y Iftjfiriv liddxTiVf 
Nä äxova TJ^y Aoixcuvav, toü Aoixa xiiv fvvdlKa , 
H&q xhxUif ^&q ^vpioXo^ä^ vdSq (iavpa ddac^a ;(^eu 
'Zäv nspStxo^Xa OMßerai, Acräv vanX [taiUxav^ 
2Äy Tm Ttopdxayp xä fpvegdt l;i^e^ vriiv tpofztrukv ttj^. 
'2 xä wüt^oMpia xdOevaif, td niXay^ dyvavTVozty 
Kft' Sera Ttafdß^a xt' äv TregvoCv 9 Ska xd Iq&vd^i * 
»Bapxo€fX6$9 xapaßaxia yLOVy p^^crdf [lov ^spyavTlvMy 
»A'hrov 9ro€i ^rare xt' i^j^eade '^ *r6v fptjfioi' t^ "BdKvov ^ 
» MJji' elSerav xbv Avüqa pot? , t6v Ao^av KaXtaxo^da?/ ,- » 
» *HfteX^ ^Iq xhv &<pvi(ya\uv niqa \ xh VcvoqoKiiiv. 
ii'BXj(av dfvui xal i-^ou/pavy xpicipta crovSXiaryiiva' 
» W^xav naX nivxz ^iniridai^ , raZ^ arovßka^g vd p^fl^ovy. « 



— 107 — 



XXL 
KALIAKUDAS. 



»Könnt' ich fliegen, wie ein Vogel, könnt' ich in die 

Lüfte steigen, 

Wollt' ich schaa'n ins Land der Franken, and ins ein- 
same Ithäki, 

Dass ich die Lucäna, Lucas Gattin, hörte , 

Wie sie weinet, wie sie jammert, wie sie hittre Thrä- 

nen spendet. 

Wie ein Rebhahn seufzt sie Klagen, wie die Ente sich 

zerraufet ; 

Schwarz wie tlabenflügel ihre Kleidung. 

An dem Fenster sitzt sie, schaut aufs Meer hin, 

Alle Schiffe, die da konmoien, J&agend: 

»O ihr Barken, « ihr Schifilein, goldne Brigantinen, 

Die ihr kommet, die ihr geht zum wilden Waltos > 

Sah't ihr meinen Gatten, Lukas Kaliaktldas?« ^- 

Jenseits Gayrolfmi liessen wir ihn gesteni« 

Lämmer hatten sie zum braten, hatten Widder an dem 

Bratspiess; 

Hatten auch fünf Bey's beimBratspiess, die iho drehten.« 



— 108 — 



AUFFORDERUNG AN DIE KLEPHTEN 
VOM BERGE OLYMPOS^ 

DER VERWUNDETE lOTIS 



UND 



STERGIOS. 



Ich yereinige hier drei Stücke , die viele Be- 
ziehung unter einander haben , und die, wenn 
auch nicht alle derselben Zeit^ doch wenigstens 
derselben Folge von Ereignissen angehören. 

Es war um's Jahr 1785, als Ali yon Tebelen, 
schon reich und berühmt durch seine Erpressun- 
gen, vom Diran mit dem Titel eines Pascha's von 
Trikala auch den eines Derwendschi-Baschi, oder 
eines Aufseher's über die Strassen erkaufte.* &ie 
Rtephten , oder vielmehr die Armatolen, die zwar 
in ihren Rechten schon sehr beeinträchtigt worden 
waren, behaupteten doch in Thessalien eine be- 
deutende Macht, und unter ihren Einflüssen und 



— 109 — 

mit ihrer Unterstützung ward das griechische An- 
sehen in diesem Lande aufrecht erhalten. In der 
Absicht, die türkische Aatorität wieder herznstel- 
len, oder auch zu begründen , nahm der neue Der* 
wendschi • Baschi die kräjEUgsten Maassregeln gegen 
die thessalischen Klephten, und der Erfolg dieser 
Unternehmungen vermehrte noch seinen Buf. Viele 
derselben drängte er in die Gebirge, wo er nicht 
aufhörte, sie zu bekriegen, bald mit List bald mit 
Gewalt, immer aber den Zweck der Vertilgung 
dieser kühnen Repräsentanten ursprünglicher grie- 
chischer Freiheit im Auge behaltend. 

Die folgenden Lieder beziehen sich , wie mir 
scheint, auf eine der kriegerischen Epochen jener 
Zeit. Das erste, als historisches Stück merkwürdig , 
enthält das Andenken einer allgemeinen Auffor- 
derung zur Uebergabe, von Ali Pascha an die 
Rlephten des Berges Oljmpos gerichtet. Es gibt 
den Inhalt des Erlasses, übersetzt und übertragen 
aus dem griechischen Kanzlei - Styl in den poeti- 
schen Ton der klephtischen Gesänge. 

Der Erfolg solcher Aufforderungen war nie- 
mals weder dauernd noch allgemein. Die meisten 
KJephten, die sich im Augenblick der Gefahr oder 
des Vertrauens zur Aussöhnung bereit gezeigt hatten, 



— 110 — 

sögerten selten sehr lange, -die Höhlen wieder anf- 
znsnchen« wo sie ihre Waffen yersteckt hatten, 
nnd es blieben sogar immer noch einige übrig, 
die standhaft alle Aufrufe, ja selbst alle Drohun- 
gen des Derwendschi -Baschi zurückgewiesen hatten* 

lotis und Stei^ios, die in dem zweiten und 
dritten der folgenden Lieder auftreten , sind zwei 
dieser hartnäckigen EJephten. 



— 112 



KB'. 

ITPOSTArH EIS TOTS KAE$TAE 
TOT OATMnOT. 



Hovxo t6 xaXoxalfi,^ xal t^ ävoifyv^ 

j^^OXoi vot xaraiS^xe an' %bv " OXv^nov , 

» Not nfoaxvvfiüre'c^ SXoi, irbv 'AX^ naaräv. « — 

Av^ ^raXXipca^ta \i6vov ^iv npoarxvvfi<Tav * 

Kai '$10? 6<wy' ävaißalvowy Tfij^ovv '$ ti^i' xKetpnd, 



— 113 — 



XXII. 

ERLASS AN DIE KLEPHTEN DES OLYMPOS. 



Diesen Sommer^ diesen Frühling, 
Schrieben sie uns Briefe , schwarz aof weiss : 
»Alle die ihr Kiephten war't im Hochgebirge 
Kommt herab y ihr alle, yom Oljmpos, 
Beugt euch alle yor dem Ali Pascha ! c — 
JVar zwei Tapfre wollten sich nicht beugen ; 
Fassten ihre Flinten, ihre blanken Säbel, 
Rannten ins Gebirg zur Kiephtenfreiheit. 



II. 8 



— 114 — 



Kr. 

O inXHS nAHTIlMENOS. 



Tfia jcovXaatut xddovrap g T^g TLava^iaq Thv w6pY0Vf 
Td xqL* depada txkaiav j ^rtxpÄ yixpioKoyovGav * 

9 "Koufbq dkv bIv* df^irmXbg ^ xKi(pT7iq ^<f>iToq va *^yr^q > 

»T^ xd defßivia Tov^Bf^avy xd 'n^fav ^AgSavinregfi^ — 

» Ki' dv xd de(f6ivia rov^x&^fav, xd 'tf^^uv *Af6avixeg, 

» TLofaxakicrxB xhv @Bbv 9 Ttal Skovg xo^g dylovg , 

» No? lax^Bvd^ xh j(iqi fu)«, yd md(r0 xö arnadi (to« » 

» Nd 7tdf(D dinXa xd ßovvd , dlnka xd xoftpoßovvi'Ot 9 

» T^d TtiAa^ dfddoug ^anfxavohgf xal Tovgxovg xi* 'Ap£ai;tTa^y 

» No^ f^ipovvx* äanpa 'g xiiv ^oduiv, xal xä (phoptd *g xbvxoftpov» 



— 115 — 



XXIIL 
DER VERWUNDETE lOTIS. 



Auf dem Thnrm zur heiligen Jangfirau «assen drei Vög- 

Sassen da and sangen nach einander, weinend ihr Kla- 
gelied: 

» Wias sinnest du, mein lotis, was trägst du im Herzen? 

Ist's doch nicht Zeit jetzt Armatole zu seyn oder 

Klephte ; 

Denn die Pässe sind türkisch , sind besetzt mit Albane- 

sen. « 

»Und wenn alle Pässe türkisch sind, besetzt mit Alba- 

nesen , 

So bittet Gott and bittet alle seine Heiligen, 

Dass meine Hand genese y dass mein Schwerdt ich fasse; 

Und ich ziehe über die Berge, über der Berge Rücken, 

Führ' hinweg gefangene Agen, Türken, Albanesen; 

Dass sie mir ihr Silber bringen im Schoosse, ihr Gold 

im Basen, 



— 116 — 



KA'. 
TOT STEPriOT. 



*0 l^nripfi^q elvtu ^oivravhqy nourdSeq dkv ^(fidei, 

''Oaov j(iovi4<y^ Td ßowd^ Tov^xovq p^ ^^oarxvvov^Vm 

Ilä^ev vd Xi[uqidi(QfJLBv y Snov tpaXed^ovv Xvxol 

'2 iravq j^&faiq axkdßot xaTOiKO'ÖVf *q Tohq xd^ilrovq fxi rohq Tovpxoij 

X<äpat^ Xayxddia xC l^'f^kialq i^ovv Td TcaKXit^dpia. 

TLapd (ii Tovfnovq, fii dripiä xaKi^Teqa vd ^ovyLtv* 



117 — 



XXIV. 
STERCHIOS, 



Sind Gefilde türkisch worden y 
Im Besitz der Albanesen; 
Stergios ist noch am Leben , 
Keines Pascba's achtet er. 
Und so lang es schneit hier oben 
Beagen wir den Türken nicht. 
Setzet eure Vorhut dahin, 
Wo die Wölfe nistend hecken ! 
Sej der Sclaye Stadtbewohner; 
Stadtbezirk ist unsern Brayen 
Wüster Felsen Klippenspalte. 
Eh' als mit den Türken leben 
Lieber mit den wilden Thieren! 

GöTBE (Kunst u. Alterth. Bd. lY. H. i.) 



— 118 



LIAKOS 

UND 

DIE BEFREIUNG DER GATTIN 

DES LIAKOS. 



^m^ 



Die beiden folgenden Lieder beziehen sich , 
ich weiss nicht ob 'dui einen oder zwei Rlephten 
mit Namen Liäkos. Mass man, wie ich es yer- 
mathe, zwei Personen dieses Namens unterschei- 
den , so wäre derjenige der yorzüglichste unter 
ihnen , der den Inhalt des ersten Lieds aasmacht. 
Er war einer jener Häuptlinge , welche die Der- 
wenagas des Ali Pascha bekriegten , und die in 
den Gebirgen yon Agrapha oder Aetolien hausten. 

Mit Stolz hatte Lläkos die Aufforderung des 
Ali Pascha ausgeschlagen, sich unter der Bedin- 
gung zu ergeben, dass er an einem andern Orte 
als Armatole wieder auftreten solle; darum zog 
jetzt der berühmte Weli Guekas , einer der Der« 
wenagas des Pascha , mit den Milizen mehrerer 
Cantone heran. 



— 119 — 

Der Bericht von diesem Zag und Ton dem 
Sieg des Liäkos macht den Inhalt des ersten Lieds, 
eines der einfiichsten der ganzen Gattung , ans. 

Das Folgende kann mit dem ersten auf keine 
Art yerglichen werden , denn Inhalt und Form 
desselben weichen gänzlich ah. 



— £30 — 



KE'. 
TOT AIAKOT 



» npOTo^ vd ^a^ dpuaiToXhq y SepßevayoLq vot 'jfivißq. « — 
Kft' avxiipoq &KOitpidrmBj ^vxdva xal xov artkvzk* 
»*0<ro *van Auxaeo^ ^mvravhg, nourdv ihv vpoaxvydtu 
» Ilaurd ^jith Kiditoq to oniMBXy ße^ipiip %h xofxpixi. c — 
*AXn ^otaäq adv '^ anowrt , ßaptd to6 WMauKpdmi ' 
Tpd<ptL yapxid xal vpoßoSa, 7tpo<rxdyLyMxa xaX crrikpev 
9 S' iariva, BeX^ Fxexa po«, 'q iraXq j&pai^y '^ xd j(Opid pot) 
jiTii» Kidxov diX& iatvravhvj n xdv &naidafi(Uvov,fi — 
'E8y^x' 6 TxiTtag ytofavid, xal xwifiyä Tot?§ xXit^oug, 
Kt' Iw^yc xal to«^ ^r^axocre '^ Thv Myfov, \ nrb Xiyiepi, 
Kv* apj(yravt Thv 7€okeyu}v ^ xd ßpovrtpd Tovtpixux* 



• »- 



■h 



— £21 — 



L I A K O S. 



Beage^ LIakos, dem Pascha, 
Benge dem Yezire dich. 
Warst du yormals Armatole, 
Landgebieter wirst da nun. 
»Bleibt nur Liakos am Leben , 
Wird er nie ein Beugender. 
I^HT sein Schwerdt ist ihm der Pascha, 
Ist Yezier das Schiessgewehr.« 
Ali Pascha das yernehmend 
Zürnt dem Unwillkommenen, 
Schreibt die Briefe^ die Befehle, 
So bestimmt er, was zu thnn. 
Weli Guekas, eile kräftig 
Dorch die Städte, durch das Land, 
. Bringt mir Liakos zur Stelle , 
Lebend sey er, oder todt! 
Guekas streift nun durch die Gegend, 
Auf die Kämpfer macht er Jagd, 
Forscht sie aus und überrascht sie, 
An der Vorhut ist er schon. 



^ 122 -- 



'O AuiTtoq trpe^ev i^Tvpbq ^ xb <m<i8l '^ rb <rTO(ia. 

'EXalow 17 &p6avivur<rsq ^ %oi fiavpa ^pope^iiveg'^ 

Kk* 6 BAii Txixotg fbpurt \ rb oSi[M tov nvifii^ivog, 

Kfr' 6 "Miovarvoupdg XaßMtiits 'q t& 'j^ovot xal *q rb xh^* 



~ 123 — 

Kontogiakupis , der schreit nun 
Von des Bollwerks hohem Stand: 
Herzhaft^ Kinder mein! zur Arbeit, 
Kinder mein, zum Streit hervor! 
Liakos erscheint behehde, 
Hält in Zähnen fest das Schwerdt. 
Tag and IVacht wird nun geschlagen, 
Tage drei, der Nächte drei. 
Albaneserinnetr weinen, 
Schwarz in Tränerkleid gehüllt; 
Weil Guekas kehrt hvr wieder 
Hingewürgt im eignen- Blut. 

GöTHB, (Kunst u. Alterth. Bd. lY. H. i.) 



— 124 — 



KZT. 

EAET0EPnEI5: THS ITNAIKOS 
TOT AIAKOT, 



T' eW xb xaxbv TttyS yh^xai, *g X(y0 Aux'xot) *ri^v ywaUta^ 

» Aidxaiva, Slv navSpeieaai, } 9hv 7cipv$i^ Tovpxov dfi^9pa;f— > 
»KaXXia voi IdS t6 alfux' ftoD Tiiv yHv vot xoTtxivUrjßf 
» Hapct voL i8di Toi [idTia (tot> , Tovpxoq yd vd (piXiqctji, « 
Ki' 6 Auxxo^ TJ^i^ aYvdvTBvev a'svb i^Xj^v pa^oiXaVy 
"Kovrd xparel töi' Mavpov tov, xpvfpd irbv xoSei^rta^et * 
» Aii^vao'at , Mavpe , dvvaaat vd 'SyclXitg xiiv xvpdv arov ; « -~ 
» A'^afi'^ dt^^^^n^) ^vi^aftat ra' '6/äXa> tV xvpoci^ fto«* 
» No? po« avifyiarj^q t^v Toy^y , yrf ^ra/o 9r£pa 9r£pa. « — 
Idv *vcrJYe xal rijy {ß/^oXe, 'g tov Atofxov t(w t^v fpipei. 



— 125 — 



xxvt 

BEFREIUNG DER GATTIN DES UAKOS. 



Welcli Geschick hat sie betroffen, des Liäkos Gattin? 
Fünf Albanesen halten sie y zehn andre fragen : 
»Willst da nicht freien, Liäkäna^ zum Mann einen 

Türken nehmen?« 
» Viel lieber sah* ich , dass mein Blut die Erde röthe y 
Als dass die Aagen mir ein Türke küsste ? « 
Und Liäkos erblickt sie y yon steiler Höhe schaat' er 

herab; 
Seinen Rappen ihm zor Seite, den fragt' er heimlich: 
»Kannst da retten, Rappe, kannst du, deine Herrin?« 
»Retten kann ich Herr, erretten meine Herrin; 
Mehrst da mir den Haber, spreng ich im Finge fort!« 
Und er sprengte fort and rettete, brachte heim sie zam 

Liäkos« 



— 126 - 



DER KLEPHTE ALS GEVATTER. 



Ob der Klephte , der unter dem Namen Georg 
in diesem Liede vorkommt , einer und derselbe 
ist mit dem jungem !^ruder des Katsantonis , Ton 
dem in der Folge die Rede sejn wird, oder ein 
Anderer dieses Namens , dessen gleichfalls in 
den folgenden Liedern Erwähnung geschieht, dar« 
über weiss ich nichts zu sagen. Aber wie dem 
auch sey; nichts kann geeigneter sejn, eine Vor- 
stellung zu geben yon der unaufhörlichen Bewe- 
gung , den Unruhen und den Gefahren der grie- 
chischen Eiephten , als was diesem armen Geoi^ 
widerfuhr, der gezwungen war, das Kind, das er 
zur Taufe hielt, schleunigst hinzulegen, um den 
Seinen zu Hülfe zu eilen, die Ton den Türken 
überfallen worden waren. 

Um die Wichtigkeit zu begreifen, die der 
Dichter auf die Handlung des zur Taufe-Haltens legt, 
muss man einerseits wissen, wie nothwendig und 
doch wie schwer zugleich es für die EJephten war, 
sichere Aufenthaltsörter zu haben , wohin sie sich 
zurück ziehen konnten; und andrerseits muss man 
bedenken , dass der Titel » Geratter « bei den 



— 127 — 

Griechen ein geheiligter Name ist, ELraft dessen 
der Mann, der ihn übernimmt , gewissermaassen 
der zweite Vater des Rindes wird, wie es das 
Wort auch ansdriiekt; er selbst wird dagegen ein 
Theil der Familie , nnd hat Rechte auf die Znnei* 
gnng und die Dienste aller Glieder derselben. 

Mitsobono, der in dem Liede als Anführer der 
Tmppen bezeichnet wird y die gegen Georg's Lente 
gesandt worden, war einer der tapfersten nnd be- 
rühmtesten Anfuhrer des Ali Pascha, nnd wir wer- 
den ihn in den Kriegen gegen die Solioten auf- 
treten sehen. 

Den Klephten, gegen die er zu wiederhohli 
Cenmalen ausgesandt wurde , war er eben so furcht- 
bar, als Weli Guekas, und Viele Ton ihnen, die 
das Unglück hatten, in seine Hände zu fallen, 
mussten unter Martern sterben, die allzuschreck- 
lich sind, um erzählt zu werden« 

Der Schauplatz des Lieds ist wahrscheinlich 
Epiros, und eben hier wird es auch wohl gedich- 
tet worden seyn. 



— 128 — 



KZ'. 
TOT TEßPrAKH. 



*Apaid , apaid xd pi^ovvB ol 9t%i<pTeg xd Tovtphtia , 
*0t* elv* oi ybavpoi jLtSTpi^Tol , - Ät' elv* ol yMvp* okiyqVf 
K*' äv 8exa<prd^ tlC dv ^cxo;^ä, xt' dv etxoo-' övofwxTOfr. 
Kt' ov^^ sei* d Fcöpyo^ ely' |^o, Trijye '$ to ftorao^^p** 
'ExeJ ßa<pTL^* ivo^ watdl, ya' ';^i? 7ti[ avxhq Ttovy^'xdpoVy 
Na xa^' 6 px'Cfpoc ^vpiCfia, xal <piKov vd '^vpL^ri^ 
'Td naXktiitdpui t &n* id<S (piivot,%av xt' aTir' exeXOe* 
»"A^ce, r£(Dp}'(xx^^ tÖ Tratdl, xt' ap^ra^e tä ToiH^^xr 

> *H Tta^arui fux^ ^Xaxoxrs , Tre^orpa neu xaSdXka. « •— 
»Bao-TÄT', 6 re<öpyi;$ (pApot^e^ ^h tA aoraöl '^ t(J x^P*' 
» T6>^ TOTToy ^lacrre 5rj;aT06, 9rux<rTe to? ^erspt^u»! . 

» Ki! Gci; xa'ft' 6 ©e^$ x' 17 ILavayvd vd xdyLißiie yiovpovirtf 

> Tbv M.iT^onnovov ^avxavbv xvTTa^eTe rc? Ttulaxe, « 



— 119 — 



XXVIL 
GEORGAKK GEVATTERSCHAFT. 



Einzeln fallen der Klephten Schüsse, einzeln. 

Denn der Armen Zahl ist massig, sind nur wenige zur 

Stelle , 

Siebzehn, oder achtzehn, oder höchstens zwanzig. 

Und der Georges fehlt, der ist im Kloster, . 

Hebt ein Knäbchen zur Taufe , dass er einen Geyatter»« 

mann gewinne, 

Sieb erwerbe eine Zuflucht, einen Schutz - Freund für 

die JVoth ! 

Da rufen ihm seine Tapfern Ton hier und dort her: 

jiGeorgakis, lass das Rind, ergreife die Flinte! 

lieber uns dei; Feind , mit Mann und Ross ! « 

Scbrei't darauf der Georgis , hält den Säbel in der Faust : 

» Steht , behauptet euren Platz , deckt euch den Rücken ! 

Fallen wir dann auf sie mit Gott und mit der heiligen 

Jungfrau, 

So habt Acht, dass ihr den Mitzompönos greift leben- 
dig. « 



II. 



— 130 -r. 



SKYLLODIMOS- 



Die Familie Skyllodfmos war ein altes Ge- 
schlecht von Armatolen aas Akarnanien. Von vier 
Brüdern dieses Namens , die in dieser Zeit lebten, 
sind mir nur zwei bekannt geworden; und diese 
sind es, Ton welchen im folgenden Liede die 
Rede ist. Der eine derselben war zweiter Anfüh- 
rer der Armatolen in Akarnanien, scheint aber 
nie einre grosse Rolle gespielt zu haben. Der an- 
dere , der jüngste der vier Brüder, Spyros Skyllo- 
dfmos, ist der Held des Lieds; ihm ist widerfah- 
ren, was hier erzählt wird. 

Im Jahr 1806 fiel er, ich weiss nicht Jl>ei wel- 
cher Gelegenheit, in die Hände Ali Pascha' s , der 
ihn in die Gefängnisse von lannina werfen liess; 
hier schleppte der Unglückliche seine Ketten im 
Wasser und Schlamm eines tiefen unterirdischen 
Kerkers. 

Endlich gelang es ihm, nach Verlauf mehrerer 
Monate, mit Hülfe einer Feile, eines langen Gür- 
tels und hauptsächlich seiner ungemeinen Gewandt- 
heit, in der Nacht des Bairamfestes zu entfliehen. 
Aber um frei zu seyn, reichte es noch nicht hin, 



— 131 — 

sich ausserhalb der Mauern seines Gefängnisses zu 
befinden; während der Nacht konnte erdasSchloss 
nicht yerlassen, denn dieThore waren geschlossen; 
bei Anbruch des Tages aber konnte man seine 
Flucht bemerken, ihn yerfolgen und wieder ein- 
bringen lassen. 

"Nur eines blieb ihm übrig. Die Ufer des 
Sees Ton lannina sind an manchen Stellen sum- 
pfig und mit Wäldern yon Schilf bedeckt« Spj- 
TOS sprang in den See und drang in dem Rohr- 
dickig so weit Yor , bis das Wasser ihm an 
das Kinn reichte ; während man ihn zu lanni- 
na allerwärts suchte, ^ar er ganz nahe, un- 
sichtbar und ToUkommen sicher yor Verfolgung, 
aber yon Frost durchdrungen und yon Hunger 
gequält,' ohne irgend zu wissen, wann und auf 
welche Weise er diese schreckliche Lage . yerlassen 
könne. Drei Tage und drei JVächte soll er hier 
im Schlamme yerborgen gewesen sejn , bis er 
sich eines Kahns bemächtigen konnte, auf vrel- 
chem er über den See gelangte und endlich, auf 
yielen Umwegen Akarnanien erreichte. Spä- 
terhin erwarb er sich wiederum die Gunst Ali Pa- 
scha's und erhielt eine Stelle unter Odjsseus, als 
diesem der Oberbefehl über Liyadien übergeben 
wurde. 



- 132 — 



KH'. 
TOT EKTAAOAHMOT. 



Kai Tiiv "EXpiiviiv *q Tb vtXevpbv tl'x^z vd xhv lUpda'^ * 
TtlLipva ijl\ "EXprivn p' t^iiopfpriy xipva p', 8<rov yd fpi^i^, 
ik^OfTov vd tSy* a'^yspivb^^ vd ndf* 17 ^ovXi,a ^^ev^ia' 

» Ai7fio , 8iv el^b SovXd aov , xpaal vd ari xspdatD * 
»'E^eb el^ai' vv^jj ^poear&Vy tlC &p^6vTaiv OvyaTipa. » -— 
Ki' oPDTov y^pbq Td ^apdyyi^xa , nepvovarav Svb duxfiohre^ * 
El^av Tfl? yiveia y^axpvd^ Tb ^p6aron6v Tovq pavpoi^. 
K' Ol 8vb xovrd tov oTdOiixav, xol Tbv l^aip&ucvcav * 
» ILoKii iifiipa , Af fi({ fiov. « — « KaXcs^ Toi?^ SiaßdTaig * 

» $epo(tei^ pi^atpeTif fittTa d^i t^i^ &9ep<p6v crov. c — 

» Ata^aVe^y ^ov töi^ cJdeTai^ eaeX^ Tbv a8ep(66v fUH), — 



— 133 — 



XXVIIL 
SKYLL0DIMO& 



Unter den Tannen sass Skjlfodfmos heVm 'Uabley 

Ihm zur Seite stand Irini, Wein za schenken. 

» Schenk' , Irini schöne , schenke Wein mir, bis es 

taget! 
Bis der Morgenstern heraufsteigt und die Henne mit Äan 

Kffchlein schwindet; 
Dann geleiten dich zur Heimath zehn der Tapfern.« 
»Nicht^ o Dimos, bin ich deine Sklavin, Wein zu 

schenken , 
Eines Prodstos Braut, ron Archonten Tochter.^« 
Und es röthet sich der Morgen, — kommen da zwei ' 

Wandrer, 
Trüben Angesichts, mit langen Barten. 
Und die beiden, nahe zu ihm tretend, grüssen: 
»Gaten Tag, meinDimos!« — »Guten Tag ihr Wandrer! 
Wandrer,, wie erfahrt .ihr, dass ich Skjllodimos 

heisse?« — 
»Bringen wir doch Grüsse dir yom Bruder.« 
»Wandrer sprecht, wo saht ihr meinen Bruder?« 



— 134 — 



» 'Z 'xd *ldvvivct '<; xiiv fffvXaatiiv Thv etdayLav xXeurfieyor. 
» £l;^6 'q xd X^P^^ criSepUf xal «Xcnreu^ '^ T(i vto8dpia, c 
Ki' 6 ZxvXXod^fio^ Sdxpvfre^ xt' IxLvfitre vd (pvyi^. 

»'O &dep<p6q arov eW i8fS' tXa vd crh (piXiicnf. « 
Kft' liuXvoq xhv ifvwpure' *q xd x^^^ '^^^ '^^^ vißpv 
rXvxo? x' ol 8vh (piXiiOiptav 'g xd ^xia xal ^q xd x^iXti 
Kai x6xs xbv ipAxiiCtv 6 ^ijfioq xal xbv Ai/e»* 

üllcSf^ dc^^ iro)' *Ap6avix&v i^k^wareg xd ^^pioua — • 
»N^;(Ta tJ& X^P**^ p' IXvo'a, xal icmoura xaXg «Xasrai^, 
»Ki' M>vxptn^a xijv aridepiAv, xi' ImiSniora 'q xbv ^dhvov, 
» K' rfipa Bva ^v6fy)Xov , xi* impaara xiiv U^vt^v. 
»Ilpot)^^ xd 'Idvviv' ätpriaa^ xal xd ßowA ift^pa. c 



— 135 — 

»In dem Kerker sali'n wir ihn zu lännina; 

Fass-Schellen an den Füssen , an den Händen trag er 

Eisen. « 

Weinen masste SkjUodimos , schickt' sich an zur Flucht. 

»Bruder Dimos, wohin eilst du, wohin eilst du Haupt- 
mann ? 

Hier zur Stelle ist dein Bruder , komm, und lass dich 

küssen ! « 
Da erkannt' ihn jener , schloss ihn in die Arme ; 

Beide küssten &oh sich Aug und Lippen. 

Bald dann fragte DImos, also dprach er: 

»Setze dich, mein süsser Bruder, komm', erzähl' uns: 

Wie der Albanesen Hand entkamst du? 

» In der Nacht befreit' ich meine Hände j, zog die Füsse 

aus den Eisen, 
Brach mein Gitter, sprang hinunter in den sumpfigen 

Graben , 
Fand ein schmales Kähnlein, das trug mich hinüber. 
Vor zwei Tagen floh ich aus lännina und gewann die 

Berge. 



— 136 — 



D I P L A S. 



Diplas, der Held des folgenden Lieds und 
ein Häuptling im akarnanischen Gebirge, lebte bis 
gegen das Ende des yorigen Jahrhunderts. Lange 
schon hatte Diplas, der älteste an Jahren und An- 
sehn , im Kufe eines Meisters aller Rlephten ge- 
standen, als Katsantonisy Yon dem ich sogleich 
ein Weiteres erzählen werde, sich auszuzeichnen 
anfing. Diese beiden Häuptlinge hatten ihren 
Aufenthalt in demselben Gebirg und in benachbar- 
ten Bezirken , und wurden daher nicht selten rer- 
anlasst, sich gegenseitige Dienste zu leisten, ja 
es knüpfte- sich ein enges Freundschaftsband zwi- 
schen ihnen. 

Wurde Katsantonis durch albanesische Trup- 
pen überfallen, die an Zahl seine Schaaren allzu- 
sehr überstiegen, so rief er Diplas zur Hülfe her- 
bei, und die beiden rereinigten Hauptleute warfen 
den Feind zurück; war die Gefahr yorüber, so 
begab sich jeder wiederum in seine yorige Stel- 
lung. 



— i37 — 

Einmal jedoch lief dieses nicht so glücklich 
ah. Die beiden Tereinigten Schaaren, welche xa- 
sammen kaam mehr als hundert and swansig 
Mann ansmaohten, wurden yon fünfzehnhundert 
Mann Albanesen überfallen, und zerstreuten sich, 
sehr übel zugerichtet. Die beiden Anführer mit 
einer kleinen Zahl ihrer tapfersten Leute waren 
zurückgeblieben , umringt yon der Hauptmacht der 
Albanesen , denen kein Einziger entgehen zu kön- 
nen schien. »Welcher ron euch ist Katsantonis?« 
rief der feindliche Anführer, indem er gegen das 
Ueine Häufchen der Kiephten yortrat. »Ich bin 
es,« antwortete ohne Zögern Katsantonis; zu 
stolz, um seinen Namen in einem Augenblick zu 
yerschweigen , wo es gefahrlich war, ihn zu nen- 
nen. Hiermit warfen sich die Albanesen auf ihn, 
und froh, ihn lebendig ergriffen zu haben, schlepp- 
ten sie ihn mit sich fort. Es war um ihn gesche- 
hen, als Diplas mit donnernder Stimme rief: 
»Wer ist der Unyerschämte , wer ist der feige 
Rlephte, der sich fangen lässt und es wagt, mir 
meinen Namen zu stehlen? Ich bin Katsantonis, — 
wer ihn sucht, komme heran; sie sollen sehen, ob 
er sich fangen lässt! 

Bei diesen Worten, die im Zorne yon einem 
Krieger ausgesprochen wurden , der bei weitem ein 



— 138 — 

Ehrfarcht gebietenderes Ansehn hatte, als Katsan- 
tonis , lassen die Albanesen diesen , and werfen sich 
auf Diplas. Diplas yertheidigt sich , während sein 
Gefährte entrinnt; — man fordert ihn auf, sich 
zu ergeben, er widersteht, nnd auf den Leibern 
Ton sieben Türken , die er erschlagen hat , Mit er 
endlich selbst, Tom tödlichen Stoss getroffen. 

Wir müssen hinzusetzen, dass yiele andere 
Klephten, z. B. Nikos Tsaras oder Andrutsos, sich 
in einem solchen Falle der Aufopferung des Diplas 
Tielleicht würdiger gezeigt haben würden , und 
sich lieber mit ihm würden haben tödten lassen , 
als sie geflohen seyn würden. 

Leider ist es nicht diese schöne. That , die den 
Gegenstand des folgenden Liedes ausmacht; es ist 
ein anderes kriegerisches Ereigniss , in dessen Ver- 
lauf Diplas die Schaaren des Katsantonis scheint 
befehligt zu haben , yermuthlich weil dieser krank 
oder verwundet war. 

Muchurdaris, der albanesische Anführer, yon 
dem hier die Rede ist, war einer der ausgezeich- 
netsten Generale Ali Pascha's. Das Lied wurde in 
Akarnanien gedichtet, und wird dort auch vorzugs- 
weise gesungen. 



— 140 — 



K0'. 



TOT AinAA. 



Kai Tä XnUfia tpiva%av ^ Barov ^C äv ^itnopovcrav* 

«'O yiovj^ovpddpTiq ip^erou, fii xiaraepaiq ;(iXia^ai^* 

» 9ip^ 'Afßaviraiq tov vcaaäy ^edkXohq Tcroj^aiapaiovi;; 

» 'Z xä 86vTia aaipovv rä cmaOiäf '^ xä x^pta Tdt Tov^^xta, »— > 

«'O AMrXag eli^ot i&VTavbgy y^oXe^ov 8iv iupLvti* 

n'''E»}(th XeSivraiq SiaXe^o^qy 8Xovq 'KaroravT&vaiovq* 

y^TpSv xiiv napovTTiv träv ^opl, xä ßoXia cräv npocrf^dy^^ 

9 Kai atpdiovv Toipxovq cräv xpayvä ^ &ya8<M(; aav xpuipio, » 



— M± -^ 



XXIX. 

D I P L A S- 



Zu Diplas sprachen die Frennde, sie warnen, 

»Aii£, entfliehe mein Diplas, bringe den RatsantAnis 

fort. 
Dich hat Ali Pascha erspäht; er sendet Machurdibris«« 
Und die Wachen riefen, sie schrieen laut: 
Der Muchordtfris ruckt an mit Yiertansenden ; 
Er hat die Alhanesen des Pascha, yiele Leihwachen! 
Tragen die Sähel zwischen den Zähnen, Musketen in 

den Händen!« 
» Diplas weicht , lebendig , keinem Kampf ans ! 
Auserwählte Tapfre führt er, alle Katsantonier. 
Pulyer essen die wieBrod, essen Kugeln wie Gebratnes, 
Schlachten Türken ab wie Böcke , und die Agen gleich 

den Hammeln!« 



— 142 — 



DER TOD DES WELI GÜEKAS, 



Die drei Hauptpersonen der folgenden Lieder 
sind sämmtlich in der neuesten Geschiclite yon 
Epims und Akamanien berühmt. Einer derselben 
ist der nämliche Weli Guekas, dessen schon ein- 
mal Erwähnung geschehen , und yon dem ich hier 
noch Einiges zu sagen habe. 

Er war aus Albanien gebürtig, wie es der 
Name Guekas anzeigt, denn durch diesen Beina- 
men wird ein Zweig dieses Yolksstamms bezeichnet. 

Frühe trat er in die Dienste Ali Pascha's und 
erhielt yon ihm die Stelle eines Derwenaga, d. h. 
eines Befehlshabers über die Truppen, welchen 
die Bewachung der Grenzpässe übertragen ist. Hier 
entwickelte er nun im Kampfe gegen dieRlephten 
alle jene glänzenden Eigenschaften, durch wel- 
che er in ihrer Mitte sich hätte auszeichnen kön- 
nen, — einen unbezwingbaren Muth, eine Körper- 
kraft , die allen Anstrengu'tagen trotzte , und eine 
seltene Gegenwart des Geistes in den yerwickelt- 



— 143 — 

«len Fällen. In Epims y in Thessalien und Akar- 
nanien gab es wenig klepHtiscbe Anführer , mit 
denen er nicht nach and nach znsammengetroffen 
TTäre, und yiele bezwang and unterwarf er aachy 
so dass alle yor ihm in grosser Furcht lebten , bis 
an den Tag, wo er gegen Katsantonis ausgesendet 
wurde. 

Katsantonis, oder Kitsantonis, wie ihn Andre 
nennen, war ein Agraphiote und der älteste yon 
fiinf Brüdern , yon denen mir jedoch nur zwei be- 
kannt geworden sind: Lepeniotis, der seinen Na- 
men yon der Stadt Lep^non führte, wo er geboh- 
ren war, und George, der jüngste yon den fünfen. 

Es gibt in Griechenland, und yorzüglich in 
Akamanien und Thessalien, nomadische Hirten, 
die im Sommer ihre Heerden auf die Höhen des 
Pindus und seiner yerschiedenen Verzweigungen 
bis in die Macedonischen Gebirge fiihren, und im 
Winter die benachbarten Ebenen oder die Nähe 
des Meeres suchen« Diese Hirten bilden mitten in 
Griechenland eine Nation für sich, mit einfachen 
and romantischen Sitten. Sie yereinigen ländliche 
Einfalt mit kriegerischem Muth, beneiden die Be« 
wohner des flachen Landes nicht, und fürchten 
nichts yon den Klephten, mit denen sie in den 



— 14* — 

Gebirgen im besten Yemehmen stehen , fast eben 
so anabhängig wie sie, und ohne ihre Gefahren. 
Aber der gierige Despotimus des Ali Pascha, der 
überall hin drang and alles ergriff , störte aach 
das friedliche Daseyn dieser Nomaden in ihrer Ein- 
samkeit, wie die Rahe der Angesessenen in den Städ- 
ten and Dörfern. Er erwarb sich aaf dem Wege 
der Gonfiscation anzählige Heerden, die nan die 
Weiden der übrigen beeinträchtigten ; er hielt seine 
eigenen Hirten, die sich berechtigt glaubten, die 
andern zu mishandeln. Endlich legte er sowohl 
auf den Gapitalwerth , als auch auf den Ertrag 
dieser Heerden , ungewöhnliche Abgaben, wodurch 
manche bis dahin wohlhabende Familien zu 
Grunde gerichtet wurden. 

Von einer dieser Familien , die am meisten 
yon den Neckereien Ali Pascha's zu leiden hatte, 
stammten Katsantonis und seine Brüder. Die Natur 
hatte ihn nicht dazu geschaffen, Ungerechtigkeit 
und Beleidigungen mit Geduld ertragen zu können; 
er sprach oft dayon, wie er sich rächen and ein 
Klephte werden wolle, um seinerseits die Diener 
des Pascha zu verfolgen. Aber er war klein , 
Ton schwächlichem Ansehn, und hatte eine leise 
und lispelnde Stimme, so dass seine Drohung, 
ein Klephte werden zu wollen , etwas Lächerliches 



— 145 — 

an sich trug und wenig berücksichtigt wurde. Dem- 
ungeachtet hielt er Wort , als er auf das Aeusserste 
gebracht worden war; er verkaufte, was ihm yon 
fieerden übrig geblieben war, yerbrannte seine 
Hütten und Zelte, ergriff die Waffen und die 
Tracht eines Klephten und suchte Gehülfen. Die 
ersten, die ihm folgten, waren seine Brüder; Ande- 
re schlössen sich an, und er hatt^ deren bald 
mehr, als er begehrte. ^ 

Weun wir ein imponirendes Aeussere abrech- 
nen , so besass Katsantonis alles , dessen er be- 
durfte, ein gefürchteter Klephte zu werden. Er 
■wsüc tapfer bis zur Verwegenheit, besass eine eben 
so bewunderungswürdige Gewandtheit des Korpers 
als Erfindungskraft des Geistes, und kannte das 
ganze Labyrinth dieser Berge. Ungeduldig, das 
Unrecht wieder £u yergelten, das er erlitten hatte, 
begab er sich in denjenigen Theil des Gebirgs 
Agrapha, welcher noch zu Thessalien gerechnet 
-wird, und durchzog mit seinen kriegerischen Schaa«- 
ren dieselbe Gegend , in , welcher er kurz zuTor 
friedliche Heerden geweidet hatte. Von diesen 
Höhen stürzte er sich auf die türkischen Besitzun- 
gen herab, plünderte, raubte ohne Erbarmen, ja 
yerschonte selbst die Griechen nicht immer. Auch 
war er bald auf gleiche Weise yon diesen, wie yon 

II. lO 



— 146 — 

lenen gehasst, und man kann ihn allerdings niclit 
nnter diejenigen AnfClhrer zählen, deren gesete^ 
lose Thaten durch patriotische Beweggründe ver-* 
edelt oder gemässigt wurden. 

Ali Pascha , dem er in kurzer Zeit unermess- 
liehen Schaden zugefügt hatte , sendete zu ▼er- 
schiedenen Malen zahlreiche Heerhaufen gegen 
ihn, di^ jedoch in seiner Verfolgung nicht glück* 
lieh waren. ' Bald warf sie der yerwegene Ratsan- 
tonis mit offenbarer Gewalt zurück, bald entkam 
er ihnen durch unerwartete Ereignisse, bald durch 
erstaunungswürdige Wendungen, über die seine 
eigenen Leute nickt weniger als seine Feinde in 
Verwunderung geriethen. Eine derselben hörte 
ich erzählen , und obwohl sie wahrscheinlich nicht 
zu den ausgezeichnetsten gehört, so ist sie doch 
seltsam genug, um hier wiederhohlt zu werden. 

Ratsantonis hatte einstmals, ich weiss nicht 
in welchem Gebirge, einen Posten besetzt, dem 
man sich nur durch zwei Engpässe nähern konnte, 
deren einer etwa eine halbe Meile ron dem andern 
entfernt war. Wahrscheinlich war er yerrathen 
worden, denn die Albaneseti zogen in zwei yer- 
schiedenen Haufen heran, und besetzten die Beiden 
Ausgänge, durch welche er seinen Rückzug hätte 



— 147 — 

nehmen können. Katsantoni's Leute kielten sieb 
für yerloren, denn es war Leine Möglichkeit^ die 
besetzten Wege zn durchbrechen, und ihnen blieb 
Jkein anderer Ausweg übrig , als auf einem nackten, 
ziemlich hohen, und fast senkrechten Felsen hin-* 
unter zu gleiten. Niemand konnte auf den Ge- 
danken kommen, sich auf diesem Wege zu retten, 
aber Katsanrtonis befielt, auf ihn zu sehen und zn 
than^ wie er. 

Hierauf hieb er mit seinem Säbel einen star- 
ken Fichtenast vom Baume, befreite ihn Ton den 
dem Stamme zunächst befindlichen Aesten, ohne je» 
doch die dichten Verzweigungen der Spitze zu 
berühren, und rutschte nun schrittlings auf diesem 
Ast den Felsen hinunter, ohne Beschwerde, und so^ 
gar ohne grosse Gefahr, indem die yielen kleinen 
Aeste , auf die er mit der ganzen Last seines Kör- 
pers drückte, das allzu schnelle Herabgleiten yer- 
binderten. Das Beispiel des Hauptmanns ermunterte 
die Schaar, und die albanesischen Milizen erfuh- 
ren erst ihr Entkommen durch die erneuerten Un- 
mhenr des flachen Landes. 

Von allen Thaten Katsantonfs erregte der Tod 
des Weli Guekas am meisten Aufsehen , indem er 
zugleich beweisst, wie günstig ihm das Glück war. 



— 148 — 

An der Spitze eines zahlreichen Haufens sachte 
ihn der gefürchtete Dervenaga in Akamanien und 
bemühte sich umsonst, ihn au&ufinden. Aufge- 
bracht durch diese yergeblichen Anstrengungen, 
yerwüstete und plünderte Weli Guekas die akar- 
nanischen Dorfer, unter dem Vorwande eines ge- 
heimen Einverständnisses mit Katsantonis. Nichts 
Ton allem blieb diesem verborgen, und war es 
nun eine grossmüthige Regung zu Gunsten der 
Unterdrückten, oder war es Uebermuth, einem 
Manne zu trotzen, der sich dessen nicht yersah: 
er sendete dem Denrenaga einen Brief, ungefähr 
folgenden Inhalts: »Weli Guekas! Man sagt, dass 
»du mich suchest, und dass du dich beklagest, 
II mich nicht treffen zu können« Ist es wahr, dass 
» du es wünschest , so komme nach Kiyawxysis. Ich 
»bin dort und erwarte dich«. 

Weli Guekas hielt sich bei einem Popen auf, 
als er diesen Brief, der ihn so höhnisch .heraus- 
forderte, erhielt. Er wurde lebhaft davon getrof- 
fen, befahl auf der Stelle, seine Albanesen zu 
versammeln, die in dem Augenblick zerstreut waren, 
und ohne die Ankunft Aller abzuwarten, ging er 
voraus, nur mit einigen wenigen seiner Leute. 
Ja er flog gewissermaassen zu dem Orte hin, wo- 
hin Katsantonis ibn beschieden hatte. 



— 149 — 

Katsantonis lag ia einem Hinterhalt am Wege, 
und naöh yielen Schmähungen yon beiden Seiten, 
(^enn die Klephten und Albanesen, auch hierin 
den homerischen Helden ähnlich , kommen selten 
zam ernstlichen Kampfe, bevor sie sich nicht erst 
mit Worten bekriegt haben), kam es endlich zum 
Kampf nnd Weli sank, yon zwei Kugeln tödttich 
getroffen. 

Dieses Ereigniss erhöhte den Schrecken vor 
Katsantonis und die Wuth des Ali Pascha. JVeue 
Milizen, neueDerwenaga's worden gesandt, ihn zu 
▼ertilgen; er setzte sich neuen Gefahren aus, be- 
fand sich in neuen Verstrickungen, aber er blieb 
unbesiegbar, oder doch unergreifbar , und dachte 
nie daran, mit dem Pascha zu unterhandeln« 

Die Ionischen Inseln, und insbesondere St. Mau- 
ra, waren der Zufluchtsort des Katsantonis, wenn 
es Noth that ; hierher begab er sich , um von em- 
pfangenen Wunden geheilt zu werden, oder um 
sicher zu seyn in Zeiten gezwungener Unthätig- 
keit. Jedesmal zog sein Erscheinen die neugierige 
Menge herbei, den gefürchteten Klephten zu be- 
wundern , von dem sie nichts kannte , als den Ruf. 

Niemals aber war sein Auftreten in St Maura 
glänzender gewesen, als im Jahr i8o5. Es ent- 



— 150 — 

spann sich damals auf dieser Insel und auf der 
Insel Gorfu ein grosses Unternebmen gegen Ali 
Pasclia and die Pforte; ein allgemeiner Aofistand 
in Griechenland fiGLr Freiheit und Unabhängigkeit 
wurde beabsichtigt, und die Russen , welche um 
jene Zeit die Ionischen Inseln inne hatten , begün- 
stigten wenigstens mit Eifer dieses Unternehmen, 
wenn mau nicht sagen will, sie hatten es yeran- 
lasst. Der Grieche, der die Fäden des ganzen 
Gewebes in seinen Händen hielt, war ein Mann 
Ton der höchsten Einsicht , der die moralische und 
physische Macht Griechenlands Tollkommen kannte. 
Er selbst war, wie durch ein Wunder, den Händen 
Ali Pascha's entschlüpft und hatte sich nach St. 
Maura begeben , um sich gänzlich den Vorberei- 
tungen zn seinem patriotischen Unternehmen zu 
weihen ; und so beschied er denn , um einen ent- 
scheidenden Schritt Torwarts zu thun, im Jahr 
i8o5 alle die klephtischen Häuptlinge, auf deren 
Mitwirkung er zählen konnte , um ihnen im Allge- 
meinen und für die besondern Fälle ihre Anwei- 
sung zu geben, je nachdem es die Umstände erfor- 
dern würden. 

St. Maura bot damals ein merkwürdiges Schau- 
spiel dar, nämlich das Schauspiel aller Häuptlin- 
ge Ton Akarnanien, Aetolien, Epirus und dem 



— 151 — 

westlichen Thessalien, die^ angekommen auf den Hof 
eines Mannes , der keiner yon den ihrigen war, alles^ 
zu thnn bereit waren , was dieser Mann zum Wohl 
und Heile Griechenlands ihnen befehlen würde. 
Für K.atsantonis war es ein wahrer Triumph, in 
der Mitte seiner Schaaren zu erscheinen, die ein* 
stimmig für die tapfersten yon allen anerkannt 
-wurden, und untei^ diesen noch leicht zu unter- 
scheiden durch die Kühnheit seines Aeussern , das 
auf gewisse Art mit der Kleinheit seiner Gestalt 
im Widerspruche stand, und durch die Menge 
Goldes, das, seine Person yon allen Seiten bede- 
ckend, die Seltsamkeit der klephtischen Tracht noch 
"v^ermehrte. 

Ali Pascha, der genau yon Allem unterrichtet 
zu seyn schien, was in Gorfu und St. Maura 
Torging, stellte fünf bis sechs tausend Mann zur 
Beobachtung bei Preyesa auf, bereit, sich überall 
Iiin zu begeben, Wo die ersten Unruhen sich zei- 
gen würden. Katsantonis bot sich an, auf die 
Gefahr seiner Ehre und seines Kopfs, diese fün£ 
bis sechs tausend Mann allein mit seinen Leuten 
lebendig oder todt zu überliefern. 

Das llaupt der ganzen Unternehmung, dem er 
4ie$es Anerbieten machte, war noch nicht im 



— 152 ,— 

' Stande , davon Vortheil zu ziehen. Er begnügte 
' sich , Katsantonis zu bitten , solche heldenmüthige 
That bis auf den rechten Augenblick zu yersparen, 
und bis dahin die Griechen auf eine etwas brüder- 
lichere Weise zu behandeln , als bis dahin gesche- 
hen war. 

Ich weiss nicht , ob es gleich nach dieser 
klephtischen Versammlung war, oder etwas spä- 
ter, gewiss geschah es zu St. Maura , dass Kat- 
santonis an den Kinderblattem erkrankte. Für 
einen Mann wie er, der nie eine andere, als die 
belebende Luft der Berge geathmet, der nie an- 
ders, als nur aus Zufall oder für kurze Zeit unter 
das Dach eines Hauses oder zwischen die Mauern 
desselben gekommen, war es schon ein Uebermaass 
yon Leiden, das Zimmer hüten zu müssen. Er 
wartete kaum den ersten Ausbruch der Krankheit 
ab , und eilte , St. Maura zu yerlassen , um das 
feste Land und seine lieben Berge wieder zu ge- 
winnen. Aber es scheint , als wenn er nicht ganz 
geheilt gewesen, und als wenn die zweite ELrank- 
heit, die ihn gar bald befiel, nur eine Folge der 
ersteren gewesen sej, die er so gewaltsam hatte 
verscheuchen wollen. 

Wie dem auch sey, — als er sich im Jahr 1807 
in einem Kloster auf der Höhe des Pindüs oder 



-; 153 - 

in dem östliclien Theil der Gebirge tod Agrapba 
befand 9 am daselbst Gontribationen zu erbeben ^ 
überfiel ibn eine schwere ELrankbeit, die ihn zwang, 
mehrere Tage daselbst zu verweilen. Da sich aber 
seine Krankheit in die Länge zog , and das Kloster 
ihm keinen sichern Aufenthalt zu gewähren schien, 
wollte er nicht länger bleiben , and entscUoss sich, 
eine nicht weit dayon entfernte Höhle za seinem 
Zaflachtsorte za wählen. Bei ihm blieb sein Bra- 
der Georg, ihn za bewachen and za pflegen , 
und ein altes Weib aas der Gegend übernahm es , 
sie täglich mit den anentbehrlichsten Bedürfnissen 
zu versorgen. Man weiss nicht, ob durch sie, oder 
durch die Mönche , genug Katsantonis wurde ver- 
rathen und dem Ali angegeben. — Wer beschreibt 
wohl die Freade desselben ! Sechzig auserlesne AI- 
banesen wurden ausgesandt mit dem Befehl, Kat- 
santonis und seinen Bruder lebendig einzufangen. 



\ 



Die sechzig Soldaten ziehen aus, beschleuni- 
gen ihren Weg, erklimmen die Berge und stellen 
sich am Eingang der bezeichneten Höhle auf. 
Georg befand sich darin mit seinem Bruder, und 
wie er heraustritt, stehen ihm die Milizen Ali's 
gegenüber. Er kehrt sogleich um, sagt seinem 
Bruder, was er gesehen, ladet ihn auf seine Schul- 
tern , and den Säbel zwischen den Zähnen , das 



— 154 — 

Gew.elir in der Hand, tritt er nun ans der Höhle. 
Pen ersten Albanesen, der sich nähert, streckt er 
mit einem Pistolenschnss darnieder , er selbst nimmt 
so schnell) als es ihm möglich ist, die Flacht gegen 
ein nahes Gehölz. Die Albanesen verfolgen ihn; 
er legt seinen Brader für einen Angenbliok auf 
den Boden, wendet sich am and yerwandet mit 
einem Säbelhieb den nächsten Albanesen tödtlich* 
Von neaem nimmt er seinen Brader aaf and er- 
greift die Flacht. So abwechselnd fliehend and 
anhaltend, am die Soldaten sa zerstreaen, die 
ihm folgen, hatte er schon drei bis yier getödtet, 
als die übrigen^ erzürnt and beschämt durch die 
Gegenwehr eines einzigen Mannes , za zehn mit 
einemmale über ihn herstürzen and sich der an- 
glücklichen Brüder bemächtigen. 

Sie wurden sogleich nach lannina gebracht und 
yerurtheilt , dass ihnen die Glieder Ton unten her- 
auf mit Schmiedehämmern zerschmettert werden 
sollten. Ein Neffe des Weli Guekas, der durch 
Katsantonis gefallen, sollte die Execution yerrich- 
ten. Auf dem Hauptplatze yon lannina ward der 
Urtheilsspruch yoUstreckt , in Gegenwart eines tür- 
kischen Volkshaufens, der sich bemühte, durch 
Verwünschungen and Beleidigungen die Qualen 
der beiden Schlachtopfer zu yermehren. Katsan- 



— 155 — 

tonis, dessen Seele durch die langwierige Krank- 
heit diex Kraft mochte verloren haben ^ sich gegen 
phjsische Schmerzen zu stählen, stiess einigemal 
ein durchdringendes Geschrei aus, Torzüglich als 
die Hämmer die Kniescheibe trafen. Aber sein 
Bmder Georg blickte auf ihn, halb erzürnt, halb 
erstaunt über seine Schwäche. » Wie, Katsantonis j 
rief er, du schreist, wie ein Weib!« — Und ohne 
eine Thräne zu vergiessen , ohne ein Aechzen hören 
zu lassen, empfing er so yiel Hammerschläge, als 
erforderlich waren, ihm alle Knochen yon der 
Zehe bis zur Hüfte zu zermalmen. 

Lepeniotis lebte nach dem tragischen Ende 
seiner beiden Brüder noch einige Zeit als Klephte 
in den Gebirgen. Gezwungen endlich, sich zu 
ergeben, unterwarf er sich unter der Bedingung, nie 
Yor Ali Pascha erscheinen zu müssen. Glücklicher, 
als seine Brüder, sicherte sich der arme Lepenio- 
tis wenigstens einen schnellen und unerwarteten 
Tod. Als er mit einem seiner Offiziere sich, ich 
weiss nicht wohin , begeben wollte , um Ostern zu 
halten, ward er auf dem Wege yon Meuchel- 
mördern im Dienste Ali's überfallen, und blieb 
auf dem Platze. Sein Protopallikare rettete sich 
und kämpft heute für Griechenland: es ist der 
braye Zongas. 



- 166 - 

Die beiden Lieder , welche hier folgen, be- 
ftcbäftigen sich mit demselben Gegenstand, — ' 
mit dem Zage und dem Tode Weli Gaekas. Das 
iweite ist in Akarnanien gedichtet, das erste scheint 
aas Epiras herzostammen. 



— 158 — 



a; 



0ANATOS TOT BEAHrKEKA, 



'ETtduiae x* ix6ve^6 'q ivov waTrjrcT Ti cnr^Tt* 

c Hanna, 'iJ/CDpt! namtä , xpaarll vät nwvv ta naX\rixdpi,a,ii - 

"K Ixtl nov xpiSye x' inwe , ixel nov S^ukovae, 

"Mavpa fiarrdcTa ToipOave anb xhv KaTaavr&vriv, 

'2 Tä f^Qvaxa ^yovdTure' « Tpan^aTiatl , <f>&vd^ei, , 

« Tcb naXXrixdpia avva^t^ xC okov t6v ToCitpd pov. 

x'E/fb mtjyaivisi i^npoCTä, *q tiiv Kpvav 'viiv ßpvaovXav* » — - 

'S Triv oxpaTav onov m^yaive^ \ Tiiv arpdxav nov mjyaivei, 

Ol xKi((fTBq %hv xapxiqB-^av , xaX xhv ykAntopcytovaav* 

« TLov nag , Be^i^ 'M.nokoixunaari , pex^aXi tov 3s^ipri • » -^ 

« 'S lcrev% ^Avt6v71 xtqaTa^ *(; iaiva^ KaTaravrAvri. » — 

*0 KaTaavT&vriq (^ihva^ev &nb Tb fieTcpt^i* 

inAhv ßlv* i8o Tä *ldvvivay 8hv elvoi ol paidSeg, 



— 159 — 



XXX. 

r 

DER TOD DES WELI GUEKAS. 



Vom Fünfzehnten des Malen bis zum Zwanzigsten des 

Monats , 
Rüstete sich Well Gaekas znm Heerzng wider Ejitsan- 

tonis. 
Auf brach er, nahm Quartier in der Wohnung eines 

Popen : 
»Brod, Pope! schaffe Wein , Pope, dass die Krieger 

trinken ! c 
Und er ass und trank nun, that sich gütlich« 
Kam da bittre Botschaft herein yom Katsantonis. 
Weli erhob sich aufs Knie. »Schreiber, rief er, 
Sammle du mein Volk, meine ganze Schaar, 
Ich selber ziehe yoran, nach Krja, dem quellenrei- 

chen. « 
Auf der Strasse, die erzog, auf dem Zuge, den er thut, 
Warten sein die Klephten , fragen ihn gar süsse : 
» Wohin gehst du, Feldherr Weli , du Minister des Vezirs? « 
»Gegen dich, Bock-Antonis, gegen dich Katsantonis!« 
Ruft nun aus dem Hinterhalt der Katsantonis: 
»Hier ist nicht lännina, hier sind nicht Raja's, 



~ 160 — 



Tpia xov^iiaa xAieaxavj t& TpC &pdi' äpdia, 

T6 'va xhv 9r^p£ %&itp\JLay aeal t' dWo *q Tb Ttetpakif 

Tb xpirov , xb (papiiaxe^bv ^ xbv ^rjjpe *q xiiv xrxpduiv xov , 

Tb <rT<(fia t* alpa yi^Lure , xä x^^^ ''^^^ <)top(ucxir. 



— 161 — 

Die da braten kannst , gleich Böcken , gleich den fetten 

Hammeln; 

Hier ist Männerkampf, hier sind EJephtenschüsse. « 

Drei gezählte Schüsse fielen, fielen einer nach dem an- 
dern. 

Einer streifte ihm die Haut, und der andre traf den 

Kopf, 

Und der dritte , ond der schlimmste , traf das Herz ; 

Blat entfloss dem Munde, Todesschmerz den Lippen. 



IK 11 



— 162 — 



AA'* 



AAAO EIS TON lAlON. 



*0 BeX^ Txixaq Irpoys 'q kvbq naicnd t6 cnij^vL' 
K* ixet }^p<£(i{ia top Itpepav &nb tov 'Kaxaavr&vriv. 
'Opdhq evdhq imqSriirey xal Tb ontadL tot ^Avsi^, 
« TpayL^aTiMi ftoi? ^ <p&va^e , ^dae t» ^aXkrixdpka' 
« 'O KaToravT&vTiq ^* ty^a-^t v& nd^o ya tov Bipm. » — 
'2 T^iv cTTpdTUv 5wo« ni^aive^ 'q tov dpo^iov tov ttiv (lecip') 
*AvT&vriq Thv i(f>&vafy , yhmxb» Tbv iperrdei,' 
« XLov Ttaq y Be^^ Aep6ivoi/ya , peT^dki tov Be^ipi; ; » — 
« 2' iaiv'f ^AvT&vfi xtpard ^ ^ Tb ^ncaffi '$ tä x^P** * "* 
«*S IfieV aviaraq tp^eaaif xal ^rö^fior ^r 9e^j7$9 
« Ai^ov T0v<pixia xkiöTixa inb rdb ^akktixdpia' 
« Baped ßpovTovv 9 ^rixpeSt ^apovi^ , ^apfiaxspa ^rXijj'orovr. » " 
Kft* oArO^ 0i?fA&^ itpAya^e tov Zoyxa xal arov Aifftov* 



— 163 — 



A. Jk. Jk. X« 

AUF DENSELBEN, 



Well Guekas sass beim Mahle in der Wohnang eines 

Popen ; 
Da empfing er einen Brief Tom Katsantonis. 
Grade auf sprang er yom Sitze , gürtet um sein Scliwerdt , 
Ruft zu seinem Sclireiber: »Biet das Heer auf! 
Katsantonis schreibt mir, böbnt, dass icb ihn suche. « 
Auf dem Zuge , auf der Hälfte seines Wegs y 
Wars, da redet' der Antonis, spricht zu ihm mit sanften 

Worten : 
»Wohin des Wegs , Derb^naga Weli , Minister des 

Vezirs ? « 
»Gegen dich, du Bock Antonis, komm ich mit dem 

Säbel in der Faust ! « *— 
» Wenn du gegen mich ziehst , spricht Antonis , wenn 

du Kampf willst , 
Nimm die Klephtenschüsse Ton den Tapfern ^ 
Laut wie Donner , bitter treffend ^ tödtlich schlagend ! « 
Dann, yoU Grimms , ergeht sein Ruf an Zonka und an 

Dimos: 



— 164 — 



« Bapetre xhv naXdidpßavov y tpifxt xov xh ^zfpaXi ! » 
Avo xov(f>tttialq xov xfdßricav 9rtxpaZ^, (pa^^iaxe^iiivaiq* 
MtA TÖy iiK-^fe \ xiiv xapJtai', x' 1} df^A.17 el^ ori (tto^x* 

» rvpurre , ^rtoro Tpe^STe , ^dpxe fiov xb 9ce(frdXi y 
» Neb p4 T& Tcdp* 17 xXe<^ot7pftJ& , xi>' avxbq 6 ILaxcavx&VKiq , 
»Kai fiovxb vdyrji *q xiiv ^^aptiävy xal \ T^y *Ayia)> Ma^fav, 
» Kai T& diafiacr* d?r' xiiv Itkayiäv f xit xov^xiata ^t^epux, 
» TA Idoi^)' l^dpoX xal ;(atpG>rTai ^ xal (tikoi, xal Xv^rovi^Tai. » 



— 165 - 

»Nieder mit demj/^AlbaneseiiHSchaft^ Auf, bringt sein Haapt 

mir!« 
Kamen da zwei Schüsse, bitter, tödtlich. 
In das Herz der eine und der andre in den Mnnd. 
Lant schrie Weli , rief so "stark er konnte : 
»Mein geliebter Schreiber, da auch, treuer Phezo, 
Kehret um, lauft schnell zurück, nehmt meinen Kopf 

mit! 
Sonst gewinnen ihn die KJephten, Katsantonis selbst, 
Schleppen ihn in's Ghristenland und nach St Manra , 
Tragen ihn durch Plagia , durch die Türken - Wachen , 
Dass die Feinde jauchzen, die ihn sehen, und die 

Freunde trauern. 



— 166 - 



NIKO-TSARAS 
AN DER BRÜKE VON PRAVI, 

UND 

EIN FRAGMENT ÜBER NIKO-TSARAS 



Von den Terschiedenen klephtischen HäapUin^ 
gen , die den Anfang dieses Jahrhunderts gesehen 
haben , ist Niko « Tsaras einer der berühmtesten 
bei dem griechischen Volke : er gehört zu denjeni- 
gen, denen nor ein grösserer Spielranm gefehlt 
hätte f um. sich in der Geschichte den Rohm eines 
Helden zu erwerben. 

Er war ans Alassona in Thessalien oder dessen 
Nachbarschaft gebärtig, Sohn und Enkel klephti- 
scher Eltern. Es ist wahrscheinlich , dass seine 
Voreltern zu ihrer Zeit gleichfalls eine Rolle unter 
diesem kleinen , aber unerschrokenen Theil der 
griechischen Nation spielten, welcher die Tür- 
ken immer als Feinde , niemals als Herren betrach- 



— 167 — 

tet kalte. Aber die Namen und Thaten aller dieser 
Männer sind in Vergessenheit rersanLen; Tsaras, 
der Vater, ist der einzige, Ton dem wir etwas xa 
sagen wissen. 

Tsaras bekleidete lange Zeit liindnrch die Stelle 
eines Armatolen zn Alass6na. . Er hatte drei Söhne , 
Ton denen Nikos der älteste war. Alass6na bot 
einige Hülfsmittel zur Erziehung der Jugend dar , 
Tsaras benutze sie und sandte Nikos in das Kloster 
der heil. Dreieinigkeit , um dort unter der Leitung 
des Archimandriten 'Anthimos zu studiren. Von 
diesem Geistlichen, einem Manne Ton Verstand 
und Kenntnissen und Ton einem sehr achtungswer- 
then Charakter, erhielt der junge Niko-Tsaras einen 
leichten Anflug wissenschaftlicher Bildung und 
einige Kenntniss der griechischen Litteratur. Schon 
war er in der Erklärung derUiade TOi^erückt, wo- 
mit sich das Studium der altem vaterländischen 
Sprache in Griechenland gewöhnlich zu endigen 
pflegt , als ein unerwartetes Ereigntss ihn plötzlich 
in eine Laufbahn warf, worin ihm diese Wissenschaft 
sehr überflüssig war. 

Längst war Tsaras, sein Vater, den Türken 
verdächtig gewesen, und mit dem stillen Entschluss, 
ihn zu Tcrderben , erwartete man nur eine Gelegen- 



^ 168 — 

heit, ihn sicher und ohne Gefahr anf die Seite zu 
ftchaffen. Zwei starke Abtheilangen yon Albanesen 
wurden in einer dunkeln Nacht abgeschickt , mit 
dem Befehl, ihn lebend oder todt zu bringen : sie 
nahmen ihren Platz in einiger Entfernung zu bei- 
den Seiten des Hauses. Durch einen glücklichen 
Zufall gewahrte Tssgras zu rechter Zeit ihre An- 
kunft. Er hatte kaum zwei bis drei seiner Leute und 
seine Kinder bei sich; demungeachtet Terzweif elte 
er nicht an seiner Rettung. Er formte so schnell als 
möglich einen Gliedermann, der Aehnlichkeit mit 
seiner eigenen Gestalt hatte, und zog ihm seine 
Kleider an: diesen liess er an einem Seile, wo- 
durch er seine Bewegungen lenken konnte, zum 
Fenster hinab. Kaum hatte dieses Bild des Tsaras 
den Boden berührt, als ein Hagel Ton Kugeln yon 
der einen Seite des Hauses auf ihn losgeschossen 
wurde. Der Gliedermann fällt, und bewegt sich, 
als wolle er sich wieder aufrichten: sogleich gibt 
die zweite Abtheilung Ton der andern Seite des 
Hauses Feuer *auf ihn, und fast zu gleicher Zeit 
stürzen sich nun TOn beiden Seiten die Albanesen 
auf das , was sie für den Körper des Tsaras halten, 
und jeder läuft, um sich seines Kopfes zu bemächtigen. 
Jetzt wirft sich Tsaras an der Spitze der Seinen 
auf die Albanesen. Vor Erstaunen unbeweglich 
utid in Unordnung, öffnen sie dem Tsaras einen 



— 169 — 

Weg, sich dorcliznfaaaeii : er gewinnt das Feld, 
die benachbarten Höhen und bald die Gebirge, 
•wo die Klephten ihren Aufenthalt haben. 

So gelangte der junge Nikos auf die schnellste 
Weise aus der friedlichen Schnle der Mdnche 
zum harten Unterrichte in der klephtischen Le* 
bensweise. Demungeachtet gefiel er sich in seiner 
neuen Laufbahn , und bildete sich bald so yollkom- 
men dazu, als habe er nie weder Stadt, noch Schule, 
noch Bücher gesehen. 

Kaum hatte er das Jünglingsalter erreich.t, als 
sein Vater in einem Treffen gegen die Türken 
getödtet wurde. Er folgte ihm in der Anfährung 
der Truppen , und that sich bald unter allen thes- 
salischen Häuptlingen herror. Er machte einige 
yerwegene Züge jenseits des Peneus und nahm zu 
Zeiten seinen Aufenthalt in den Schlünden des 
Ossa. Aber der Olympos und die benachbarten 
Bei^e waren der Hauptschauplatz seiner jugend- 
lichen Thaten. 

Ob es in dem Laufe seines Lebens Zwischen- 
räume des Friedens mit den Türken gab , in de- 
nen er Hauptmann der Armatolen war, konnte 
mir kein Grieche für gewiss Tersichern , aber die 



~ 170 — 

Sache ^ an sich nicht unwahrscheinlich , scheint 
mir aach durch einige Yolksgesänge bestätigt, die» 
gegen da« Ende des rorigen oder eu Anfang dieses 
Jahrhunderts yerfertigt, J^iLo-Tsaras episodisch als 
einen der Tier Häuptlinge der Armatolen aufzäh- 
len, unter welche derjenige gebirgige Theil Thes- 
saliens getheilt war, dessen Mittelpunct der Oljm- 
pos ist. War er übrigens auch Armatole , so zeigt 
doch Alles an, dass er es nur kurze Zeit gewesen, 
und dass er in dieser Eigenschaft selbst den Tür- 
ken nur wenig unterworfen und ihnen immer 
furchtbar war. 

Vorzugsweise aber war er als klephtischer An- 
führer und im Zustande offener Empörung den 
Pascha's und dem Derwendschi - Baschi yon Thes- 
salien gefahrlich. Ali Pascha beschäftigte sich viel 
mit ihm, und erlangte endlich durch Unterhand- 
lungen und Aufforderungen, Versprechungen und 
Drohungen die Zusage yon Niko-Tsaras dass er 
yon den Gebirgen herab kommen , die Waffen nie- 
derlegen und sich in lannina einfinden wolle , 
um dort seine Unterwerfung zu bekräftigen. Niko- 
Tsaras kam in der That nach lannina, und das 
war es, was Ali Pascha wollte. Das gewöhnliche 
Verhalten Ali Pascha's gegen die Klephten , die da 
kamen, ihm ihre Unterwerfting zu bezeugen und 



- 171 — 

deren er sich gern entledigen wollte, bestand darin , 
dass er sie in seinem Hanse aufs frenndlichste 
empfing, ihren Rückweg aber mit Meuchelmördern 
besetzte« 

Gegen IViko-Tsaras hatte man aussergewöhnliche 
Maasregeln getroffen; auf allen Strassen, die er 
einschlagen konnte, waren ihm Schlingen gelegt; 
aber er war auf seiner Huth ; er zog nur zur Nacht- 
zeit and apf so abgelegenen Seitenwegen , dass er 
Epirus glücklich rerliess, ohne Mörder getrofFen 
zu haben. 

In Thessalien bedurfte er weniger Vorsicht 
und Sorgfalt, ringsumgeben von Griechen, die 
mit neugieriger Bewunderung herbei liefen, um den 
Mann zu sehen, Tor dessen Namen die Milizen 
ihrer Unterdrücker so oft gezittert hatten. 

NIko - Tsaras zog sich nach Karitza , einer 
kleinen Stadt auf der thessalischen Küste, zurück. 
Hier heirathete er, und würde vielleicht ohne die 
. Besorgnisse, die ihm Ali Pascha's Plane gegen ihn 
erregten, sich dem Frieden des häuslichen Lebens 
überlassen haben. Aber wüthend, ihn einmal verfehlt 
zu haben, umgab ihn Ali Pascha mit heimlichen 
Mördern , die den Auftrag hatten , ihn zu tödten, 
wann^wie und wo sie wollten. Niko- Tsaras war 



— 172 — 

dieses wohl bekannt, and so lebte er , gezwungen, 
jedem Fremden za misstrauen , auf dem Meere 
immer einige Barken zur Flucht in Bereitschaft 
haltend y mitten im Frieden und an den lachen- 
den Rüsten Thessaliens ein sorgenroUeres Leben, 
als je zur Zeit des Kriegs auf Bergen und in Wäl- 
dern. Diese Unruhen , vermehrt durch die sehn- 
süchtige Rükerinnerung an seine wilde und aben- 
theuerliche Unabhängigkeit in den Gebirgen , be- 
stimnten ihn endlich, Säbel und Flinte wieder zu 
ergreifen ; aber er ergriff sie mit einer edleren Hoff- 
nung und mit ruhmwürdigeren Absichten. 

Bisher hatte er bei seinen Thaten gegen die 
Türken nichts im Auge gehabt , als auf ihre Ko^ 
sten zu leben , ihnen zu trotzen und sie von der 
Höhe des Oljmpos herab in ihren Wohnungen 
zu beunruhigen ; von nun an verfolgten seine Hand- 
lungen den hohem Zw^ck der Befreiung Grie- 
chenlands. 

Es lässt sich vermuthen, ,dass der berühmte 
Zug, den er im Jahr i8o4 ^^^^ i^^S nach Mace- 
donien unternahm , in Folge einer Verabredung 
mit dem Fürsten Ypsilantis , dem damaligen Gou- 
verneur der Wallachei , geschehen sej. Mit drei- 
hundert seiner Kiephten, alle von erprobter Ta- 



— 173 — 

pferkeit; wagte er diesen Einfall. Aber die Tür- 
ken, die davon anterrichtet worden waren, nah- 
men ihre Maassregeln und besetzten die wichtig« 
sten Engpässe zwischen Thessalien and Macedonien. 
Niko - Tsaras kam deman geachtet ohne Schwierig- 
keit bis an die Ufer des Kärasu, des Strymon 
der Alten. Der Weg führt hier über eine enge 
Brücke, die mit eisernen Retten geschlossen ist, 
and die Brücke Ton Prayi heisst, nach der zu- 
nächst liegenden Stadt gleichen Namens jenseits 
des Flusses« 

Diesseits der Brücke war es, wo Niko* Tsaras 
auf dreitausend Türken sties», die in dieser vor- 
theilhaften Stellung ihn erwarteten. Sie griffen an , 
und er war genöthigt, seine Stellung auf einer An- 
hohe zu nehmen, wo er jedoch bald umzingelt 
wurde, so dass er weder seinen Marsch fortsetzen, 
noch sich zurückziehen konnte. Auf dieser An- 
höhe nun yertheidigte sich die Schaar des Niko- 
Tsaras drei Tage und di*ei JVächte gegen die An- 
fklle der Türken, ohne Speise, ohne Trank. Aber 
am Abend des dritten Tags ermatteten sie aus Hunger, 
Erschöpfung und Mangel an Schlaf, und zum Ue- 
bermaass des Unglücks fehlte es ihnen an Ku- 
geln. Die Wahl war dringend und fürchterlich; 
sie mussten sich ergeben, oder den Versuch machen, 



— 174 — 

sich auf Leben und Todt darchzascUagen. Die- 
ser Entschlass war es, wozu Niko ** Tsaras seine 
Tapfem ermunterte and bestinunte. Am Moi^en 
des yierten Tages stürzten sie sich, den Säbel in der 
Faust y auf die Türken , warfen nieder oder zer- 
streuten, was sich ihnen entgegen stellte, gewannen 
den Eingang der Brücke, deren eiserne Ketten 
Niko-Tsaras mit Säbelhieben sprengte und rerfolg- 
ten im Fluge den Weg nach Pravi, während die 
Türken, betrofTen über so viele Kühnheit, sich zer- 
streuten und entflohen. 

In Prayi yerweilten die Klephten so lange, als 
zur Plünderung ndthig war, um einen yiertägigen 
Hunger zu stillen und um auszuruhen ron so yiel 
Anstrengung. Hier war auch das Ende yon JViko- 
Tsaras Unternehmen. Er erfahr, dass die Eng- 
pässe des Rhodope , durch welche er ziehen musste, 
yon einer ihm allzusehr überlegenen Macht besetzt 
sejen, und so wandte er sich, und erreichte ohne 
Schwierigkeit die Gebirge von Thes8»lien. 

Darch diesen Zug hatte Niko - Tsaras seinen 
Frieden mit Ali gebrochen, und wahrscheinlich 
geschah es als Folge dieser Feindseligkeit, dass 
man das Armatolik einem Andern übertrug, das 
bis dahin erblich in seiner Familie gewesen war. 



— 175 — 

So sah er sich denn gezwungen, in dem Zu« 
stand der Empörung zu beharren. Sej es nun aber, 
dass die Lage eines klephtiscben Häuptlings in 
den Gebirgen allzuschwierig geworden war , sey es, 
dass er gegen die Türken jede Art yon Feindse«* 
ligkeit Tersuchen wollte^ genug, er beschloss, See- 
räuber zu werden^ Zu diesem Zweck yerstärkte 
er seine thessalischen Klephten mit Rekruten , die 
er in dem obern Macedonien und Bulgarien holte, 
und sah sich bald an der Spitze einer stärkeren 
Schaar, als er je besessen. Auf eine äusserst listige 
und kühne Weise wusste er sich eines Fahrzeugs 
SU bemächtigen , das zufallig die Thessalische Küste 
berührt hatte , und mit diesem eroberte er sich 
bald zwei andre, so dass Ton nun an in dem gan« 
zen Busen yon Thessalonich Ton nichts, als Ton 
Prisen, Verfolgungen , plötzlichem Erscheinen und 
Ton eben so plötzlichem Verschwinden der drei 
Schiffe mit schwarzer Flagge die Rede war, — der 
drei Schiffe des ISiko-Tsaras, der aus dem furcht- 
barsften aller klephtischer Häuptlinge der furchtbar- 
ste Seeräuber geworden war« 

Um diese Zeit mochte Niko-Tsaras Nachricht 
Ton den Planen des Popen Enthimos zu dem Stur- 
ze Ali Pascha's erhalten haben. Er ging mit dem 
Eifer und den Aussichten eines Patrioten in diese 



— 176 - 

Plane ein y und würde durch seinen Ruf nicht ohne 
grossen Einfluss geblieben sejn. Aber er kam im 
Jahr iSoß oder 1807 durch einen Zufall mn , knrs 
Yor dem Zeitpnnct, auf welchen die Aasfühmng 
der Plane des Eathimos festgesetzt war. Einige 
Ton seinen Matrosen und seiner Mannschaft waren 
an's Land gestiegen , am sich mit Wasser zu yer- 
sehen; die Albanesischen Soldaten trafen sie, und 
es entspann sich zwischen ihnen ein sehr lebhaf- 
ter Kampf. Niko-Tsaras sah ron dem Schiffe aus, 
was voi^ing, und eilte ihnen za Hülfe, und jetzt, 
wie immer, flohen die Albanesen bei seinem An- 
blick; aber einer derselben, der ehemals sein Un- 
tergebner gewesen war, und ein anrersöhnliches 
Rachegefühl über eine harte Strafe, die er Ton 
ihm erlitten , behalten hatte , ergriff die Gelegen- 
heit, sich zu rächen. Er rersteckte sich hinter 
einen Baum, und in dem Augenblick, wo Niko- 
Tsaras zu seinem Schiff zurückkehrte, traf er ihn 
mit einem Flintenschuss in die Hüfte. Niko-Tsaras 
fiel und wurde in sein Schiff gebracht, wo er nach 
wenigen Tagen starb. Seine Pallikaren begruben ihn 
mit grosser Feierlichkeit und unsäglichem Schmerz 
auf der Insel Skjros. Seinen Säbel brachten sie sei- 
ner Wittwe , die ihn ehrfurchtsToU für ihren Sohn 
aufbewahrte, der damals noch Rind war, jetzt aber, 
wenn er noch lebt, im Stande seyn wird, ihn zu 



— 177 — 

fuhren^ and Gelegenheit gefunden hat, ihm mehr 
Kahm zu exwerben, als er mit ihm uherkommen 
liatte. 

Dass Niko-Tsaras auf diese Art seinen Tod 
gefunden , wird nicht widersprochen, nur die 
iNebenumstände werden auf yerschiedene Weise be- 
richtet. Was ich hier erzählte, schien mir aus den 
abweichenden Berichten das Wahrscheinlichste zu 
sejn. Sein Tod wurde An£ings allgemein bezwei-- 
felt, da Niemand ausser seinen Leuten wusste, in wel- 
chem Zustande er auf sein Schi£F gebracht worden 
war, und so konnte ihn jeder entweder nur krank 
oder gar schon geheilt yon- seinen Wunden glau- 
ben. So fuhr man denn noch geraume Zeit nach 
seinem Tode fort, Tor seinem Namen zu zittern, 
sich Tor yermeintlichen Landungsprojecten dessel- 
ben zu fürchten , und mit dem Femglas auf dem 
Meere die furchtbaren Schiffe mit den schwarzen 
Segeln auszuspähen« 

Niko-Tsaras hatte kaum sein sechs und dreis« 
sigstes oder yierzigstes Jahr erreicht, als er starb. 
Er' war schön , sein Blick durchdringend, seine 
Mienen edel, obgleich etwas wild. Seine leichte 
und wohlgebaute Gestalt kündigte Beweglichkeit 
und Lebhaftigkeit an: über sieben nebeneinan- 

II. 12 



— 178 - 

der gestellte Pferde sprang er mit LeiclitigLeit hin- 
über , and aack im Ringen war er unerreichbar. 
Seinen Klephten hatte er ein gränzenloses Zatranen 
einzuflössen yerstanden ; denn nichts hielten sie für 
unmöglichy was er ihnen befohlen. DiQ gegen ihn 
geschickten Albanesen hatten dagegen eine eben 
so abergläubische Furcht vor ihm; man hielt ihn 
für unverwundbar und glaubte im Ernste, die 
Kugeln prallten durch Zauberei von seiner Haut 
ab. Auf ihn schiessen , hiess sein Pulver ver- 
lieren. 

Der früheste Unterricht seiner Jugend war in 
seinen Reden , seinen Ideen und seiner ganzen Art 
zu seyn noch immer kenntlich , und ich habe von 
Briefen sprechen hören, die er geschrieben hat, 
worin die Energie und Originalität des Stjls der 
Klephten mit einer besonderen Zierlichkeit und 
Schönheit der Sprache vereinigt sejn sollen. 

Ich konnte mir über Niko - Tsaras nichts, als 
die beiden folgenden Lieder, und das Fragment 
eines dritten verschaffen, das hier beigefügt ist. Wenn 
dieses die einzigen oder die besten sind, die auf 
den Helden des Oljmpos und von Pravi gedichtet 
wurden, so ist dieser Held nicht so glücklich gewe» 
seuj als manche andre, viel weniger berühmte 



— 179 — 

Häuptlinge; denn diese Lieder sind allerdings nicht 
die Tortrefflichsten in ihrer Art. Das erste ist das 
Torzüglichere and wahrscheinlich das einzige rollr 
ständige. Dem zweiten fehlt, wie es scheint, das 
Ende. Das Fragment scheint einem grossem Stücke 
anzugehören, das Tiel leicht Top den Seeräuhereien 
des Niko-Tsaras handelte« 



— 180 



AB'. 



TOT NIKOTSAPA. 



XUv* txfoyjfavy yyM tmvavy xal Tiiv tpisyuiiLv ^ourrovorav. 
Tä naXKr^xdfla <p6va^B \ rali riccepa^ 6 Ntxo^* 
«'Axovcrrey ^aXkiptdpia fiov, bXlfa xt' avipe^&^iva, 

»Aifiov ndXefiov xaxbv i^^f^^^ V'^ '^^^ Taipxovg* 
» hipiov viL naTiifraiuv y vä ^dpm^v Tb Tlpdßi ! » 
Tbv dpofioif ^$pa)^ frvvra^ay «' lipdaaav \ to j'c^pf 
'O Ntxo^ fi2 T& 9a(ia<rxl tov äXvaatdv rov x6(fTer 
96vyow ol Tovpxoi (rä/y Tpayvä , itL^m xb TLpdt^ &fpivovv. 



— 181 — 



XXXlL 

NIKOTSARAS. 



Der Nikotsiras kämpft mit drei Gebieten, 

Mit Zichna, CMntaka, and mit dem wilden Pravi. 

Drei Tage und drei JVächte währt der ELampf. 

Sie asaen Schnee , and tranken Schnee , ainl standen im 

feindlichen Feuer. 
Am yierten aber sprach der Nikos zu den Tapfem: 
» Ihr Kinder höret , du mein Heldenhäuflein klein l 
Macht euer Herz zu Stahl , die Brust zu Erz^ 
Wir haben meinen mit den Türken einen harten Kampf; 
Wir ziehen morgen, Pravi zu gewinnen.« 
Und bald im Lauf gelangten sie zur Brücke ; 
Der Nikos, mit dem Damascener, haut die Rett' ent- 

. zwei: 
Die Türken flieh'n, wie Bocke, lassen Pravi hinter sich. 



— 182 — 



Ar. 



TOT NIKOTLAPA, 



1b Tpl^ov, T& MoXt^efov y Tov TLpdßi^ Tb ye^^t. 

"M-VfulKofavcrt nC SXejre, ywp%o%oydti xal Xiyzv 

« Tbv NmoTcrcifav inKeurav *q tov TLpdih Tb yvpiqc 

»TpeX^ 'lUpoM; Ttd^vti 7€6X€\iovy Tqzlq ^ftipaiq tcoI Tpelq vijfTau;^ 

» Umplq ^ofil, X<opl^ vtqbv, xop^^ vnvov '^ to fU^Ti. 

»Td^ nakXfptdpia j(Ov'iafyj tä sraXXi^pia xpd^er 

»Svpere t& cr^ra^cixia ao^^ 9eal ^dpTB xa *<; to x^P^> 



— 183 - 



XXXIII. 
NIKOTSARAS. 



Drei Vöglein sassen, es sassen die drei beisammen in 

einer Reihe; 
Das eine schaut zum ^Oljmpos ^ das andere nach Alassöna; 
Das dritte späht ^ das schönere , zu Prayi nach der 

Brücke. 
Es klagte lange schon und sprach ^ es spricht eine 

Trauer- Weise i 
»Sie schlössen Nikotsäras ein zu Pravi an der Brücke. 
Drei Tage steht er in der Schlacht, drei Tage und 

drei Nächte , 
Wohl ohne Wasser , ohne Brod, und ohne Schlaf im 

Auge. 
Zu seinen Tapfern ruft er nun , laut ruft er seinen 

Kämpfern : 
Zieht eure Säbel ^ zieht sie aus ! Voran , mit blosser 

Klinge , 
Im raschen Angriff stürzen wir yor Prayi auf die Brücke ! « 



— 184 — 



AA'. 
AAAO TOT NIKOTEAPA. 



»Ntxo ftov, T» 9lv <paive<rai vovro tÜ xeAoxoUf i,f 
9 Tot (id^o^a , rä triva^a , Td xa^ia TttpraTtoaia * 



\ 

I 



185 - 



XXXIV. 
NIKOTSARAS. 



ji Mein Nikos , warum «ieht man dich in diesem Som- 
mer 

Nicht omherziehn als Armatoleü oder EJephten? 

Hast da Blachothödoron verlassen, das Gat deiner Vä- 
ter?« 

» Nach Balgarien ging ich Tor^m Jahr , warb mir 

, Tapfre, 

r 

"W^b und zog zusammen an fünfhundert; 
Und zur See geh' ich in diesem Jahre , gehe , weit um- 
her zu schweifen. 



— 186 — 



DER POPE ALS KLEPHTE. 



Ist dieses Lied wirklich Tollständig and cor- 
rect, so Ist es darum doch nicht deutlicher. Ein 
Pascha kommt nach EurypoHs, gewöhnlich Enrb- 
polis oder Neuröpolis genannt, einer Stadt auf dem 
Agräpha, zwischen Thessalien und Dorien^ und 
versammelt dort Armatolen zur Verfolgung eines 
Klephtenhäuptlings y der niicht genannt , aber durch 
swei ganz verschiedene Kennzeichen deutlich ge* 
macht wird; das eine, — unbestimmt , gleichbedeu- 
tend mit Geheimschreiber, mit Gelehrten, — > das 
andere bestimmt : er ist ein Pope, ein Priester* Vor- 
züglich um der Sonderbarkeit dieser Bezeichnung 
und um der seltsamen Thatsache willen, die sie 
voraussetzt , habe ich in diese Sammlung ein Stück 
aufgenommen, in welchem die Dunkelheit der Er- 
iKählung durch keine genauere Darstellung der 
l^iuzelnfaeiten aufgehellt wird. 

So auffallend es auch scheinen mag, /einen 
Popen als klephtischen Häuptling zu sehen , so ist 
dieseil demungeachtet einigemale in Griechenland 
der Fall gewesen, und zwar noch ganz neuerlich^ 



— 187 — 

unter der Regierang Ali Pascha's« Einer der be- 
rfikiatesteii Häuptlinge sogar, welche der Despot 
von launina bekriegte, war ein Priester; es war 
Eikthymos Blaeh&was, bekannter noch unter dem 
Ifamen des Popen Eikthymos. Die Geschichte die- 
ses heldenmüthigen Patrioten mit allen Einzelnhei- 
ten hier zu erzählen, wie sie es yerdient, würde 
zu weitlöufig seyn; aber man wird mir verzeihen, 
dass ich die sich darbietende Gelegenheit ergrif- 
fen habe, um wenigstens die Hauptzüge davon 
mitzutheilen. Es ist dieses der beste Commentar, 
den ich zu dem einzigen, merkwürdigen Zuge lie*^ 
fern kann, welchen das folgende Lied darbietet. 

Der Pope Eüthymos war der ülteste von drei 
Söhnen, die alle demselben Blachäwas zugehörten, 
Von dem ich in der Einleitung als von einem der 
berühmteren Häuptlinge gesprochen habe, welche 
in Kassia und in Thessalien gegen das Ende desTori- 
gen Jahrhunderts lebten. Von seinen drei Söhnen er- 
wählte Blachiwas die beiden jüngsten zu Begleitern 
auf seiner Laufbahn als Klephte und Armatole; den 
ältesten aber bestimmte er aus einem Gefühl von 
Mitleid zum Priesterstande. Diess war allerdings 
nicht der eigentliche Beruf des E&thymos , aber er 
gehorchte dem Täterlichen Willen , und übte einige 
Zeit hindurch in Frieden die priesterlicfaen Yer- 



— 188 — 

richtUDgen aus. Aber sobald sein Vater todt war, yer- 
liess er den Altar, umgürtete sich mit dem Schwerdt 
eines Armatolen und wurde von seinen beiden Brü- 
dern und den andern Pallikaren des alten Blacbäwas 
als Hauptmann anerkannt. Er schien in seiner neuen 
Lage sich so sehr zu gefallen, und betrug sich so 
gut, dass man nicht sehr irren möchte in der 
Yermuthung, dass er kein sehr eifiriger Pope ge- 
wesen öey. 

Ali Pascha, der einen bewunderungswürdigen 
Instin et hatte für alles , was ihm in dem Charak- 
ter der Menschen, mit welchen er zu thun hatte, 
nützlich oder gefahrlich werden konnte, war in 
Betreff des Euthymos toU Unruhe und Argwohn , * 
und Tersäumte nichts, ihn zu verderben. Er be- 
kriegte ihn im offenen Felde und mit List, er 
suchte ihn durch Liebkosungen heran zu ziehen ; 
der Pope Euthymos widerstand Allem und verhan- 
delte nie mit dem Pascha , als nur unter der Be- 
drngung, nicht vor ihm erscheinen zu müssen. 

Uebrigens waren es nicht die gewöhnlichen 
Abentheuer der Lebensart als Klephte , nicht die 
gewohnten Abwechslungen des Kriegs und der 
Empörung in den Gebirgen , und der Sicherheit 
und des Friedens auf dem platten Lande , in dem 






— 189 — 

Posten als Armatole ^ die den Popen E ikthjmos Ver- 
anlasst hatten, seinen priesterlichen Stand aufsa- 
geben. Er trag einen grossen Gedanken nner- 
schütterlich im Herzen, — er wollte etwas than 
fär die Befreiang seines Vaterlandes. 

Man weiss nicht genau, welchen Theil er an 
der Yerschwörang nahm, die sich i8o5 aof den 
ionischen Inseln unter rassischer Begünstigang ent- 
spann, am einen grossen Theil Ton Griechenland 
gegen «die Türken in Aufruhr zu versetzen , eine 
Verschwörung, von der ich schon bei den IVachrich- 
ien über Katsantonis gesprochen habe. Man kann 
bloss Tcrmuthep , dass er davon unterrichtet und 
zum Mitwirken geneigt war, weniger jedoch in 
der Absicht , die Zwecke eines Andern zu begün- 
stigen, als seine eigenen zu yerfolgen. 

Wie dem auch sey, —als diese Bemühungen 
ohne Erfolg blieben , ^ah sich Pope Euthymos ge- 
nöthigt, oder yielmehr er gewann Spielraum, sei- 
nen eignen Mitteln und seinen eignen Absichten 
gemäss zu yerfahren. Der Augenblick, wo der 
letzte Krieg zwischen der Pforte und Russland aus- 
brach , schien ihm der geeignetste ^ diejenigen 
Pläne zur Ausführung zu bringen, die er in Ge- 



— 190 — 

meinschaft mit Demetrius Pale&pulos ans Carpe* 
nisi überdacht und entworfen hatte, einem Manne 
Yon heldenmüthlgeryateiiandsliebe, dem dielfatnr 
keine ihrer Gaben Versagt zn haben schien, und 
der zugleich mit der seltenen Kunst der Ge- 
schäftsfühmng eine Seelenstärke yerband , die 
durch Gefahren, Hindernisse und Unglücksfälle 
eiprobt geworden war» 

Ihr Plan war einfach , und yielleicht der beste, 
den man damals entwerfen konnte. Es war nicht 
die Rede davon, eine allgemeine ReTolntion zu 
bewerkstelligen, noch auch, zn yersnchen, gans» 
Griechenland aaf einen Streich die.Freiheit tu ver^ 
schaffen. Man wollte bloss Ali Pascha stürzen, nnd 
in den ihm unterworfenen Proyinzen eine grie- 
chische Herrschaft gründen , bis die Umstände 
mehr zu thun vergönnen würden. Um dieses nächste 
Ziel zu erreichen , bedurfte maa der Rossen nicht, 
deren unmittelbare Dazwischenkunft gefidirlich 
schien» 

Die Mittel zur Ausfuhrung dieses Vorhabens, 
auf welche man rechnen xu können glaubte, schie-^ 
nen mehr als hinreichend. Alle klephtischen 
Häuptlinge aus den yerschiedenen Gegenden Grie->^ 



— 191 — 

chieDlaiids und eine Menge türkisclier Aga's j alle 
beseelt Ton demselben Hasse gegen Ali Pascba, 
waren bereit ^ mit demselben Eifer gemeinscbafUick 
zn seinem Untergange zu wirken. Es gab bis za 
den Ministem des Gross - Herrn Niemand , der 
nicbt Ton den Trenlosigkeiten des Pascba's von 
lannina überzeugt und über seine Macht bennm- 
bigt gewesen wäre , and der folglich nicht den 
Yerbnndenen den besten Erfolg gewünscht hätte.' 

Die ^upter der Verschwornen batten sich am 
bestimmten Tage auf den Theil des Pindns be- 
schieden , der zu Thessalien gehört ; von hier au» 
wallten sie in das niedere Thessalien hinabsteigen, 
den Aufstand dort verbreiten und sich hinläng- 
lich verstärken, um gegen lannina vorzurücken« 
Der Pope Euthymos erschien zuerst am bestimm- 
ten Platze mit allen Gefährten, die er in Kassia, 
ausser seinen- Pallikaren, hatte vereinigen können« 
Seine Absicht war, durch eine vorläufige, kriege- 
rische Operation die Ankunft tind die Vereinigung 
der übrigen Häuptlinge, die sich überall in Be- 
wegung fetzten, zu erleichtern und ^u sichern. 
Zu diesem Ende -^ar es wichtig , sich des Postens 
von Kastri zu bemächtigen, der fQjr Thessalien 
der Schlüssel derjenigen Engpässe des Pindus ist, 



— 192 — 

durch welche man nach Epims und Macedonien 
hinabsteigt. Dorthin sendete er seine beiden Brü- 
der, Theodor nnd Demetrius, mit diem Kern 
ihrer Leute, d. h. mit zwei bis drei hundert 
Mann. 

Bis hierher schien alles auf's beste zu gehen , 
und doch war alles schon yedoren. Einer der 
Yerschwornen, mit Namen Deli Giannis, der Sohn 
eines Popen aus Metzovön, war der Verräther. 
Bei der ersten Bewegung des Popen Euthjmos hatte 
Ali seinen Sohn Muchtar an der Spitze von yier 
tausend auserlesnen Soldaten abgeschickt, die sich 
auf Kastri warfen, ehe die Griechen sich zur Ver- 
theidigung bereit halten konnten. Von einer 
so sehr überlegenen Macht angegriffen , kämpften 
sie wie Helden, und fielen alle auf der Steile, 
wo sie standen. Theodor und Demetrius blieben 
nach Wundem der Tapferkeit. Der Pope Eüthymos, 
der in dem Augenblick des Angriffs nicht gegen- 
wärtig war, zog sich zurück zum Kapudan Pascha, 
der ihn gütig aufnahm, weil Ali damals bei der 
Pforte in Ungnade stand. Aber der listige Tyrann 
machte endlich seinen Frieden mit den Türken , 
er forderte die Auslieferung des Popen und man 
willigte ein. Ali versuchte Anfangs, Nachrichten 



— 193 — 

nnd Geständnisse Ton ihm zu erpressen ; der Pope 
Euthjmos öffnete nicht den Mand. Er wurde in 
Stücke zerschnitten, nachdem er alle Qualen aus- 
gehalten hatte, die Ali Pascha im Stande gewesen 
war, zu ersinnen. # 



II. 



i3 



— 194 — 



AE'. 
O nAiniAS KAE*THS. 



"Evaq naeä^ ißyrxe 'g r^v E.'hfVTCoXiv^ 

Kai Tov TiaTVTtdv yvpcvet tov ypap^aTixoy* — 
nHov eUrat^ ^annä ^lov y xkitprii, xat ypa^^aTixiy 

» Kai (i^ Toi)g lSiM(y6q cov , tä '^aSep(f>ia eov * 

» Z^ xA^aXi^ 77 iipvo6fv<rovXz(;. yA t6 xproi^ vBpov» 



— 195 — 



XXXV. 

DER POPE ALS KLEPHTE 



Es zog ein Pascha nach Euiypolis, 
Er sammelt Armatolen ^ jagt anf Kiephten ; 
Er sacht den Popen, einen Schriftgelehrten: 
»Wo bist dn, Pppe, Rlephte, Schriftgelehrter 7 
Anf, unterwerfe dich mit deinen Brüdern, 
und den Verwandten dein und deinen Vettern! 
Die Pfade y die da gingst, sie weinen alle, 
Um dich die Wasserqaellen klaren Wassers.« 



TMHMA AEXTEPON. 



ISTOPIKA TPArOTAIA AIA<&OPA. 



V 



ZWEITER ABSCHNITT. 



VERMISCHTE HISTORISCHE 

GESÄNGE. 



— 19^^^ 



KYRITSOS MICHALIS. 



Das folgende Lied bezieht sich auf eine Bege- 
benheit, welche zu den allergewöhnlich^ten nnter 
der Regierang des Gross-Snltans gehört. Es ist von 
einem Griechen die Rede j yermathlich Ton einem 
reichen und mächtigen Phanarioten , der , wie es 
scheint , als Goayemeor in der Stadt Achelös in 
Eomelien , an der ^ Küste des schwarzen Meeres, 
wohnte. 

Er wird dem Snltan dennncirt, der sogleich 
seinen Kapidschi-Baschi hinsendet, mit dem Be- 
fehl , ihn selbst zu erdrosseln , sich seines Ver- 
mögens zu bemächtigen , und seinen Sohn mit sich 
hinweg zu führen. Die Begebenheit ist keinem 
Zweifel unterworfen , aber ich glaube nicht, dass 
man eine Spur davon in den aufgezeichneten Ge- 
schichten findet. 

Das Lied hat nichts Ausgezeichnetes in seiner 
Gomposition, und die Erzählung, worauf es sich 
beschränkt, einfach und klar, wie sie ist, wird 



— 200 — 

durch keinen Zag Ton EinblldangsLraft gehoben. 
Demnngeachtet ist das Lied bemerkenswerth , wäre 
es anch nnr, weil es gewisslicb das älteste dieser 
Sammlang ist. Ich habe es in einem griechischen 
Manuscript in der Königlichen Bibliothek za Paris , 
Pf^. 5i6, gefunden 9 wo es auf einerl eergelassenen 
Seite mitten in dem Bande steht. 

Die Schrift ist ohne Zweifel aus dem sechs- 
zehnten Jahrhundert, so dass das Lied nicht we- 
niger als zweihundert yier und zwanzig Jahre alt 
seyn kann; es ist aber hödbst wahrscheinlich älter. 

Uebrigens ist die Abschrift sehr incorrect, ohne 
bestimmte Orthographie, überall schwer zu lesen 
und an zwei oder drei Stellen gar nicht zu ent- 
ziffern; ich habe öfters ein Wort hingesetzt, 
wie es der Sinn zu erfordern schien, ohne ge- 
wiss zu sejn , ob es dasselbe ist, das im Manu- 
script steht. 

Wahrscheinlich ist das Lied in Gonstantino- 
pel verfertigt worden. Die Sprache darin weicht 
nicht bedeutend von der heutigen Sprache ab. 



i 



— 202 — 



TOT KTPITSH MIXAAH. 



Tlq riTov ^<yS xbv l'ktyav Kvplxaoq 6 "M-vj^dki/ig. 

Kai xd^orrar \ t5 (m^Tl tovj Ttoath 8iv elj^* 6 vovq tov, 
^Kva poxd äva^vocrav iiiaa eig tö 8i6dvi' 

*ilg t' dxovarev 6 ßaaiXedq , noXk& töv Ttaxotpdvn * 

» Topfit vä nag *q xhv 'A;^ eXiy , *<; tA imyc^i tov Mfr;^ aX)?' 
» 'ExeX 6fi7rp6$ Tiiv noQTav tov va '*d'§q vä Tbv xpeyidarrig , 
»Kai T&^ ^i^itgov tov Tbv vlbv vä ^d^q vä tovb mdanßq' 
witvXdifov xb* än^ tö wpd^fcd to« ßeXovi^ vä ^lii j^tiarrig- » - 
"Mscrdw^Ta ^enopriae , '$ tov *A)(^$kdv hcriye. 
'Otfräi^ 9vot7^lv htiTO^^v^ &aäv arayiTa nriye» 



— 303 ^ 



I. 

KY RITSOS MICHALIS. 



Hier will ioh altzen , eine Mältr* erzählen , dass ihr 

staunet 
Es war ein Mann, genannt Rjritaos der Michj^li«* 
Reich an Gütern, angesehen im Volke, 
iSass er daheim im Hanse, dachte nichts Arges in der 

Seele. 
Einen Brief lasen sie da, lasen ihn vor in dem Diyan, 
Wie er Alles in Bewegung setze, Krieg anspinne: 
Als solches der Snltan vernahm , entbrannt' er im Zorn , 
Berief den Kapidschipaschi, trieb ihn an sar Eile: 
»Schnell nach Achelös in's Hans Michälis! 
Dort vor seiner Thüre, siehe za, dass da ihn hängest. 
Und den Knaben , seinen Sohn , siehe ^ dass du ihn er- 
greifest. 
Wache auch, dass seiner Güter keine Nadel dir ent- 
gehe!« 
Um die Mitternacht zieht er dorch's Thor, reist er ab 

nach Achelös: 
Wie ein Vogel ist er schnell, wie ein Pfeil fliegt seine 

Reise. 



— 20» — 



Sdiv thv '9ev 6 MtjfdKfuteni f htgompt^dipii xov' 

9*llfdtg xaX^q, atpivini fiov, xdxare v& Y^vfiaivLa^q. » — 

»A^y ^pOa *fdi Sia Tb fpayl^ oi8i 8i& Tb TtOTfipi' 

» Tdv X&fov nov ^nt 6 ^acTiXed^ , to OiXriiia v& »afia>. « — « 

Kai xb cx,oiivlv e^exa^e, xal Tbv Xa^^iov t* evgfjTtSy 

Kft' cvdhq b^n^bq 'q tiiv nd^a tov ^riai^et Toy, xal xpsfiM tov y 

Kai Tbv iiMfov tov Tbv vibv eldev y xa\ t6vb ^tdveii^ 

'2 T<) ndregYov Tbv iSaXe (ti okov tov Tbv §iQV. 



— 205 — 

Ihn erblickt der Michal-Bej, ihm entgegen steht er 

auf: 

»Sey willkommen, mein Herr, setze dich nieder zum 

Frühstück ! « 

»Nicht zum Essen kam ich her, nicht zum Trinken. 

Nur das Wort des Soltans, seinen Willen hab' ich za 

Tollzieh'n. « 

Schon bereit hielt er die Schnur, findet schnell damit 

den Nacken, 

Schleppt sogleich ihn Tor die Thüre, dort ihn hän- 
gend. 

Sieht anch seinen kleinen Sohn, den greift er. 

Wirft V mit allen Gütern, ihn in die Galeere. 



— 207 — 



DIE ALBANESEN ZU ANAPLI. 



Ich kabe schon Gelegenheit gehabt, und wer- 
de sie noch öfter finden, yon d^r Insoirection 
Morea's gegen die Pforte im Jahr 1770 su spre- 
chen, nnd all des Elends cu erwähnen, das die 
Folge dayon was. Die grösste Bedrängniss kam 
▼on den Albanesen, die in's Land gerufen worden 
waren, um die Russen daraus zu reijagen, und 
die Einwohner zu unterwerfen. Pfachdem sie ohne 
Ruhm diese nicht schwierige Aufgabe gelöst hatten , 
jbnden diese Barbaren das Land gut, und der Ge- 
danke kam ihnen, darin zu bleiben. So fin- 
gen sie denn an, oder vielmehr sie fuhren fort, 
die Griechen zu tödten, die ihnen. unter die Hän« 
de kamen, und nach ihrem Belieben die Lände- 
reien, die Städte und Festungen unter «ich zu 
theilen. Sie zu verjagen, war nicht leicht für die 
Pforte und nicht die Sache eines Feldzugs. Der 
Divan sendete mehrere Jahre hintereinander Ar* 
meen hin, die immer geschlafen wurden, und 
endlich konnte man sie nur mit Hülfe der grie*» 
chischen Klephten vettreiben, die man aufzuru- 
fen genöthigt war. 



— 208 — 

Das Lied 9 welches hier folgt , bezieht sich auf 
eine der türkischen Expeditionen , und zwar ^ wie 
mir scheint 9 auf die erste , zur Wiedererobemng 
Morea's. Nachdem der Capadan Pascha wieder- 
hohlt die Älbanesen zur Uebergabe der Festung 
Anäpli aufgeforder hatte , worin sie sich rerschlos- 
sen hatten j wollte er den Platz durch Sturm neh- 
men, sein Heer aber wurde zerstreut» 

Das Bezeichnendste und Bemerkenswertheste 
in diesem Stück ist die Höhe, worauf zu dieser 
Zeit der Uebermuth der Älbanesen und ihre Yer* 
achtung der Türken gestiegen war. Das Lied ist 
gereimt, — eine Ursache mehr , zu glauben , dass 
es in Morea oder einer der benachbarten Inseln 
gedichtet worden sej. Man kann auch daran nicht 
zweifeln, dass es Ton einem Griechen gedichtet 
worden , und dieser Grieche hat das Ansehen , 
einen yon Bäubern erfochtenen Sieg zu besingen, 
die kurz Torher seine Mitbüi^er zu tausenden er- 
schlagen hatten. Aber diejenige , die diese Art 
von Liedern sangen, und die, für welche sie sie 
sangen, rerstanden sich nicht auf Spott. Beide 
folgten bloss einem naiven Bedürfnisse der Erre- 
gung, unabhängig von jeder patriotischen Idee. 



II. 



»4 



— 210 — 



BV 
Ol APBANITEE EIS tO ANAIIAI. 



N& Ttaxouff 'i äpfuidaj xi^ 6 Ka^ixäv naaäq. 
*Ap\Ma ixaTeßrf ^g t' 'Aya^X» m* äpai^ey 
Ki' a'brbg &^ %it depßivva fi' &qmipi SiMtuxB. 

nZ' l<rivay Movp«to Xdfi^a, 'g iordqy ^AgSavvuuif 

» rX^tf Opa va (yxodiJTe avrovd* &^ töv Mo^ed. « — 

'»*£}^Ä ;i^apTid *j^<o )(iXia xa^^Uva 'q ti^v tporid' 

» Kai aii^ai^e cri Yfdtpm *q ti^ xdTCD ti^ fteptd. c — ^ 

»ZtS^sra, crc99ra, ^gi 'Movpro^ xal ^k ^rafafiiX^^y 

» FtaT* I;i^ei5 'Xty* acrxiqiy xal tä fi£Taro€i^. « — 

» "NLnexidfixa xowpixia ;i^iX&dd!ai^ 1$ 6xT(b , 

» Kai ael^ ol KakuovvT^iideg y ;(tXidde^ Ixaro. « — 

.T& aXXal ccXXa! "Klvt^ xpaSovve rd anadiäy 

Bdvow '^nfoara Toig Toifxovg^ ^fmpoaxa &(rav rpafid* 



— 211 — 



DIE ALBANESEN ZU ANAPLI, 



Vom Saltan ward erlassen ein Befehl: 

»Auslaufen mit der Flotte soll der Kapadin Pascha!« 

Aaslief er mit der Flotte, ankert vor Anapli, schnell 

Vordringend durch die Pässe dann mit seinem Heer. 

Er schrieb y er sandte Brief und Boten ab: 

»Du, Murtos Chamza, und ihr Albanesen all', 

Zieht schleunig ab Ton hier aus Moreä ! « — 

»Der Briefe hab' ich tausend hier yerbrannt, 

Und schreibe dir die meinen auf den — — ! 

»Schweig' stiir, o schweig', mein Murto, rede nicht su 

frei! 
Dein Heer ist schwach, du könntest es bereuen.« -— 
Sechstausend rüst'ge Flinten sind es, oder acht, 
Ihr hunderttausend Kaliuntziden nur an Zahl!« -~ 
Sie schreien: Ala! Ala! mit gezognem Schwerdt, 
Wie Böcke peitschen sie die Türken yor sich her. 



IIEPI TXIN LOTAIfltTXlN 



KAI nEPI TOT HOAEMOT ATTÖN 



META 



TOT AAH, IIAEA TßN WlANNINßN 



ÜBER DIE 



SULIOTEN UND IHRE KRIEGE 



MIT 



ALI, PASCHA VON lANNlNA. 



— ai5 — 

ÜfiER DIE SULIOTEN und IHRE KMEGE 

MIT 

ALI , PASCHA VON lANNINA. 



Die acht föIgeDden Gesänge beaiehen sich aaf 
verschiedene Ereigni^^ in den Kriegen der Salio- 
ten mit Ali, Pascha von lännina. So leicht und 
kurz zu fassen es seyn würde, von diesen Kriegen 
nur des für das Verstau duiss der Gesänge durch- 
aus Nothwendigen zu erwähnen , so schien es doch 
die Gelegenheit tu fordern , dass ich mich darüber 
etwas weitläufiger verbreite. Da ich von den Su- 
lioten unter Yerhältnisseu zu sprechen haibe , wo 
ihr IVamen sich ruhmvoll aa grosse Ereignisse an- 
schliesst y. wo ihre früheren Thaten für ganz Europa 
ein Gegenstand der Bewunderung und der Heu- 
gierde gewo^rden sind, so setzte ich voraus^ man 
werde mir Dank wissen, wenn ich von ihnen mit 
einiger Ausführlichkeit und in chronologischer Fol-* 
ge han'delte. Statt mich also darbüf zu beschrän- 
ken , zif den' folgenden 'acht Stücken eben so viele 
einzelne Argumente zu liefern, hielt ich es für 



— 216 — 

pmra Jrr ^ diese Tenchiedeaeii Gegeostiade in 
einer flficlitigeii, aber wmfctienden Skisze zu 
Tenchinelzen, welche die Gescliichte der SnlioIeD 
Ton ihrem UrsjniDge hb za dem Jahre 18049 dem 
Zei^foncte ihrer enten Zentreumig, begreift. 

Vor ungefähr anderthalb Jahrhunderten zogen 
sich Hirten ans der Nachbarschaft Ton Gardiki in 
Albanien, übel behandelt Ton den Türken ^ mit 
ihren Heerden anf eines des wildesten unter jenen 
Gebirgen znrndk^ die sich in diesem Theil Ton Epi- 
ros y der Insel Corfn und ihrem Canale gegenüber , 
unter dem Namen der Khamurie hinziehen. Bald 
folgten ihnen andere Bedrängte, andere Unzufriedne 
aus Terschiedenen Gegenden , and nach einiger Zeit 
bildeten diese Flüchtlinge, bestehend aus christli- 
chen Albanesen und Griechen , eine Gemeinde von 
etwa hundert Indiridaen, die in einem Dorfe zusam- 
men wohnten, welches daher den Namen Suli er* 
hielt Im Jahr 1792 war dieses Dorf der Mittelpunct 
einer kleinen Republik geworden , welche Ton allen 
türkischen Befehlshabern in Epiros nicht nur an- 
erkannt, sondern sogar gefürchtet wurde. 

Wie war nun diese Kepoblik in $0 kurzer Zeit 
entstanden , gegründet* durch einige wenige christ- 
liche Hirten, umgeben TOn türkischen Staaten, in 



— ii7 -*• 

einein Aufenthalte der Wölfe und wilden Schwielne, 
wo jene Hirten selbst Anfangs nnr einen ZaiQbchtsort 
gesucht hatten ? Welche Katastrophe yerarsachte ihr 
plötzliches Verschwinden ans dem Schoosse Grie- 
chenlands? Wer sind endlich jene Snlioten , deren 
Heldenthaten, glückliche und unglückliche Kriege, 
die Farbe alter, wie durch ein üngeflihr in der 
Geschichte der neaern Völker and Zeiten in's Le- 
ben gerofner Heldensagen fahren? Es sind dieses 
Fragen, welche ich gern zur Genüge beantworten 
möchte^ während ich doch nur die Reagier des 
Lesers ta reixen vermag. 

» , 

Beror ich zu dem übergehe, was mir Ton der 
politischen und sittlichen Lage derSnlioten bekannt 
ist 9 glaube ich Einiges über die Beyölkerung und 
geographischen Verhältnisse dieses Staats voraus- 
schicken zu müssen. 

Das ganze Volk der Sulioten theilte sich in 
zwei Klassen , in die vornehme, herrschende, und . 
in die gemeine, beherrschte. Die eigentlichen Su- 
lioten , sejen sie es durch Abstammung oder durch 
Adoption , machten die erste Klasse aus ; die zweite 
bestand aus Griechen und besiegten Albanesen, 
die man unter dem gemeinsamen Namen : Para - 
(Neben •^) Sulioten, begriff. 



— 218 — 

Die eigentlichen SaUoten, die ich T0n nun an 

schlechthin Snlioten nennen werde ^ * bewohnten 

eil£ Dorfschaften I yon denen die ältesten waren: 

SUi oder KaLo • Süll, Awarikos^ Samoniva and 

Kijipha) welche yier Orte man auch unier dem 

allgemeinen Namen der Vier-Orte (Tetrachorion) 

begriff. Sie lagen an den steilen Abhängen eines 

Gebirgs y cu dessen Gipfel man nur dorch einen 

drei Meilen langen, Vber Abgrunde, durch Wälder 

und Felsenmassen sich fbrtwindenden Pass gelang-- 

te. Von Meile 'zu Meile, an den gefahrlichsten 

Stellen dieses Passes , erhob sich ein fester Thurm 

XU seiner Vertheidigung, An dem Ende der ersten 

Meile, ganz *in der Nähe des ersten Thurms, lag 

der Flecken K.i4pha; zwei Meilen höher zeigten 

sich, in geringer Entfernuitg yon einander, Kako-^ 

S&li , Ayarikos und Samoniya , wie hängend an den 

steilsten Wänden eines kreisförmigen Thals oder 

eines Kraters, dessen Ränder die Gebirgsrücken 

bildeUr 

Die sieben andern Ortschaften , Colonieen der 
yorigen, und allgemein Heptachorion (die sieben 
Orte) genannt, lagen aii dem Fusse des Gebirgs, 
in einer fruchtbaren und bebauten Ebene. Die 
gesammte Bevölkerung dieser eilf Dörfer bestand 
ungefähr aus fünftausend Seelen, -yon denen fast 



— 119 — 

die Hälfte einsig auf den Hanptort gerechnet wer- 
den kann. Was die Anzahl der unterworfenem 
oder der tiefer stehenden Classe anbelangt, so 
belief diese sich über siebentausend Indiridnen , 
und nahm ein Sechzigstheil der um das Gebirg 
herum in einer Entfernung Ton Tier oder fänf 
Meilen durch das flache Land zerstreuten Ortschaf- 
ten ein. Bings von Felsen begränzt, umgeben yon 
Nachbarn, die entweder halb wild, oder unter* 
drückt und arm waren^ befanden sieh die Sülioten 
der Vier-Orte ausser Stand, durch Industrie oder 
irgend einen Handel ihre Existenz zu sichern. 
Sie erzogen zwar einiges BindTieh, aber zu ihrem 
nothdürftigen Unterhalte keineswegs hinreichend. 
Was ihnen fehlte, konnten sie nur auf eine 
Weise sich yersehafien, indem sie es nämlich den 
Bewohnern der Umgegend und den Landleuten 
^er benachbarten Ebnen mit Gewalt wegnahmen. 

Sie gingen ^ jxm diese Handlungsweise zu recht« 
fertigen^ von einem Bechtsgrundsatze aas , den sie 
unumwunden und selbst mit Stolz aussprachen: 
»Die Länder, welche jetzt die Itttrken besitzen, 
sagten sie, gehören den Türken nicht: sie gehö- 
ren unsern Vätern. Unsern Vätern wm*den sie 
mit Gewalt entrissen, und wir, ihre Kinder und 
Erben, wir haben das Becht, uns daron fiir un* 



— 220 — 

sere Bedürfnisse wieder soTiel anzueignen , als 
wir nur immer den Feinden mit Gewalt der Waf- 
fen zu entreissen Termögen. Alle GriecIieB und 
die übrigen Christen y die unter dem Joche der 
Türken stehen, mögen entweder mit uns zur Wie- 
dererobernng des gemeinschaftlichen Vaterlands 
die Waffen ergreifen, oder Ton uns gleich unsem 
Büubem behandelt zu werden erwarten, « 

Hach der Aufstellung eine» solchen Grund- 
satzes, den sie kühn und mit aller Strenge ver- 
folgten, mussten die.Sulioten, besonders in den 
ersten Zeiten , nothwendig In stete Kriege mit den 
kleinern türkischen Befehlshabern der Umgegend 
gerathen. Und so war es aiich. Stets begleitete 
sie der Sieg ; sie entrissen nach und nach den Aga's 
yon Margariti, Ton Paramythia , und den Pascha's 
Ton lannina die sechzig Dörfer, welche das söge« 
nannte Parasuliotis bildeten. ]^ine natürliche Folge 
dieser Siege war , dass sie you den Behörden , über 
welche sie gesiegt hatten , als Volk , als unabhän- 
gige Macht anerkannt wurden. Nun war es seltsam , 
dass in den Verhältnissen , in welche sie alln^äh- 
lig zu diesen Machthabern traten , sie bald als Er* 
obererund Sieger, bald als Unterthanen und Be- 
siegte erschienen. — So zahlten sie an die Abge- 
ordneten derTforte den gewöhnlichen Tribut der 



— 221 — 

Raja's^ nämlich ein Kopfgeld in Silber, and den 
Zehnten von ihren Heerden, so wie von Batter 
und Käse. Dahingegen nahmen sie denselben Zehn- 
ten und dasselbe Kopfgeld von den Dörfern , die 
sie besas&en, als Recht der Erobening. Endlich 
Hessen sie sich ausser diesem doppelten Tribnt yon 
den benachbarten Aga's und Pascha's umgekehrt 
eine besondere Summe in Geld dafür bezahlen , 
dass sie ihreDomainen nicht verwüsteten. 

Was die innere Oi^anisation des Suliotenstaa- 
tes betrifft y so weiss man zwar davon sehr wenig, 
aber doch immer genug , um zu erkennen , dass 
Alles in demselben sehr einfiich und derNothwen« 
digkeit einer Existenz durch ^Krieg angemessen war« 

Die Familie, in ihrer weitesten Bedeutung, 
wurde als das politische Element des Staats be- 
trachtet Eine gewisse Zahl von vereinigten, oder 
stammverwandten Familien bildete eine Phara oder 
Tribus, an deren Spitze das Haupt der ältesten 
oder geachtetsten Familie stand. So gruppirten 
sich die fünftausend Bewohner von Sulioiis in nn- 
geföhr achtzehnhundert Familien, und diese wieder 
in sieben und vierzig Pkara\ 

> Es gab in Suli nicht Tribunale^ nicht geschrie- 



— 222 — 

b«ne Cresetse, nicht einmal stehendes KcchlsTer* 
fahren. Die ZwistigLeiten zwiflchen Priyaüeoten 
endigten sich aof das freundschaftlichste dorch 
willkührlichen Aassprach des Haupts der Fani-» 
lien oder Phara's , zu welcher die streitenden Par- 
theien gehörten. 

Veber die öffentlichen Angelegenheiten ent- 
schied ein Rath^ welcher ans sieben and rierzig 
Häaptem der Phara's bestand. Von diesen Ange- 
legenheiten war die wichtigste and fast die einzige 
der Krieg; wenm aber dieser einmal beschlossen 
war, kam ies nar noch daraaf an, ihn zu eröffnen. 
Denn jede allgemeine Anordnungy alle Torläafigen 
Operationen waren schon zam Yoraas dorch Ge- 
wohnheit and Gebrauch bestimmt. Sulioten des 
Gebirgs nnd Sulioten der Ebene, Anführer und 
Krieger 9 Männer und Frauen, alle wussten, was 
sie zu thun hatten , und sie thaten es , nicht wie 
eine Pflicht 9 die ihnen das Gemein- Wesen B,af- 
crlegte , sondern als Etwas^ das sie peirsönlich be- 
traf. 

Bei der Annäherung eines Feindes yerliessen 
die Sulioten des Plattlandes isogleich ihre Dörfer, 
mit ihrer Haabe und mit ihren Yorräthen. Die 
Greise, die Kinder, die Frauen zogen sich in das 



— 223 — 

Gebiig znrfiok ; aber die Männer .{leseUlen die 
Eingänge za den Pässen, um sie. zu vertheldigeiij 
mid die Berg-Snlioten stiegen ,za ihrer Unterstü* 
znng heranter. Das eroberte Flachland wurde den 
Verwüstungen der Feinde preisgegeben. Da die 
Solioten sich Leiner anderen Waffen, als der Büchse 
und das Säbels bedienten , und gewöhnlich an wal^ 
digen, felsigen Orten kämpften , wo Jed^r auf dem 
Posteil, den ihm der Zufall oder eigner Willfe an- 
gewiesen hatte, mit selbst gewählter Waffe, ohne 
HücLsicht auf das Ganze nach seinem Yermdgen 
und für seine Person stritt, war ihre Ejnegskunst 
die einfachste, die man sich denken kann. Sie 
Besekränkte sich auf den Grundsatz, nie zu flie« 
hen , und nie vor der Anzahl der Feinde zu er-^ 
schrecken. Indessen hatten sie d(/ch gewisse Kxiegs- 
regeln. Tön denen ich nur «ine, als die originell* 
steund auffallendste, anfahren will. 

Stand ein zahlreiches feindliches Heer Im Felde, 
so stellten sie yon ihrer Seite eine möglichst kleine 
Anzahl der Ihrigen gegen dasselbe auf. Sie liessen 
z.B. gegen einen Haufen von fünf oder sechstau- 
send Türken, hundert und fünfzig^ oder aufs 
höchste zweihundeH Mann der Ihrigen ausrü«- 
cken« Zeigte sich hingegen nur ein kleines Corps 
TOB fünfhundert bis tausend feindlichen Soldaten , 



— 224 — 

so gingen sie diesem in gleicher oder überlegner 
Ansah! entgegen. Im ersten Falle war ihr^ ein- 
sige Absicht, sich zu yertheidigen : denn es wäre 
wohl thörig yon ihrer S^ite gewesen , hätten sie 
ein anderes Verlangen gehabt^ als zu kämpfen 
und den Fßind zurückzuwerfen. Im zweiten Falle 
hatten sie ausser der Aussicht auf den Sieg, auch 
noch die auf einen Nebengewinn. Sie durften 
hoffen y Tiele Gefangene zu machen^ welche sie 
dann beraubten y verkauften y . öder sich loskaufen 
liessen. 

So beträchtlich die Streitkräfte der Sulioten 
im Yerhältniss zu der Gesammtzahl des Volks 
waren , so unbedeutend waren sie an und für sich. 
Die Vier-Orte konnten gegen tausend Mann in's 
Feld stellen, und die Sieben-Orte fünfhundert, so 
. dass Sali in seinen gröasten Unternehmungen, in 
der grössten Blüthe seiner Macht , nie mehr als 
fünfzehnhundert ELämpfer zu Fuss , aber nur sel- 
ten soviel , ausgerüstet hat. 

Die Frauen folgten den Männern in's Feld, 
und führten für diese Lebensmittel und Kriegsbe« 
darf mit sich, ja sie kämpften im Falle der Noth 
an der Seite ihrer Gatten. Saheti sie eine Abthei- 
lung ihrer Exieger zurückweidben oder wanken , 



— 225 - 

angenblicklich eilten sie tu ihrer UnterstützQDg her- 
bei. Den Snlioten, der sich yor ihren Angen feig be- 
trag, -was sich nur selten ereignete, überhäuften sie 
mitVorvriirfen, erklärten ihn für anwürdig, eineFraa 
2a haben, oder zu finden, ja so weit ging oft ihr 
Eifer, dass sie ihm seine Waffen entrissen.' Ein 
Suliotisches Weib sah lieber ihren Mann rühmlich 
im Treffen fallen , als ihn durch Feigheit gebrand- 
markt zarückkehren ; denn das Gesetz machte sie 
gewissermaassen für seine Schmach verantwortlich, 
da diese aof sie Leiden häufte , die, physisch be« 
trachtet, wohl sehr gering waren, welche aber 
der Stolz des Volks mit Bitterkeit belastete. Wenn 
die Frau eines als feig bezeichneten Salioten zum 
Brunnen kam, Wasser zu schöpfen, oder ihre 
Heerde zu tränken, so hatten eine, zwei, zehn 
Frauen von Tapfern, welche zu gleichem Zwecke 
hinzuJtamen, das Recht, yor jener ihre Getässe zu 
füllen und ihre Heerden zu tränken. Eine Su- 
liotin , welche diesen Schimpf yön sich wälzen, 
oder ihn nicht doppelt auf sich laden wollte , 
hatte nur zwischen zweien die Wahl : entwe- 
der ihren Mann zu verlassen, oder ihn zu zwin- 
gen, dass er durch irgend eine glänzende Hel- 
denthat die auf ihm liegende Schande austilge. 



11, i5 



— 236 — 

Ein Saliote trennte sich nie von seinen Waf- 
fen , — er as8, er schlief mit ihnen. Gerüstet mit 
denselben, — die Büchse auf der Schalter , den 
Säbel an der Seite , den Dolch im Gürtel, — ging er 
in die Kirche, führte er seine Ziegen auf die "Weide. 
Eine Folge dieser Sitte, immer bewaffnet su gehen, 
war, dass Privatstreitigkeiten zwischen Menschen 
▼on so stolzer und wilder Sinnesart leicht blutig 
wurden; und in einem Lande., wie Soli, wo jede 
Familie sich es zor Ehrensache machte, ihre Glie- 
der zu schützen und zu rächen , drohte daher jede 
gewöhnliche Streitsache , einen Bürgerkrieg herbei 
zufuhren. Das Gesetz suchte auf jede Weise allen 
Veranlassungen vorzubeugen , durch deren Zusam- 
mentreffen eine Privatstreitigkeit sich erhitzen und 
dadurch dem Staate selbst gefahrlich werden konnte. 
Es verbot jedem ünterthan, sich in einen Streit 
zu mischen , se j es auch in der Absicht, Frieden zu 
stiften: man hielt nämlich diese gute Absicht für 
unzulänglich, und die Neigung der Sulioten, jede 
Gelegenheit, die sich ihnen darbot, zu ergreifen, 
um eine Probe ihres persönlichen Muthes, ihrer 
Tapferkeit, oder ünverzagtheit abzulegen, für allzu 
mächtig. Die Frauen allein hatten das Recht, 
als Mittlerinnen zwichen den streitenden Par- 
theien, sowohl von Männern als von Weibern, auf- 
zutreten. 



~ 227 — 

Sti'eitigkeiten 2wischen Persoften männlichen 
und weiblichen Geschlechts worden durch ein 
noch weit sonderbareres , aber von demselben Geist 
eingegebenes Gesetz äusserst selten gemacht. Der 
Soliote j der eine Frau gemordet hatte , ward Ter« 
artheilt, auf seine Kosten eben so yiele Bürger 
zu unterhalten, als wahrscheinlicher Weise die ge- 
mordete Frau Rinder geboren hätte, wenn sie am 
Leben geblieben wäre. Für einen Sulioten war 
ein solches Gesetz härter, als selbst der Tod, und 
jeder yermied mit einer gewissen Angst , sich bei 
irgend einer Gelegenheit gegen eine Frau zu yeiv 
gehen , oder sie thätlich zu yerletzen. 

So strebten bei den Sulioten Gesetze, Sitten, 
Erziehung, selbst die Beligion, auf das eine Ziel, 
auf Steigerung des Muthes hin. Nach der Tapfer« 
keit War für den Sulioten die grösste Tugend Va- 
terlandsliebe. Wenig lag daran , dass dieses Vater- 
land nur ein ödes Gebirg war, mit zackigen Fel- 
senklippen und schroffen Abgründen. Der Sulio- 
te liebte es, wie es war, und selbst, weil es so 
war; er liebte es wegen der Anstrengung, mit 
der er sich an diesen Felsen angebaut, wegen der 
heldenmüthigen Tapferkeit, mit der er sich hier 
behauptet hatte;, er liebte es endlich wegen des 
feurigen Stolzes, mit dem er von der Höhe seiner 



— 228 — 

FeUen unter sich in der Ebene Unterdrückte, 
weniger beherzt, ab er, and Unterdrücker, Ton de- 
nen er nichts fürchtete, erschanen konnte. 

Die Exiege, oder die Unternehmungen des 
ganzen Staats und einzelner Bürger , in deren 
Folge Soli zu der Macht kam, die ich eben dar- 
stellte, hat noch niemand beschrieben. Die Sa- 
lioten selbst hatten sie yergessen , und aller Wahr- 
scheinlichkeit nach sind sie fEbr immer der Ge- 
achichte Griechenlands yerloren. Erst von dem Zeit- 
puncto an , wo dieses Volk mit dem berüchtigten 
Alt, Pascha 7on lannina, in Berührung kam, erst 
da fing man an , auch anderswo , als in Epiros, 
¥on ihm zu reden, und sich nach näherer Rennt- 
niss einzelner Charakterzüge desselben umzuthun. 

Die erste Begebenheit , in der wir es auf den 
Schauplatz treten sehen, ist eine der ausgezeich- 
netsten und der glücklichsten in ihrer ganzen Ge- 
schichte; sie ereignete sich im Jahr 1789. Fünf- 
xehn Jahre waren verflossen seit dem Vei^leieh 
cu Kainardschi, welcher dem im Jahr 176g zwi- 
j»chen der Pforte und Rnssland ausgebrochenen 
Kriege ein Ende gemacht hatte. In diesem Zwi- 
schenräume war die frühere Klage erneuert worden. 
Seit 1786 hatte die Pforte Russland von Neuem 



— 2» — 

angegriffen, and Catharina II , verbündet mit dem 
Kaiser loseph II, yerfolgte abermals ihren Sieges- 
lauf gegen die Türken. Von 1785 bis 1790 hatten 
die Oe8treichisch«> Russischen Heere grosse Vor- 
theile dayon getragen, nnd die Moselmänner kamen 
in grössere' Bedrängniss', als im yorigen Kriege, 
Catharina ^ ' die für den Augenblick der Griechen 
nicht bedurfte ^ dachte nicht mehr an dieselben. 
Als aber nach dem Tode loseph's IL die ganze 
Last des Kriegs auf sie zurückfiel, kam ihr der 
Gedanke wieder ,' sich ' der Griechen zU ihrem 
Zwecke zu bedienen , und sie yon Neuem durch 
Vorhaltung der Unabhängigkeit und des Ruhms für 
sich zu gewinnen. Ihr Plan war, es sollte in ir- 
gend einem Theile Grichenlands ein Aufstand be- 
wirkt werden, welcher den Russen einen leichte-^ 
ren und geraderen Weg in den Mittelpunct des 
Kriegsschauplatzes öffnen könnte. Die Sache war 
nicht so leicht nach dem traurigen Ausgang, den 
zwanzig Jahre yorher die Insurrection^ in Morea 
genommen hatte ; ^ber wenn es noch eine grie- 
chische Proyinz gab, wo man eine Menge Tapferer 
bei dem.Rufe: »Freiheit und Unabhängigkeit!« zu 
begeistern hoffen durfte , so war es Epiros, Dahin 
schickte denn auch Russland seine Agenten mit 
einem Manifest, in dem alle Griechen aufgefor« 
dert wurden^ die Feinde des christliehen Namens 



— 230 — 

aus dem Lande zu Tertreiben j in dessen Besitz sie 
sich anrechtmässig gesetzt hätten^ und ihre alte 
Freiheit wieder zu erkämpfen. 

Sali wurde zum Mittelpunct der Insnrrection 
erwählt, wo sich alle Klephtenhaufen yersammel- 
ten, welche, mit den Sulioten yereint, bald eine 
selbst durch ihre Anzahl furchtbare Armee bilde- 
ten. Diese Armee marschirte nun gegen Ali Pa- 
scha f den sie aufs Haupt schlug , während eine 
griechische Flotte yon zwölf Segeln, unter dem 
berühmten Lampros, yon ihrer Seite die See- 
macht der Türken ipi Archipelagus zu Grunde 
richtete. 

Aber während die Griechen sich so für Russ- 
land der Gefahr aassetzten, und selbst mehr hiel- 
ten , als sie yersprochen hatten , unterzeichnete 
Russland, bewogen durch die gleichzeitigen Dro- 
hungen Preussen's und England's, einen Ver- 
gleich mit der Pforte, und überliess zum zweiten 
mal die unglücklichen Griechen der Bachgierde ihrer 
Unterdrücker« Ich habe schon an einem andern 
Orte dayon gesprochep, welches das Loos einiger 
dieser Tapfern gewesen ist, und werde mich nicht 
länger bei diesem Puncte yerweilen. 

Von Allen, welche die Waffen zum Au&tand 



— 231 — 

ron Epiros ergriffen hatten , waren einzig die Sa-* 
lioten- männlich genug , die Folgen nicht zu fürch- 
ten , und selbst ihrer That sich zu rühmen« Ali) 
welcher das Paschalik yon lannina erst seit zwei 
oder drei Jahren hesass, war nicht im Stande, für 
seinen übrigf^n, dnrch sie erlittenen Verlost, und 
för den Tod eines Sohnes , der yon ihren Händen 
gefallen war, Rache zu nehmen. Erst im Jahr 
1792^ konnte er an diie Bestrafang der Salioten 
denken. Er rersammelte zu lannina acht bis zehn 
tausend ausserwählte Albanesen , an deren Spitze 
er sich stellte, unter dem Verwand, dass er gegen 
die Stadt Argyrokastron ziehe , der er einen Gou- 
yemeur gegeben hatte, welcher ihr nicht gefiel. 
Dieses schien ihm aber noch nicht hinreichend, um 
die Sulioten über den Zweck seiner Rüstung zu tau» 
sehen; es war ihm züyiel daran gelegen, sie zu 
schwächen. Er schrieb ihnen daher auf eine für 
sie sehr ruhmvolle Weise ,. um sie zu beweg.en, ihre 
Streitkräfte mit den seinigen gegen einen Feind 
zu verbinden, der, wie er vorgab, drohend war, 
indem er ihnen den doppelten Sold der Albane- 
sen versprach, weil sie, nach seinem Ausdruck, 
noch einmal so tapfer seyen, als jene. 

Mistrauend den Lobeserhebungen nnd den An« 
erbietunjgen des Pascha's j^ begnügten sich die Sa- 



— 232 — 

lioten, ihUi eine Abtheilung yongiebzigMann znzu^ 
schicken, anter den Befehlen des Lampros Tsa- 
wellas, des Haupts einer der ältesten Familien y 
und eines Helden in Solu »Diese Verstärkung wird 
dir genügen , überall siegreich zu sej^n,« schriebea 
sie dem Ali. Obgleich missTergnügt nnd unzufrie- 
den über das Misslingen seiner List, ging Ali doch 
Ton seinem Plan nicht ab. Er brach mit seinen 
Albanesen und den siebzig Sulioten gegen Aj> 
gjrokastron auf; aber dreissig Meilen yon lannina 
liess er Halt machen. Tsawellas und die Seinigen 
yerliessen in ihrer yermeinten Sicherheit einen 
Augenblick; um auszuruhen, ihre WajGfen , und zer* 
streuten sich. AU benutzte diesen Augenblick ; er 
befahl seinen Albanesen , auf die Sulioten zu fal- 
len, sie gelingen zu nehmen und nach lannina 
zu bringen, mit Ausnahme des Lampros Tsawellas, 
den er selbst mit sich führte. Nachdem dieser 
Befehl ausgeführt war, kehrte er mit seiner gan- 
zen Armee um und nahm seine Bichtung nach 
Suli , in der Hoffiiung , dessen Bewohner durch 
einen unyorhergesehenen Ueberfall zu übenraschen. 
Zum Glück für Suli war einer der Tapfem des 
Tsawellas den Albanesen entschlüpft, hatte sich 
in den Fluss Thyamis geworfen, das andere Ufer 
gewonnen, ohne dass es ii^end jemand gemerkt 
hatte, und war im Laufe seinen beimathlichen Beiden 



« 



— 233 — 

zugeeilt. Er kam drei Standen yor AH an, und 
alä dieser sich vor den Pässen zeigte, durch die 
er ungehindert zu kommen glaubte, fand er die 
Sulioten und — stand. 

Wüthendy sich so betrogen zu sehen, aber 
noch nicht die Hoffnung aufgebend, ohne Kampf 
zu siegen , liess der Pascha den Häuptling Tsawel- 
las Torführen, und hielt mit ihm eine lange Un- 
terredung , die sich in die wenigen Worte 
fassen lässt : » Setze mich in den Besitz deines Lan* 
des, du wirst reichlich belohnt werden* Wenn du 
dich weigerst, wirst du an langsamem Feuer ge- 
braten werden«. »Wie kann ich dich in den Besitz 
meines Landes setzen; erwiederte Tsawellas, da 
ich dein Gefangener bin ? Wenn du willst : dass 
ich yersuche, das, was du wünschest, auszuführen, so 
gib mir die Freiheit. Erlaube mir, meinen Sohn yon 
Suli hohlen zu lassen; er ist mii" theuerer, als ich 
mir selbst: nimm ihn als Geisel , bis ich etwas 
für dich zu Stande bringen kann «. Ali, überredet 
durch diese Worte , befreite Tsawellas , welcher 
sich nach Suli begab , indem er seinen Sohn , 
Photos , einen Jüngling yon ungefähr achtzehn 
Jahren , den wir bald die erste Rolle in dieser 
Geschichte werden ergreifen, sehen, in der Ge« 
walt des Pascha zurück liess. 



— 234 — 

Ali erwartete begierig am Fasse der Saliotisckeo 
Gebirge die ErfQllang des Versprechens, das ihm 
Tsawellas gegeben battet er blieb nicht lange im 
Irrthom über die wahre Gesinnang des edelmüthi-* 
gen Solioten. Er empfing folgenden Brief: »Ali 
Pascha! Es freut mich, dass ich einen Beträger 
betrogen habe. Mein Vaterland gegen einen Räu- 
ber ca yertheidigen , bin ich hierher zurückgekehrt. 
Mein Sohn wird sterben, aber ich bin der gewis- 
sen Hoffnung, ihn «u rächen, bcTor auch ich 
sterbe. Gewisse Türken yon deiner Art werden 
sagen , ich se j ein gefühlloser Vater , dass ich 
meinen Sohn für meine Befreiung schlachten lasse« 
Ich sager, dass du, wenn du unsere Gebirge ero- 
bert hättest , meinen Sohn , meine ganze Familie , 
meine Mitbürger gemordet haben würdest, ohne dass 
ich ihren Tod hätte rächen können. Mir werden, 
ist das Glück uns günstig , andere Kinder geboren 
werden, denn meine Frau ist jung. Was meinen 
Sohn angeht, so wird er sich, trotz seines jugend- 
lichen Alters, willig für das Vaterland opfern las* 
ten; sonst wäre er nicht würdig, zu leben, noch 
fOr meinen Sohn anerkannt zu werden. Er wird dem 
Tode muthig entgegen gehen, sonst verdiente er 
nicht, ein wahrer Sohn Griechenlands, unsers Va- 
terlandes, genannt zu werden. Komm denn, Treu- 
loser ! Ich brenne yor Begierde, mi<^h tu. rächen. « 



— 235 — 

Dieser Brief and der Heldenbetrag des Tsa- 
wellas rerdoppelten die Wath Ali's gegen die Sa« 
lioten ; aber die Wath Ali's war immer der Berech- 
nung anterworfen» Da zam zweitenmale seine 
Plane yernichtet waren , y ersuchte er, ob es durch 
Zeitgewinnst gelinge , und bemühte sich, die Sulio- 
ten durch Ausbreitung seiner ELräfte zu schrecken , 
so wie dadurch, dass er im Umkreise des Gebirgs 
alle Pancte, durch welche sie Unterstützung an 
Mannschaft, an Kriegsbedarf, an Lebensmitteln er- 
halten konnten, besetzte. Seine Armee, die. wahr- 
scheinlich mit Uebertreibung bald auf zwanzig, 
bald auf zwei und zwanzig tausend Mann angege- 
ben wird , war doch gewiss nicht weniger als fünf-; 
zehntausend stark. Sie war in vier Corps getheiit, 
Ton denen die beiden stärksten , das eine Ton dem 
Yezir in Person, das andere yon seinem Sohne 
Muchtar befehligt, die Dörfer der Sulioten belager-« 
ten. Sie standen am Fuss des Gebirgs, dem Passe ^ 
durch welchen ^lan hinauf gelangte , gegenüber. 

Man weiss nicht, wie lange Ali in dieser Stel« 
lang geblieben wäre, wenn er nicht durch einen 
für ihn glücklichen Zufall Runde yon dem kühnen 
Plan der Sulioten, ihn in der Mitte seines Lagert 
zu überfallen und aufzuheben, erhalten hätte« 
Daher beschlosd er endlich, yon Ungeduld getrieben , 



— 236 — 

ieä EjaopL Er ▼enammelte seine 0£B«iere and 
jene aoserietenen Albanesen, die den Kern seines 
Heeres ausmachten , — g^^a sieben bis acbt tau- 
end Bfann , — nm an sie im Namen des Koran's 
and bei ihrer Ehre die Aoffordernng ei^ehen su 
lassen, die der Augenblick erheischt^, — am sie 
za erinnern, dass die Zeit gekommen sejr, alle 
Beleidigungen, die sie von denSoiioten erfahren, 
an dieser Handyoll Dschauem and Ziegenräuber 
XU rächen; und endlich, um sich ihres Muths 
desto mehr zu yersichem , yenprach er fünfhun- 
dert Piaster Jedem, der in Sali eindringen and es 
nehmen würde. Bei diesem Versprechen sogen. . 
die Albanesen ihre Säbel, serbrachen die Schei- 
den , und schwuren, nicht auseinander zu gehen, 
beyor sie das Begehren des Pascha erfüllt hätten. 

Diesen achttausend Auserwählten und dem 
übrigen Heere hatten die Sulioten nur dreizehn 
hundert Kämpfer entgegen zu stellen, angeführt 
yon Georg B&tsarls, dem einzigen Suliotischen 
Häuptlinge, welcher damals noch mit Lampros 
Tsayellas an Erfahrenheit,. Patriotismus undMuth 
wetteifern konnte. Zwischen diesen so unyerhält- 
nissmässigen Heeren begann am zwanzigsten Juli 
1792 eine bewundernswürdige Schlacht, yon der ich 
nur die eigenthümlichsten Züge herausheben will. 



— 237 — 

Nach einem kühnen Widerstände am Eingange 
der Defileen sogen sich die Snlloten nach Kiäpha 
in eine yortheilhaftere Stellang zurück , wo die 
kleinen Abtheilangen ihrer Trappen mit mehr 
Uebereinstimmung wirken konnten. Hier ent- 
brannte der Kampf farchtbar. Entflammt durch 
die Versprechungen des Vezirs, griffen die Alba- 
nesen die Sulioten mit einer Unerschrockenheit 
und Hartnäckigkeit an , welche diese nicht an ihnen 
gewohnt waren. Zurückgeworfen in den beiden 
ersten Angriffen, in denen sie mit ihren Leichna- 
men die Klüfte des Passes erfüllt hatten, kehrten 
sie zum dritten Angriffe mit grösserer Erbitterung 
zurück« Die Hitze des Tages war drückend > und 
die Sulioten empfanden alles das Bittere, was die 
yereinten Quaalen des Hungers, des Durstes und der 
Ermüdung in sich tragen. Sie konnten ihre Ge- 
wehre, die Ton dem häufigen Abfeuern und Ton 
den Strahlen der Sonne glühten, kaum mehr be^ 
rühren. Doch hörten sie erst nach einem zehn- 
stündigen Blutbade auf, zu kämpfen und den Feind 
in Athem zu erhalten« 

Nun zogen sie sich zurück, um eine neue 
Stellung an dem hohem Theile des Gebirgs zu 
nehmen. Eine kleine Abtheilung stand am zwei- 
ten Thurme, an ihrer Spitze Georg Bitsaris selbst. 



— 238 — 

Zwischen dem zweiten Thnrm und Soli legte sicH 
ein zweites sahlreiclieres Corps , angeführt ron 
Lampros Tsawellas, in einem dichten Gehölze , 
welches den Pass beherrschte, in den Hinterhalt. 
Endlich stellten sich yierhnndert Snlioten in Soll 
selbst auf y um den Feind yon yorn zu empfan- 
gen. 

Unterdessen yerfolgten die Albanesen, ermn- 
thigt durch den glücklichen Fortgang der Schlach^ 
nachdem sie zn KiApha Athem geschöpft^ nn- 
yerzagt den Marsch gegen den Gipfel des Ge- 
birgs« Angekommen am zweiten Thurme, finden 
sie auch hier keinen Widerstand , lassen auch die- 
sen hinter sich, fahren fort, hinan zu klimmen, 
und sind schon in der Nähe yon Suli. 

Es war bisher in den Bewegungen des Pascha 
nichts Unyorhergesehenes , nichts Beunruhigendes 
für die Snlioten yorgefallen, die, um den Feind 
anzugreifen, nur den Zeitpunct erwarteten, wo er 
ganz in die Falle gegangen sejn würde, welche sie 
ihm gelegt hatten. Doch waren die Anzahl der 
Angreifenden, ihre Entschlossenheit, ihre Fort- 
schritte so gross , dass man den Ausgang der 
Schlacht nicht yorhersehen konnte. Da entschied 
ein ausser aller Berechnung liegender Zufall das 
Schicksal des Tages. 



— 239 ~ 

Einige Eraaen in Sali glaubten, als sie den 
Feind so nahe erblickten , an ihnen sej es nnn, 
das Vaterland za retten. Die kühnste Ton allen, 
Moscho, Gattin des Lampros Tsawellas, sprengte 
mit einem Beile drei Kästen yoll Patronen, wo- 
zu sie den Schlüssel nicht hatte , füllte damit ihre 
Schürze, ergriff einen Säbel, ein Gewehr, und stürz- 
te auf die Feinde , — hinter ihr eine Schaar ihrer 
Gefährtinnen. Fortgerissen und entflammt durch 
ihr Beispiel, werfen sich die yierhundert Männer, 
die in Suli aufgestellt sind, mit ihnen auf den Feind, 
und drängen ihn auf den zweiten Thurm zurück. 
Hier empfängt Bbtsaris die Fliehenden mit einem 
furchtbaren Feuer, während sie Tsawellas yon 
der Seite an der Spitze seines Hinterhaltes angreift. 
Von allen Seiten umringt, fallen die Albanesen, 
die weder fliehen noch yordringen können , unter 
einem. Hagel yon Kugeln, werden zerschmettert 
yon über sie gerollten Felsen. Alles , was sich 
über den zweiten Thurm gewagt hatte , wird nie- 
dergehauen; die übrigen stürzen sich in Unord- 
nung yon der Mitte des Bergs in die Ebene her- 
ab, yerfolgt yon den Siegern. 

Die Heldin Moscho ist unter den Ersten und 
Feurigsten ; aber als sie zum Thurme yon Kiipha 
gelangt, wird sie einen Augenblick durch einen 



— 240 — 

traurigen Anblick gefesselt. Die Leichname yon 
neun jungen Sulioten lagen in der Nähe des 
Thurms: sie waren beauftragt gewesen, ihn zu 
Tertheidigen , und alle waren in seiner Yertheidi— 
gung gefallen. Ein zehnter y welcher an der Spitze 
der neun andern gekämpft hatte, lag in den letz- 
ten Zügen, und dieser — Moscho hatte ihn bald 
erkannt — es war ihr Neffe Kitsos Tsawellas. Sie 
warf sich auf ihn, küsste ihm die Lippen , bedeckte 
ihn mit ihrer Schürze, und sprach über ihn fol- 
gende kriegerische Todtenklage : Geliebter Neffe ! 
Ich bin zu spät gekommen, dir dein Leben zu 
retten; aber ich kann wenigstens deinen Tod rächen 
an deinen Feinden und Mördern. « Mit diesen 
Worten erhob sie sich zu fernerer Verfolgung der 
Albanesen. 

Nichts gleicht dem Schrecken , der Verwirrung, 
der Eile, mit welcher diese flohen. Die, welche 
sich in Wälder, im Gebirge yerbergen konnten, 
priesen sich glücklich; die übrigen standen erst 
in lannina wieder still, und fast alle hatten ihre 
Waffen weggeworfen, um desto leichter dem Feinde 
entfliehen zu können. Gepäck, Exiegs- und Mund- 
yorrath, Waffen, die Kriegs - Kasse , Alles fiel in 
die Hände der Sulioten. Man rechnet die Zahl der 
Todteu yon Seiten der Albanesen auf dreitausend ; 



— 241 — 

die Salioten hatten Tier und siebenzig Todte und 
hundert Verwundete. 

Ali Pascha, der Ton Weitem die Niederlage seines 
Heeres auf dem Berge yon Suli gesehen hatte , war 
der erste, der floh , und er floh so eilig, dass er auf 
einem Wege yon acht oder neun Stunden zwei Pfer- 
de todt ritt. Zu lannina angelangt, rerschloss er sich 
in seinen Pallast, und hielt sich fünfzehn Tage 
darin rerborgen, ohne nur ein lebendes Wesen 
sprechen zu wollen; und damit niemand wisse, in 
welchem Zustande die Armee nach lannina zurück- 
gekehrt sey, die mit solchem Glänze ausgezogen 
war, yerbot er bei Todesstrafe allen Einwohnern 
der Stadt, aus den Fenstern zu sehen. 

JVachdem er diese Yorsichtsmaassregel getrof- 
fen , heeilte er sich , an die Sulioten einen Bischof 
als Unterhändler abzuschicken. Er erhielt den 
Frieden unter folgenden Bedingungen : dass er i) 
den Sulioten eine bestimmte Strecke Landes nacli 
ihren Angaben überlasse; 2) hunderttausend Pia- 
ster als Lösegeld für die Gefangenen zahle; 3) alle 
Sulioten, die sich in seiner Gewalt befanden, be- 
sonders aber den jungen Photos Tsawellas, in Frei- 
heit setze. 

* 

II. 16 



— 242 — 

Erst im Jalir 1800 erlaubten die Umstände und 
der allgemeine Gang der Ereignisse Ali Pasclia, 
seine Entwürfe gegen die Snlioten wieder aufsa- 
fassen y oder besser, sie bestimmten ibn dazu. 
Nie waren seine Zorustangen so furchtbar gewesen^ 
und nie der Zweck so geheim« Die Armee , die er 
stt dieser neuen Unternehmung ausgerüstet hatte ^ 
war nach Einigen nicht unter acht und zwanzig ^ 
nach Andern nicht unter zwanzig tausend Mann 
stark, und noch wusste niemand, gegen wen er 
ziehen würde , als er plötzlich am Fnss der Bei^e 
ton SuUotis erschien^ 

Dieser Schlag traf die Snlioten unyersehens 
und in der misslichsten Lage. Da sie sich nicht 
bedroht glaubten, so hatten sie sich weder mit 
Exiegsbedürfnissen , noch mit Lebensmitteln rorge- 
sehen. Ein noch härterer Unfall war; Georg B6tsa-> 
ris, derselbe Häuptling,, unter dem sie im letzten 
Kriege gesiegt hatten, hatte sie Terrathen. Gewon* 
nen durch fünf und zwanzig tausend Piaster, die 
AU Pascha ihm angeboten blatte , war er mit alleo 
Familien seines Stamms, der sonst fast zweihno- 
dert streitbare Männer lieferte, yon Suli wegge- 
zogen. Trotz aller dieser Widerwärtigkeiten ent- 
schlossen sich die Sulioten , zu kämpfen ,, und jeder 
eilte auf seinen Posten. 



— 243 — 

. Lamproi Tsawellas war seit fünf Jahren ge- 
storben , aber sein Sobn Photos war nun, in einem 
Alter Ton fünf and zwanzig oder sechs und zwan- 
zig Jahren , der Held yon Suli ; er war es , wel- 
chem die Sulioten ihre Anführung yertrauten. Sie 
hatten zweihundert Krieger weniger , der Feind 
fünf oder sechstausend mehr, als im letzten Kriege. 
Für einen andern Anfährer wäre diese unyerhält- 
nissmässige Ungleichheit zwischen den Streitkräf- 
ten beider Mächte Tielleicht ein Beweggrund gewe- 
sen, sich weislich auf die Tertheidigung zu be- 
schränken ; für Photos Tsawellas war es nur ein 
Beweggrund, kühner zu handeln, und angriffs-- 
weise zu yerfahren. 

Der stärkste Theil der Armee des Pascha langte 
am zweiten Juni in yier Golonnen und yon yer- 
schiedeuen Puncten her an. Sie stellte sich in 
der Nähe des Snliotischen Gebirgs auf, die An- 
kunft des Pascha erwartend , welcher drei Tage 
später mit der Hesenre zu Ljya, einem auf d^r 
Strasse yon lannina nach Suli fast in der Mitte ge<> 
legenen Dorfe, eintraf. Photos Tsawellas hatte di« 
yier ersten Heeihaufen des Feindes nicht in den 
Engpässen erwartet; er war ihnen überall ent- 
gegengerückt^ hatte sie überall in Verwirrung ge*> 
kracht und geschlagen, und nahm sogar in dem 



— 244 — 

ABgenblick, da Ali ankam, eine Stellang yor den 
Pässen. Dieser beschloss, ohne Verzog die Scblaclit 
tn beginnen. Nachdem er sich yon der Stellang 
seiner yerschiedenen Armeeabtheilangen überzeugt 
hatte, und gewiss war, dass die durch den Aga yon 
Paramythia befehligte die Höhen yon Birtsakha, drei 
bis yier Meilen N. O. yon Sali, besetzt hatte, beor- 
derte er seine besten Truppen noch denselben Tag an 
jenen Panct; sie soUteii den Marsch über das nur 
zwei Standen rom Wege abgelegene Dorf ^jstrani 
nehmen. Er selbst beschloss, den folgenden Tag 
gegen Sali yorzarücken. 

Seine Befehle wurden nicht mit der nothwen- 
digen Genauigkeit und Schnelligkeit aasgeführt. 
Anstatt am bestimmten Tage zu Birtsakha anzu- 
kommen, hielten acht bis zehn tausend Albanesen 
zu Sjstruni, um hier Nachtquartier zu machen. 
Photos Tsawellas , darch geheime und genaue 
Runde yon dem Marsche und dem Rrlegsplane 
des Feindes benachrichtigt, war keinen Augen- 
blick über das, was hier zu thun sej^ ungewiss. Er 
erwählte zweihundert der tapfersten Sulioten, zog 
in der Nacht mit ihnen nach Sjstruni, und nahm 
hier eine yortheilhafte Stellung, indem er die ange- 
messensten Vorsichtsmaassregeln traf, um yom 
Feinde weder gesehen ^och gehört zu werden. 



— 245 — 

Den folgenden Morgen um die Zeit, wo sich die 
Türken in Bewegung setzten , am ihren Weg 
nach Birtsakha zu yerfolgen, schickte er einige 
Solioten aus, mit dem Auftrage, den- Feind her- 
auszufordern , und in die Falle zu locken. Die 
List gelang: ein Corps Yon zweihundert Türken, 
an ihrer Spitze Mustapha Zjguris, yerlässt, durch 
jene verlornen Posten des Hinterhalts gereizt, den 
Zug, um ihnen nachzujagen; ihm folgt der grösste 
Theil der Armee, welcher maschinenmässig hei 
diesem unerwarteten Vorfall in Bewegung und 
Unordnung geräth. Kaum sind die Türken des 
Zyguris in die Schussweite der Sulioten gekonmien, 
als Photos gleich einem Löwen hervorstürzt , Zjgu- 
ris mit einem Schusse zu Boden streckt, und ihm 
den Kopf abgeschnitten hat, ehe die Türken Zeit 
hatten, zu merken, dass sie in einen Hinterhalt 
gefallen sejen« Die zweihundert Sulioten werfen 
sich zu gleicher Zeit auf den grossen Haufen der 
Türken, welche, überrascht und fast erstarrt, in 
grösster Unordnung nach der Richtung von Birtsak- 
ha fliehen, und so viele Todte liegen lassen, al& 
die Sulioten Schüsse thun konnten. 

Der Pascha war sehr verdriesslich über diesen 
Vorfall ; doch bestand er auf seinem früheren 
Plane, und versammelte, um ihn auszuführen. 



— 3Ä6 — 

melir Streitkräfte , als er vorher dazu bestimmt 
hatte. Dieses verursachte einigen Aufenthalt, bis 
endlich am achten Juni alle Zurüstungen beendigt 
waren. Es war Macht, und der Befehl gegeben, 
dass mit dem Anbruch des Tages zum Angriff der 
Engpässe von Suli aufgebrochen werden sollte. 

Die ganze Armee ruhte unbesorgt, als plötzlicb 
in der Finsterniss der Nacht ein furchtbares Gewehr-^ 
feuer vernommen wurde, und bei diesem Schall 
die Albanesen von allen Seiten zu rufen anfingen : 
dieSnlioten! die Suliotenl Sie waren es; es waren 
die zweihundert, welche drei Tage vorher zu Sy- 
struni die Türken geschlagen hatten, die, durch 
fünfzig andere Tapfre verstärkt, und wieder von 
Tsawellas angeführt, von neuem auf den Feind 
fielen , um fortwährend seine Plane zu vernichten. 

So lebhaft angegriffen , da sie es am wenig- 
sten vermutheten, warfen sich die Albanesen in 
Unordnung über einander, bestürzt sich hier und 
dort verbergend , ohne Licht , ohne Plan kämp- 
fend, weil sie nicht wnssten, wohin sie in der 
Dunkelheit, um den Sulioten auszuweichen, flie- 
hen sollten, denen sie überall zu begegnen fürch- 
teten. Erst nach drei Stunden waren sie im Stande, 
beim Dämmerungslichte ihren We^ ungefähr zu 



_ 247 — 

» ' 

erkennen; erstjetzt wagten sie, sieb zarückzieLend, 
zu kämpfen. Aber da eibebt sieb ein furcbtbarer 
Starm , begleitet von dicbtem Hagel , weicber , 
dnrcb angestümen Wind gegen sie gescbiendert , 
sie bindert , zu seben , zu flieben, and sie so unter 
d(ie Scbwerdter ^er Snlioten zurückwirft. Da ver- 
einigten sieb die Scbrecken des Aberglaubens mit de- 
nen der Scblacbt, ibre Verwirrung zu Tollenden. Sie 
warfen sieb blindlings im Tumult auf die Strasse 
von Ljra, wo der Pascba nocb stand, der nicbts 
weniger erwartete ^ als sie zurückkebi^n zu seben, 
Und in einem solcben Zustande. Er war in ibrer 
rfiederlage und in dem Heldenmutbe des Feindes 
etwas Unbegreiflicbes und fast Wunderbares, wel- 
cbes, so zu sagen, ibre Feigbeit bescbönigte, 
und ibnen die Unrerscbämtbeit gab, sie ganz an 
den Tag 2u legen. 

Si6 murrten laut gegen den Krieg, sie bra- 
eben in Yorwürfe gegen den Pascba au&, sie ver- 
langten- den Kücksug, und scbwuren geradezu, 
sie würden nicbt mebr gegen die Sulioten käm«- 
pfen, die nacb ibrer Meinung nicbt Menseben, 
sondern böse Geister sejen, welcbe einzig und 
allein zur Ermordung der Menseben Körper ange- 
nommen bätten* 



— 208 — 

Der Inhalt and der Ton dieser Erklärungen 
überEengten Ali, dass sie ernstlich. se je n. Alle Be- 
mühnngen, seine Soldaten snrück %ti halten, schlu- 
gen fehl, and er sah ein, dass es ihm nar dann mög- 
lich wäre, wenn er ihre Feigheit billigte and ihr 
schmeichelte. Er versprach ihnen, dass sie fürder 
mit den Sultoten keinen Kampf im offenen Felde 
sa bestehen haben sollten; er werde jene nan tou 
ferne blokirt halten , and zwar zum Schatz gegen 
ihre Anfalle in festen Plätzen , die er sogleich er- 
bauen lassen wolle. Diese Versprechen berahigten 
die Albanesen, und der Pascha, hem&ht, sie zu 
halten, versammelte von allen Seiten gegen drei- 
tausend Maurer, welche er Tag und Nacht anwen- 
dete , um das Gebirge von Suli herum zwölf 
Ueine Festungen, oder befestigte Thürme, an den 

m 

zwölf Hauptpuncten zu errichten, durch welche 
die Sulioten vorzüglich mit dem benachbaiten 
Lande eine Verbindung unterhalten konnten. Von 
diesen zwölf Puncten lag der nächste an Suli in 
einer Entfernung von zwei Stunden , der entle- 
genste in einer Entfernung von fünf Stunden. 

Der Plan Ali's war, die Sulioten durch Hun- 
ger zur unbedingten Unterwerfung zu zwingen. 
Auch bezweckten von da an alle Angriffe, alle 
Listen, alle Ausfalle der Sulioten nur, sich Le- 



— 2*9 — 

hensmiitel and Manition zu TerscbafTen. Während 
der «türmisclien and finstem Nächte brachen sie 
die Sperrlinien der Feinde, and fielen in das be- 
nachbarte Flachland^ am iaii Gewalt oder durch 
Güte die ihnen in die Hände gerathenden Bedürf- 
nisse hinwegzanehmen. In den ersten Zeiten der 
Blockade waren ihre Streifereien selten fracht- 
los, and selten kehrten sie zarück, ohne Vieh,. 
Pferde oder gefangne Feinde mitzabringen. Die 
Türken waren es rielmebr selbst, welche im An- 
fang anter dieser neaen Art, Krieg za führen, litten. 
Ali bemerkfte es , and machte den Yersach, 
darch eine List die ihnen auferlegte Gedoldprobe 
abzukürzen. Er Hess den Salioten FriedensTor- 
schläge than, gemäss welchen Alles auf den 
alten Fuss hergestellt werden sollte ; doch yerlangte 
er vier und zwanzig Geissein , als Bürgen für das 
Versprechen , welches die Sulioten ablegen sollten, 
seine Besitzungen unbeschädigt zu lassen. Die Su- 
lioten nahmen die Bedingungen an; sie gaben die 
Geissein, und TOn dem Augenblicke an war von 
Seiten Ali's vom Frieden nicht mehr die Bede. 
Er hofPte , dass die Familien dieser yier und zwan- 
zig Geissein , die er in seiner Gewalt hatte and 
hinrichten lassen konnte*, sich der Fortsetzung des 
Kriegs widersetzen würden.. Es war nicht so. 
Die Salioten schrieben ihm einen Brief folgenden 



— 250 — 

Inhalts: »Ali Pascha ^ wir haben bis anf cUeseiji 
Tag siehenzehn Menschen in unserer Vertheidi- 
gang gegen dich verloren. Wenn da die vier und 
zwanzig Geissein morden wirst, so werden es erst 
ein und vierzig Opfer seyn, welche für das Va- 
terland gefallen , sind. Das Vaterland ist mehr 
werthy und wird nicht für diesen Preis hingegeben 
werden. « 

Ich übergehe mit Stillschweigen andere Kriegs- 
listen , andere Treulosigkeiten Ali's ; ich will mich 
nur bei denen verweilen, welche den Sulioiea 
Gelegenheit gaben, die Hochsinnigkeit ihres Cha- 
rakters , die Kraft ihres Patriotismus an den 
Tag zu legen. Der betrügerische Despot Hess 
sich einmal einfallen, ihnen vorzuschlagen, dass 
sie ihm ihr Land abtreten sollten , indem er 
ihnen dagegen ein anderes, dessen Wahl er ihnen 
überiiess und wo sie von allem Tribut frei sejn 
sollten, ausserdem aber noch eine Entschädigung 
von zweitausend Beuteln versprach* Sie antworteten 
ihm: »Ali Pascha, wir grüssen dich. Unser Vater- 
land ist uns unendlich theuerer, als dein Geld, und 
als alle gesegneten Gegenden , die du uns zn geben 
versprichst Deine Mühe ist also überflüssig , un- 
sere Freiheit verkaufen wir nicht für Gold; alle 
Güter der Erde würden sie nicht kaufen. Man 



— 251 — 

kann sie nur mit dem Blute nnd Leben des leis-^ 
ten Sulioten gewin nen^ 

Auf diese Ant-vfort wollte Ali yersaclien, ob 
seine Versprecbangen nicbt mehr Wirkung bei 
einzelnen Individuen , als bei der Gesammtbeit 
der Sulioten , benrorbringen würden. Demgemäss 
Hess er dem Dimos oder Tsimas Zerwas, einem 
ihrer geachtetsten Häupter , sagen , dass er, wenn er 
bereit wäre , nur mit seiner Familie Suli su ver- 
lassen , ihm für diese GefkUigkeit hundert Seckel 
wolle ausbezahlen lassen. Zerwas antwortete ihm: 
»Vezir, ich danke dir für deine Freundschaft ge- 
gen mich: aber diese hundert Sjeckel, die du mir 
anbietest 9 bitte ich dich, mir nicht zu schicken, 
ich würde sie nicht zu zählen wissen , und wenn 
ich es wüsste , würde ich dir für alle diese Seckel — 
ich sage nicht, mein La^d, wie du dir einbildest — 
nicht einen einzigen Stein meines Landes würde 
ich dir dafür, geben. «Was die Ehrenstellen be- 
trifil, die du mir anbietest, so weiss ich nicht, 
was ich damit machen soll. Für Ehre und Keich- 
thum habe ich meine Waffen, durch welche ich 
meinen Namen unsterblich mache, mein süsses 
Vaterland vertheidige und ehre. 

* * ■ 

Schon waren zehn Monate seit dem Anfiinge 



— 252 — 

der Blockade von Suli Terflossen, und AUe^ stand 
noch 8o unentschieden, als am ersten Tage* Die 
Armee des Pascha litt immer mehr, und WMrd immer 
mathloser ; doch litt sie nicht so sehr , war nicht 
so entmttthigt , dass nicht Schmeicheleien , Ver- 
sprechungen und Augenblicke des Ueberflnsses von 
Zeit zu Zeit, wenn nicht ihren Math, doch ihre 
Kräfte gehoben hätten. Sie yerlor täglich Men- 
schen durch Ausreissen und Krankheiten, aber 
diese Menschen wurden sogleich durch andere er- 
setzt. Ganz anders war es bei den Sulioten, 
Jeder Gefallne war f&r sie ein unschätzbarer und 
unersetzlicher Verlust, und sie hatten schon fünf 
und zwanzig Mann seit dem Anfange des Kriegs 
Terloren. Ihr MundTorrath näherte sich seinem 
Ende, und die Umgegend, erschöpft wie sie war, 
hatte nichts mehr für sie zum Raube. Nur dem 
Feinde selbst vermochten sie bisweilen, einige Le- 
bensmittel abzunehmen. Ihre Nahrung bestand ge- 
wöhnlich nur aus Wurzeln , aus Kräutern , aus 
wildwachsenden Früchten, ans Baumrinden, die 
sie mit etwas Mehl kochten« Dieses war die ein- 
zige Nahrung , die ihnen zu Gebote stand , ihre 
Ejäfte , die durch beständige Kämpfe , durch Hin- 
terhalte und Ausfälle , durch Nachtwachen bei 
Frost, Schnee und Regen ermattet waren / zu 
stärken. Auch starben jeden Tag Einige, deren 



— 253 - 

Leiclinanie hässlich aufschwollen, auf eine Weise , 
die den nagendsten Hanger 2urückzustossen Ter- 
mochte. In dieser ängstlichen Lage sprach zwar 
niemand von Ergehung. Aher so viele Leiden wa- 
ren nicht länger zu ertragen; der Augenhlick war 
gekommen, wo sie entweder unterliegen, oder auf 
jede Gefahr Erleichterung suchen mussten. 

Die SuJioten entschlossen sich^ eine Abtheilung 
von vierhundert und dreizehn Männern und hundert 
und vier Und siebenzig Frauen nach Parga zu schlu- 
cken, um zu versuchen, ob sie einige Lebensmittel 
herbei bringen könnten. Der Haufe stieg vom Ge- 
birge herab , durchbrach ohne Hinderniss die Li- 
nie der Feinde und schleppte sich bis Parga, 
dessen Einwohner sie aufnahmen , wie sie selbst 
in gleicher Noth gewünscht hätten, von jenen 
aufgenommen zu werden. Die Pai^anioten bewir« 
theten, ernährten und trösteten vier Tage lang 
die sechshundert Ausgehungerte von Suli, und ent- 
liessen sie am fünften Tage mit so vielen Lebens- 
mitteln beladen, als die entkräfteten Unglücklichen 
acht Meilen weit durch beschwerliche Wege und 
feindliche Posten tragen konnten , ipach ihrer Hei- 
math. 

Je mehr sich die Schaar der Sulioten dem 



— 254 — 

G6birge näherte, desto mehr war sie auf ihrer Huf ^ 
hundert Männer gingeq Toran , weniger belastet , 
als die übrigen , um im Fall eines Angriffs zum 
Kampfe schneller bereit zu seyn. Die Vorsicht war 
nicht überflüssig; zwölfhandert Türken erwarteten 
sie am Wege. Aber die Haltung der Sulioten hat- 
te für die Türken Etwas , das sie zagen machte : 
sie standen unbeweglich, die Sulioten zogen Tor- 
über und gelangten eilenden Schritts zu ihren 
Pässen. Sie kamen an; aber jeder von ihnen 
hatte Mühe, die Seinigen wieder zu erkennen, so 
viel hatten die fünf yerfiossenen Tage zur E>ntslelr 
lung ihrer Züge und ihrer Gestalten beigetragen. 
Sie glichen Skeletten, mit einer eingetrockneten 
Haut bedeckt, ihre Gesichter waren ganz schwarz 
geworden $ sie hatten in ihren Augen etwas Irres 
und Wildes , wie im Wahnsinn , und erhielten 
sich nur mit Mühe aufrecht. 

Die TOn Parga angekommenen Lebensmitlei ga- 
ben ihnen etwas Leben zurück; aber es war nur 
eine rorübergehende Erleichterung ; der Hunger 
kehrte wieder, riell^ht nieht so brennend, als 
er gewesen, war, aber wohl unerträglich für ande- 
re Menschen , als fui* Sulioten. Gequält von diesen 
Leiden und Nöthen , yerloren sie nicht nur nichts 
von ihrem Mttthe und ihrer Unerschrokenheit, sie er- 



- 255 — 

kielten sogar in sich eine Geistesgegenwart , eine 
FröUichkeit, eine Laane>, eine stolze Begeiste-* 
mag, die aus allen Zügen ihres Betragens gegen 
die Feinde henrorblitzte. Ich will nur zwei der« 
selben anführen« 

Ali Pascha hatte einen Preis anf den Kopf 
eines Salioten gesetzt, und fünfhundert Piaster Je- 
dem versprochen, der ihm einen bringen würde» 
Die Häuptlinge der Sulioten erfuhren es, und ant- 
worteten auf die Proclamation des Ali Pascha 
durch eine anäere folgenden Inhalts : » Der Pascha 
setzt einen geringen Pveis auf die R,dpfe der Sulio* 
ten; man wird sagen, er wisse nicht, wie kostbar 
npd wie schwer sie zu haben seyen. Wir hinge«« 
gen glauben die Türkenköpfe gehörig geschätzt ^u 
haben : Jeder Suliote , welcher deren bringen wird, 
empfange für einen jeden eine Belohnung von zehn 
Patronen.« Ein. anderes Mal hatten die Türken 
einen den Sulioten zugehörigen Esel gefangen , 
welcher, frei weidend, sich einem türkischen Po* 
sten zu sehr genähert hatte. Die Sulioten verlang- 
ten il^n wieder, indem sie zur Auslösung den 
vollen Werth desselben anboten. Die Türken ga- 
ben ihn wieder, ohne etwas Bestimmteres über 
ihn festzusetzen. Sogleich schickten die Sulioten 
einen Türken, den sie zum Gefangenen gemacht 



— 256 - 

hatten y siirück, mit der Bitte, sie bei den Seini- 
gen zn entschuldigen, dass sie so den Werth des 
wiedererstatteten Gegenstandes nicht auf das Ge« 
naueste ersetzten. So zeigten sich die Snlioten 
noch im achtzehnten Monate der Blockade ihres 
Berges. 

4 - 
9 

Es ist nun Zeit, zu berichten, dass sie nie auf- 
gehört hatten , mit den meisten Aga's , Bej's und 
andern türkischen OfEzieren insgeheim in Bezie- 
hung zu stehen, welche, ohne von Ali abhängig 
zu se jn , ihm ihre Hülfe im Kriege mit Suli bewil- 
ligt hatten. Die Sulioten hatten nie den Plan und 
die Hoffnung aufgegeben, mehrere derselben für 
sich zu gewinnen , und sie zu bewegen , ihre Trup- 
pen von Ali's Heer zurück zu ziehen; und in der 
That schien dieses nicht ^ schwer zu bewirken. 
Ohne gerade die Freunde der Sulioten zn sejn, 
waren die meisten dieser kleinen unabhängigen 
Häupter heimliche Feinde des Pascha von lannina, 
dessen immer mehr wachsenden Ehrgeiz sie fürch- 
teten. Sie hatten seine Partei nur aus Schwäche 
ergriffen; mehr als einmal waren sie im Begriff 
gewesen , ihn zu rerlassen , um auf die Seite der 
Sulioten zu treten, aber jedesmal waren sie yon 
dem Golde, der List, den Drohungen oder den 
Schmeicheleien Ali's zurückgehalten worden. End- 



— 257 — 

Ikik wichen vier der vorEüglicIisten Beistände 
Al^s den Gründen and den eindringlichen Auf- 
forderungen des Photos Tsayellas und des Dimos 
Drakos, eines andern Sttliotischen Häuptlings und 
darchatis würdigen Nebenbuhlers des Photos, und 
Terbanden sich untereinander zu einem Offensiy- 
und Defensiy- Bündnisse mit den Sulloten. Diese 
vier Häuptlinge waren Ibrahim, Pascha yon Ber&t; 
Maistapha, Pascha yon DMwinon ; Islam, Aga yon 
Paramythia und Mahmud, Aga yon Ronispolis, Sie 
yerpflichteten si(;h, yon ihrer Seite All Pascha 
zu bekriegeil , so lange als die Sulioten yon der 
Ihrigen fortfahren würden, ihn lebhaft zu bedrän- 
gen ; diese sollten hingegen yon ihren Verbünde- 
ten yierzig Seckel zum Ankauf yon Lebensmitteln 
und Kriegsbedarf erhahen. Zwischen den yer- 
bündeten Partheien wurden Geissein ausgewechselt: 
die Sulioten sendeten sechs nach Delwinon , um 
dort unter der Obhut des Mustapha Pascha zuJ 
bleiben. 

Photos Tsayellas kannte seine Verbündeten 
und rechnete nur wenig auf Uebereinstimmung 
und Kraft in ihren Handlungen. Alles, was für 
den Erfolg der gemeinschaftlichen : Unternehmung 
yon ihm abhing, war, durch sein Betragen ihnen 
ein Beiffpiel in dem Verhalten für den Erfolg des 

II. 17 



— 258 — 

Bandes su g^beu. Schon am nächsten Tage nach 
dem Ahschloss des Vertrags begann er gegen die 
Armeen des Ali Pascha eine furchtbare Angriffii«- 
weise. Die Sulioten liessen den Türken keine 
Ruhe mehr; sie erschlagen ohne Mitleiden ailej 
die sich zu widersetzen wagten, schickten die, wel- 
che sich ei^eben hatten, der Waffen und sonstiger 
Habe beraubt, zurück, und griffen sogar in ihren Boll'- 
werken und Thürmen die an , welche sich nicht 
mehr in''s Feld wagten. Doch umsonst gaben si^ 
denVerbündeten ein so glänzendes Muster, — Eini- 
ge machten keine ernsthaften Anstalten , Einige 
handelten nicht zur rechten Zeit, Einige yerhieU 
ten sich ganz unthätig* 

AU allein wirkte rastlos und klug, ein 
Bündniss zu zerreissen, welches ihn im höchsten 
Grade bestürzt gemacht hatte. Er bediente sich 
des Goldes so verschwenderisch und so zur gele- 
genen Zeit, dass das Bündniss schon vor seiner 
gänzlichen Auflösung nicht mehr zu fürchten 
war. Besonders schnell und Tollkommen gelang es 
ihm mit Delwinon« Der Pascha dieser Stadt, Mu«* 
stapha, hatte einem Gardikioten, den wir nicht zu 
nennen wissen, die Bewachung seiner Feste und 
jener sechs Suliotisühen Geissein übertragen. Die- 
ser Gardikiote verkaufte für sechzig Beutel an AU 



— 259 — 

Pasolia die Barg und die sechs Geissein. AU 
schickte diese sogleich nach lannlna, wo er vier 
derselben hängen Hess : Ton den beiden , die er bis 
auf weiteren Entschlnss aufbewahrte , War der eine 
ein jüngerer Bruder des Photos Tsarellas, der an- 
dere der Sohn des Dimos Drakos. Diesen beiden 
heldenmüthigen Häuptlingen schrieb er yorzüglich 
den Widerstand Suli's zu, und hatte schon seit ei- 
niger Zeit seine Treulosigkeiten und Ränke darauf 
hingewendet, sie zu gewinnen, oder wenigstens 
Ton der Sache ihres Vaterlandes zu trennen ; 
er bildete sich ein, die Furcht, Bruder und Sohn 
zu verlieren, würde künftighin ihrem patrioti- 
schen Eifer Einhalt thun.. 

Photos und BizDos wurden bald von dem Tode 
der vier Geissein, und von dem Grunde, warum 
der beiden andern geschont worden wai*, benach- 
richtigt. Sie glaubten, sich über diesen Punct fei^ 
erlich erklären zu müssen. 'Daher versammelten sie 
das Volk, und liessen ihre Priester kommen, die 
sie folgendermaassen anredeten : »Wir hatten sechs 
der Unsrigen dem Pascha von Dilwinon zu Geis- 
sein gegeben; alle sechs sind an Ali Pascha verkauft 
worden; und alle sechs sind todt, denn dieses 
ist das Loos jedes wahren Sulioten, der in die 
Hände Ali Pascha's fällt. So sprecht denn fär alle 



— 260 — 

sechs die Gebete, welche ^le Kirche für dieTod- 
ten festgesetzt hat « Hierauf sich an . die Ver- 
«ammlang der bewafineten Solioten wendend, fahr 
Photos fort: »Und wir, wenn wir für die sechs 
Opfer werden gebetet haben , wollen eilen , ihren 
Tod an den Türken zu rächen.« Die Exseqnien 
worden gehalten, and Photos and seine Krieger 
stürzten sich aas der Kirche wie Löwen auf die 
Türken, und zogen sich . nicht eher zurück , als 
l>is sie eine grosse Menge derselben niedergehauen 
hatten. 

« 

Bald nach diesem Ereigniss empfing All Pascha 
Befehl, nach Adrianopel gegen 'Georgim Pascha 
auszuziehen. Er sah sich genöthigt, zu diesem Un- 
ternehmen ausser dem' besonders für diesen Zweck 
ausgehobenen Heer einen Theil derjenigen -: Trup- 
pen mitzunehmen, die bisher Suli blookirt gehalten 
hatten. Die Sulloten athmeten nun etwas freier; 
sie stiegen häufiger von ihren Bergen herab, wa- 
ren im Stande, sich weiter davon zu entfernen^ 
und freiere Verbindungen mit dem benachbarten 
Flachlande zu unterhalten. Diese Erholung, wel- 
che Ihnen Ali ganz gegen seinen 'Willen und zu 
seinem grossen Verdrusse gestattete, i^endeten sie 
an, sich für die Zukunft Torzusehen und Lebens- 
mittel und Kriegsbedarf anzuhäufen ^ über welche 






— 261 — 

sie eineoi Mönche , Namens Samuel ^ die Aofsicht 
gaben. 

Dieser Mönch, einer der wichtigsten Männer 
in Snli, war zugleich einer der ansserordentlichsten 
unter, ihnen, '.und zwar von' der Art, wie man 
sie.Tielleicht.nur hier finden Lohnte. Er war ein 
edler und frommer Mann, aber bis zumlleberinaasse 
abeirglättbisch , ein -überspannter. Schwärmer, wel- 
cher «'^nie rüber ein anderes Buch, als über die 
Apokaljpse, nachgedacht hatte. In dieser war 
ihm das ganze Eyangelium enthalten^ in ihr 
wollte er die genauesten Weissagungen über das 
Schicksal der Sulioten gefunden haben , und auf 
diese Weissagungen gründete er seine Ideen and 
seine Rathschläge für die Wohlfahrt des Landes. 
Vebrigens war er ein feuriger. Patrioten ' und ein 
Feind der Türken in so hohem Maasse, dass er 
Niemanden Yerzieh„ wenn er in Frieden mit ihnen 
lebte , und freimüthig die Mönche und Popen , 
welche .die Herrschaft Ali's anerkannten , für ehr- 
los t und ' für Yerräther der Kirche erklärte. Er 
ermahnte ohne Unterlass die Sulioten, für ihren 
Kuhm und ihre Unabhängigkeit zu kämpfen, und 
oft mit ihnen ausziehend, die Muskete und den 
Säbel in der Hand, predigte er ihnen ergreifender: 
durch sein Beispiel , als durch seine Beden. Beauf- 



— 2ft2 — 

tragt mit der Bewachung der Lebensmittel and der 
RriegsTOFFfithe 9 liess er ein kleines Fort, dem er 
den Namen Kijinglii beilegte , zwischen Kiipba 
nnd Soli erbauen, nm sie darin aufknbewahren. 

Zur Anordnung dieser Bfaassregek» hatten die 
Sulioten zwei yolie Monate Zeit; denn erst nach 
Ablauf derselben kehrte der Pascha Ton Adhiano- 
pel zurück , und setzte Ton neuem alle seine Kräfte 
gegen Suli in Bewegung. Nach einigen Wochen 
einer engen Blockade gedachte AU abermals bei 
den Sulioten FriedensTorschläge zu Tersuchen, und 
sendete zu diesem Zwecke einen mit Instructionen 
und Vollmachten versehenen Mannanrie ab, wel- 
cher Ton nun an das Interesse des Lesers fordert 

Ich habe schoii oben to» dem Verrathe des 
Georg Bbtsaris , dieses Suliotenhüttpttingfr, welcher 
sich an Ali, nachdem er ihn besiegt, yerkauft 
hatte, gesprochen. Er war um jene Zeit gestor- 
ben, und hatte zwei Söhne hinteiiassen, yon denen 
der eine Notes hiess, der andere Christos oder 
Kitsos, beide Männer yon seltenem Wertbe« Der 
Letztere besonders yereinigte alle Eigenschaften 
in sich, die Bewunderung und Wohlwollen ein- 
zuflössen vermögen* Mit dem vollen Muthe eines 
Sulioten vereinigte er einen hellen Yerotand, eine 



— 263 — 

Klägheity eine Sanftmuth and Zartheit des Charak- 
ters , in der sicli gewiss nur wenige mit ihm ver- 
gleichen durften. Opfer des Verraths, den ihr 
Ya^er begangen ^ ohne Vaterland , und gleichsam 
an die eis^rüe Hand ujld an die Fallstricke des Ali 
Pascha yerfallen y waren die beiden Bötsaris in die 
traurige Nothwendigkek gerathen, entweder wider 
Willen dem Despoten zu dienen y oder mit Gefahr 
ihres Lebens sich ihm zu widersetzen ; und un* 
glücklicher Weise £är ihren Ruhm war die Un<^ 
ternehmnng, zu der er ihrer am meisCeo^ bedurfte, 
die gegen Suli. 

Kitsos B&tsaKriB war der Ageiyt, den Ali zum 
Ueberbringer der neuen FriedensYorschläge gewählt 
hatte, die er den Sutioten zu machen gedachte. 
Sie liefen auf zwei Hauptpuncte .hinaus : i) zu 
Suli selbst sollte ein festert Thurmetbaut werden, 
wo Kitsos Bötsaris sich mit rierzig seiner Leute 
festsetzen sollte ,^ im Auftrag und mit der VolU 
macht, jeden Sulioten zu züi^htigen, der über-» 
wiesen- sej, auf einem, Tom PasöhaHk you lannina 
abhängigen Gebiete geraubt zja haben ; ot) Photos 
Tsareilafi sollte gehalten ^seyn , den Berg Suli zu 
Terlassen. 

Die Sulioten zeigten sich geneigt, diese Vcnr- 



— 264 — 

schlage eiosugehen;^ sie rerlangten Dor einige Tage, 
am die BediogoDgen anssnfuhren ; ja, um sogleich 
einen Theil der Forderangen des Pascha zu roll- 
bringen, baten sie Photos Tsarellas , sich von Sali 
bis aaf weitere Nachricht sa entfernen, indem sie 
mit dieser Bitte Alles yereinigten, was sie für ge- 
eignet bielten, das Bittre für den, an welchen sie 
gerichtet war, sa yersüssen. 

Entweder batte Ali scbon geheime Verständ- 
nisse anter den Solioten, als er ihnen den Frie* 
den anter den aasgesprochenen Beding^iigen an-» 
trog, .oder er mnsste sehr erstannt seyn, za yer- 
nehmen, dass sie sich demselben unterwarfen, da 
sie docb weder an Kriegs- noch an Mandbedarf 
Mangel litten, — sie, die in der äassersten Noth 
weniger harte Bedingangen so stolz Tcrworfen hat- 
ten. Gewiss, es lag in einem Ton ihrer Seite so an« 
kräftigen Entscblasse etwas Unerklärliches, und mit 
ihrem sonstigen Betragen Unyereinbares. Wie dem 
auch sey, ihr Mutb war nicht so tief gesunken , als 
Ali sich yielleicbt einbildete. Nicht ernstlich nah- 
men sie diese Vorschläge an ; sie, suchten nur Zeit 
zu gewinnen und sich zu eibolen , um baldigst 
und mit grösserem Feuer den Krieg zu erneuern; 
sie täuschten ihn, und liessißn sich nur darum den 
Schein der Nachgiebigkeit gefallen , um ihn desto 



— 265 — 

härter bereaeo zu lassen, dass er sich angemaasst 
hatte, sie za demüthigen* 

Photos Tsayellas war in dieser zweifelhaften 
Lage tielleicht der einzige, dessen Math, Klagheit 
und Vaterlandsliebe von alleOr Schwachheit nnd 
jeder Täuschung rein gebliehen war« Zu grossher- 
zig, das Beleidigende ;eu achten, welches derEnt- 
schluss seiner Mitbürger für ihn haben mosste, 
Tersuchte er, ihnen die Angen über die Schande 
nnd die Gefahr zu öffnen , die ihnen die Annahme 
der Vorschläge • des . Bascha nothwendig bringen 
masste. Da er sah, dass ihr Entschlnss gefasst 
war, und dass er sie nicht überreden würde, yer- 
liess er ungestüm die Versammlung ,. eilte zu 
seinem Hause, warf den Brand hinein , — er wollte 
lieber, dass es in Feuer aufgehe, als durch einen 
Trabanten des Pascha entweiht werde.— und ging 
ins Exil, mit Thränen In den Augen, und seine 
Freunde , welche ihn eine Strecke begleiteten , be- 
schwörend, über den Buhm und das Wohl des 
Vaterlandes zu wachen. Er begab sich nach 
Khortia, einem kleinen Dorfe, zwei Stunden yon 
Suli, ausserhalb seiner Grenzen. 

Photos Tsarellas Ton Suli entfernen , war Alles, 
was Ali wollte. Dieses allein, war sein Zweck ge-> 



- 266 -. 

wesen, aU er den Snlioten ron neuem Frieden 
angeboten hatte. Diese YorscliUlge waren nichts, 
als eine List , an der alles berechnet war , was den 
Unwillen des Photos erregen, und seine Vater- 
landsliebe erLiilten konnte. Wenn er die Snlioten 
Teranlasst hatte, ihren jungen Helden zu yerban- 
nen, so war es bloss in der Hoffnung geschehen, 
dass jener, über diese Undankbarkeit erzfimt, be- 
gierig die erste Gelegenheit, sich zu rächen, er- 
greifen würde. Wenn er Kitsos Bötsaris gewfihlt 
hatte, um ihn als seinen Abgeordneten und Rechts- 
pAeger in Suli anzustellen, so war dieses gesche- 
hen, weil K.itsos Bjitsaris der Mann war, den 
Photos am meisten yerabscheute , und daher jede 
Bemüthigung vor demselben seinen Landsleuten 
am wenigsten Tcrreihen konnte. 

Sobald er die Entfernung des Photos yemom- 
men hatte, Hess er zwei Boten abgehen , den einen 
,an Kitsos B2>tsaris, der zu Suli geblieben war, 
den Frieden .ToUends abzuschliess^en, mit dem Be-^ 
fehl, die Verhandlungen bis auf neue Weisung aus- 
zusetzen; den andern an Photos seibist, mitderEin'- 
ladung , sich sogleich nach lannina zu begeben , 
um dort unmittelbar die Angelegenheiten Suli's 
mit ihm zu ordnen , indemr er ihm alle Bürgschaften 
anbot, die er für seine Sicherheit fordern würde. 



— 267 — 

. Photos nahm die EiDladuBg an« Der Pascba 
empfing Um äuseent suYorkomnteDd und sclimei- 
chelhafl; er schlag ihm vor Allem Tor, sich an 
den undankbaren Sulioten zu rächen , indem er 
m ihrer Unterwerfung mitwirke. Photos antwor- 
tete kalt, das stände nicht mehr in seiner Macht. 
Ali brachte nun etwas Anderes in Verschliß , das 
er mit mehr Gewissheit zu erhalten hofite« Er 
drang in Tsayellas, dass er bei allen Mitgliedern 
seines Stamms und seiner ganaen Partei Entfer«- 
Dung Ton Suli bewirke. Tsayellasi EntscUoss war 
ge&sst: er yergtellte sich bei den Anträgen des 
Pascha y fing an zu schwanken, Einwürfe zu m«*» 
chen, und willigte endlich ein^ sich nach SuU 
zu begeben., um zu versuchen, wie er dem Wun- 
sche des Paecha Genüge leiste, indem er diesem 
zugleich sein Wort gab, da«s er nach lannina 
zurückkehren und den Erfolg seiner Bemühungen 
berichten wolle. 

Photos begab sich wieder nach Suli. Aber statt 
hier zu Gunsten des Pascha zu wirken, entdeckte 
er die Hinterlist und die geheimen Absichten des- 
selben. Sein« Mi^ürger glaubten ihm , sie baten 
ihn um Verzeihung, dass sie in seine Verbannung 
eingewilligt hatten, * yersprächen , auf^ öffentliche 
Kosten sein abgebranntes Haus wieder zu eii>auen. 



— 261 — 

• 

und erraditen ihn , sich an ikre Spitse su stellen 
mit dem Schwur ^ ihm Ton nnn an stets sn ge- 
horchen und mit dem Pascha nicht mehr sn nn- 
terhandeln. Beglückt , die Salioten sich selbst 
wieder gegeben su haben, wiederhohlte Photos 
ihnen die Yersichemng seiner unerschütterlichen 
Eigebenheit für sie ; aber sie bestrebten sich um- 
sonst, ihn Ton der Rückkehr nach lanninaj ge- 
mäss ^ seinem Ehrenworte I abzuhalten. Er kehrte 
zurück, und der Pascha, der ohne Zweifel über 
die Art, wie jener seine Gesandschaft in Suli 
ausgerichtet hatte, unterrichtet war, liess ihn, 
ohne ihn nur su hören , in ein Gefangniss werfen. 

• « < ♦ 

Der ELrieg zwischen dem Pascha und den Sn- 
lioten entbrannte Ton neuem, und zog sich ohne 
irgend ein merkwürdiges Ereigniss bis gegen das 
Ende des März i8o5 hinaus. Bis dahin hatte sich 
die Pforte bei diesem Kriege gleichgültig verhalten, 
oder es doch wenigstens geschienen , und beide 
kriegführende Partheien ihren eigenen Kräften 
überlassen , keine, zum Nachtheil der andern begün- 
stigend. DieseNeuträlität hatte die Plane und Maass- 
regeln Ali's gegen die .Sulioten stets mehr oder we- 
niger gehemmt. Ohne Genehmigung und selbst auf 
die Gefahr des Misfallens Yon Seiten des Diyans 
hatte er beschlossen, die Sulioten zu Tcmichten, 



— 369 — 

and eben deawegen, weil er nicht nm diese Auto- 
risation nachgesucht hatte y fanden die Salioten 
noch immer selbst im Heere des Pascha Grosse , 
welche imi Stand und bereit waren , sie aufrecht 
2u erhalten/ Im März des Jahres i8o5 veränderte 
ein an sich unbedeutendes Ereigniss die Lage der 
Dinge. 

Die Sulioten fingen an , Mangel an Kriegsbe- 
darf zu leiden, Sie wendeten sich daher an die 
Franzosen, welche damals noch im Besitz yon Corfu 
waren, mit der Bitte um einige tausend Pfund Pul- 
ver und Blei, welche sie auch auf der Stelle er- 
hielten« Frankreich lag damals mit der Pforte im 
Kriege ; es war also dem Pascha leicht, indem er 
den Vorgang zwischen den Salioten und Franzo- 
sen . berichtete , ihn als einen Veirath gegen den 
Grossherrn darzustellen, und von der Zeit an er- 
hielt Ali die Erlaubniss, mit grösserer und ihm mehr 
als vorher untergeordneter Macht den' Krieg gegen 
die Sulioten zu verfolgen« . Er zog zu lannina ein 
zweites Heer zusammen , welches er zur Yerstärw 
kung des ersteren unter dem Oberbefehl seines 
zweiten Sohnes Weli Pascha nach Suli schickte. 

Die Sulioten dachten nicht an Untierhandlung. 
Sie hatten Mund- und Kriegsvorrath, and die An- 



— 270 — 

Lmift der neneii Macht setzte sie nickt in Bestür- 
zung. Sie kämpften, wie sie gewohnt waren, und 
im Anfang Septemhers iBo5 standen sie noch fest 
mit nngeschwächter Kraft und frischem Muthe. Die 
Belagemngsarmee, — - geneckt, wenn sie sich mhig 
rerhieit, zurückgeschlagen, wenn sie angriff^ entmu- 
thigt, geschwächt durch Ausreissen, durch Krank- 
heiten, murrte über die thörige Hartnäckigkeit Ali 
Pascha's, dieses schreckliche Suli nehmen zu wol- 
len, welches sie für unüberwindlich erklärte and 
nie, ohne ihm zu fluchen, nannte. 

Man darf in der That annehmen, dass Snlt 
Die ^on den Türken würde erobert worden seyn ; 
aber es konnte ihnen verrathen werden. Es befan- 
den sich unter so rielen Helden zwei Männer des 
Verderbens, «— der eine Kutsonikas, der sich im yori* 
gen Kriege als Anführer ausgezeichnet hatte , der an« 
dere Piiios Gussis« Angetrieben durch eine schänd- 
liche Habsucht, und nach einigen S^ugnissen durcli 
die Künste des Bötsaris , liessen sich diese Männer 
vor Weli Pascha bringen, «m ihm ihre Dienste 
gegen ihr Vaterland zu yerkanfen, und Piiios 
entwarf den Plan, der zum Untergänge von Suli 
genehmigt, bezahlt, und ausgeführt wurde. 

Am Morgen des fünf und zwanzigsten Sep- 



— 271 — 

tembm i8o3 nackte Weil Pascha mit seiner gansea 
Armee vor, den Sali Berg enge nnd yon allen Sei- 
ten einscUiessend; er besetzte mit stärkerer Macht 
den Eingang zum Passe nnd begann nnn mathig 
gegen die Höhen hinanzasteigen. Der Kriegsrof 
Terbreitete sich schnell nach Sali and Kiäpha; im 
letzteren Orte war keine Macht, staik genag, den 
Feind aofzahalten, and in Sali selbst lagen nor 
sechzig streitbare Männer , die übrigen hatten sich 
seit einiger Zeit mit dem Mönche Samael in das 
FortKianghi zorückgezogen. ,Die sechzig Salioten 
stürzen sich aaf die Türken, ohne Umsicht nnd 
Ueberlegang , als sey ihnen nichts übrig , als für 
die Vertbeidigang des Vaterlandes za sterben* 
Aber kaam hatten sie ihre Stellang verlassen, als 
zweihandert Türken plötzlich aas einem Solioti- 
sehen Hanse 9 das seitwärts und höher als die fibri* 
gen lag, herYorbrachen and aaf sie fielen. Die Sa* 
lioten stehen in ihrer üeberraschang and erblicken 
nnr ein einziges Rettangsmittel darin, dass sie eine 
nahe Anhöhe gewinnen, die ihnen eine yortheil- 
hafte Stellang darbot, am sich za vertheidigen^ 
oder in Verbindang mit Kianghi za setzen. In« 
dessen rückte das Hanptbeer der Türken heran, 
es lässt Kiipha hinter sich, and dringt gegen Sali 
vor, es langt daVor an, es rückt ein •— aad die 
Verrätherei des Pilios Gossis ist am Ziel» 



— 272 — 

Alles dieses war das Werk des Pilios Gnssis. 
Er liatte während der Nacht durch al^elegene 
Fnsssteige die zweihundert Türken, deren Erschei- 
nen die Solioten statzen machte , heraufgebracht , 
er hatte sie in seinem Hanse bis sa jenem Augen- 
blicke yerborgen, er hatte dem Weli Pascha die 
Stunde und den Hanptplan des Angri£b angegeben 
und för alles dieses hatte er nicht mehr Tcrlangt, 
als zw5lf Beutel. 

Weli hatte kaum zu Snli eine feste Stellung 
genommen y als er Truppen gegen Ayankos ab- 
schickte, welche ohne Widerstand einrückten, 
da die Einwohner sich schon nach Kiapha geflüch- 
tet hatten. Die Beyölkerung you Samoniya yerliess 
gleichfalls ihr Dorf, so dass die Sulioten nichts be- 
hielten, als die kleine Festung Kiunghi und das 
Dorf Kiäpha. Dieses letztere vrar nur durch einen 
Thurm und einige Schanzen gedeckt, Kiunghi 
war allein durch seine Lage auf einer schroffen 
Felsenklippe stark ; doch konnten beide, yon Sulio- 
ten yertheidigt, lange Zeit einer Armee Türken trot- 
zen. Beide Plätze wurden beschossen und bom- 
bardirt, mehrmals gestürmt und am Anfang No- 
yembers waren die Belagerer, so yiel yon ihren 
Kräften und yon ihrem Muthe abhing, nicht 
weiter yorgerückt, als am ersten Tage. Aber der 



— 273 — 

farchlbarste Feind, der einzige Besieger der Sulio- 
ten, der Hunger nahte sich. Ihre Vorräthe; gröss* 
tentheils Yon Greisen, Kindern nnd Frauen aufge- 
zehrt , schwanden hin. Selbst an ELriegsbedarf be- 
gannen sie Mangel zu leiden , und in der neuen 
Lage , in die sie der Verlust von Suli versetzt 
'hatte, war es ihnen unmöglich^ für Proviant zu 
sorgen. 

In dieser äuss ersten Noth war nur ein Mann 
fähig, einen heroischen Versuch für die Rettung 
Suli's zu wagen, und mit Hoffnung glücklichen 
Erfolgs, — dieser Mann war Photos Tsawellas. Aber 
er war noch gefangen zu lannina; hier vernahm 
er die Nachricht von dem Unglück, welches Suli 
während seiner Abwesenheit getroffen hatte, eine 
Nachricht, die den grossherzigen Sulioten gemordet 
haben würde, wenn er geglaubt hätte, dass nichts 
mehr für sein Vaterland geschehen könne. Aber 
schnell ergriff er einen Entschluss, welcher die 
ganze Kraft seiner Seele forderte und aufrecht er- 
hielt. Die Hauptaufgabe für seinen Plan war, in 
Freiheit gesetzt zu werden. »Entlasse mich aus 
der Gefangenschaft, liess er Ali Pascha sagen: ich 
werde mich mit allen Gliedern meines Stamms 
und meiner Partei , welche noch zu Kiunghi und 
Kiipha kämpfen, in einen selbst gewählten Ort 

II. i8 



- 274 - 

sarückziehen, and diese beiden Plätze werden dann 
leicht zu nehmen sejn« Als Geissein für die £r~ 
füUang meines Versprechens lasse ich dir mein 
Weih und meine Kinder zurück«. 

Das Anerbieten schien dem Pascha Tortheil- 
hafl: er nahm es an, und Photos eilte ans seinem 
Gellingnisse nach Sali, am "Weli Pascha den mit 
Ali geschlossenen Vergleich za melden. Er be- 
zeichnete ihm Parga als den Ort, wohin er sich 
mit allen ihm Angehörigen za begeben geden- 
ke 9 and yerlangte dem gemäss für sie eine schriEt- 
liche Erlaabniss , sich in diese Stadt zu begehen , 
welche ihm aach ohne Verzag und ohne Schwie- 
rigkeit eingehändigt wurde, 

Photos yerfügte sich nun nach Siäpha^ wo sich 
alle Häuptlinge der Sulioten befanden. Ihnen leg- 
te er seinen Plan yor in einer Rede, deren 
Haoptinhalt folgender war : 

»Mitbürger! Unser Vaterland ist, Ihr seht es, 
yerloren, wenn wir nicht schnell einen grossen 
Entschluss za seiner Rettung fassen. Nicht um 
meine Freiheit za erhalten, liess ich meine Gattin 
und meine Kinder in der Hand des Ali, sondera 
um für die Freiheit des Vaterlands zu arbeiten. 



— 275 — 

Wenn ich dem Pascha versprach , mich mit den 
Meinigen nach Parga zurückzuziehen , so habe ich 
den Pascha betrogen. Meine Meinung, mein Vor- 
schlag ist, statt meiner streitfähigen Verwandten 
und Freunde den Haufen unserer Greise, Weiber und 
Rinder, welche ohne irgend etwas zu dem Gemein- 
wohl beizutragen, den grössten Theil derLebensmit* 
tel aufzehren, nach Parga zu senden. Ich werde tür- 
kische Geiseln für die Ankunft der Unsrigen in Parga 
fordern und erhalten, und wenn sie in Sicherheit 
seyn werden, wird sich hier die Lage der Dinge 
ändern. Wir werden nur aus Männern bestehen , 
unser Muth wird nicht mehr gehemmt werden 
durch M^itleid mit unsern Kindern und Vütern, 
wir werden kämpfen, wie es die Gefahr des Va- 
terlandes erheischt, und Alles, was tapfre Männer 
zu thun im Stande sind, werden wir thun. « 

Der edle Vorschlag des Photos wurde bewun- 
dert und gebilligt. Der erste. Schritt zu seiner 
Ausführung war, die Parganioten zu bewegen , 
diese unkriegerische Volksmenge, Ton der man 
sich zu befreien wünschte, in ihre Stadt aufzuneb* 
men. Photos begab sich sogleich in dieser Angele- 
genheit nach Parga, und es wurde beschlossen, dass 
bis zu seiner Rückkehr nichts Neues unternom-' 
men werden solle. 



— 276 — 

Die Parganioten waren bereit , in das Begeh- 
ren der Salioten einEnwilligen ; aber sie woUtea 
nicbts tban obne die Zustimmang der Rassen , 
die sieb auf Korfa festgesetzt batten. Man sende- 
te aaf der Stelle eine Gesandscbaft an den Com— 
mandanten der Insel; aber die Jabreszeit war un- 
günstig y und das Meer stürmiseb. Drei , fünf > 
acbt Tage vergingen ^ und die Antwort yon Korfa 
war noeb nicbt angekommen, and der anglückli- 
licbe Pbotos, dessen Plan dieser Aufschob za 
yemicbten drobte , brannte vor Scbmerz and Un- 
geduld. Er wartete noeb drei Tage, und wartete 
abermals vergebens, — der zwölfte Tagbraebte noeb 
keine Antwort von Korfu: aber es trafen Nacb- 
ricbten von KiÄ'pba ein, so bittern Inbalts, dass 
sie alle anderweitige gleicbgültig macbten. 

Pbotos konnte keine Stunde mebr in Parga 
bleiben. Er reiste ab , kam in Ki&pba an und fand 
das Werk yoUendet, das der Yerratb in seiner 
Abwesenheit angesponnen batte. Ränke, die spä- 
terbin dem Kntsonikas und Bötsaris zur bast ge- 
legt wurden , batten den zablreicben Stamm Zer- 
was bestimmt, mit Weli Paseba zu unterbandeln ^^ 
um von ibm die Erlaubniss zu erbalten, Kiäpha 
zu verlassen. Der wackre Dimos Zerwas war aliein 
mit einigen seiner nächsten Verwandten zurückge« 



— 277 — 

blieben. Pbotos fand bei seiner Rückkehr nor 
seine eigenen Verwandten, seine Anhänger und 
Freunde. Ihre Zahl war nicht mehr hinreichend, 
gegen die Türken Stand zu halten ; daher sog sich 
Photos in derPfacht mit ihnen in das Fort Riun- 
ghi suriick, wo sich nun Alles vereinigt fand, was 
derVerführang und dem UnglücL widerstanden hatte. 

Einige Tage nachher begab sich Ali in Person 
nach Snü. Er war unzufrieden über die schläfri- 
ge Führung des Kriegs, er machte Weii Pascha 
darüber Vorwürfe und gab ihm ein^ Beispiel von 
Schnelligkeit und Nachdruck in dem Verfahren 
gegen die Sulioten. Kaum angekommen, forderte 
er Photos Tsawellas auf, sogleich mit allen seinen 
Anhängern die Waffen niederzulegen. Hierauf an^ 
wortete Photos : 

»Wezir, bilde dir nicht ein, ich sey deswegen 
kleinmüthig und rerzagt, weil du meine Frau und 
meine Kinder in deiner Gewalt hast. Der Zustand 
meines « Landes verhindert mich, an Frau und 
Kinder zu denken, behandle sie also, wie es dir 
gefkilt; was mich, meine Stammverwandten und 
meine Mitbürger betrifit , — wir werden die Waf- 
fen nicht ausliefern. 



— 278 — 

An demselben Tage, an ivlslcliem Ali diese Aat* 
voit erhielt, traf er seine Anordnungen, theilte er 
seine Befehle ans, and hatte am folgenden Morgen 
achtzehn tausend Mann versammelt, welche er, so^ 
viel er vermochte , durch Lobpreisungen und Ver- 
sprechungen anfeuerte, endlich durch einen Haupt- 
schlag diesen verhassten Krieg mit dem Ueberreste 
der Sulioten zu entscheiden. Photos sah den Feind 
nahen , und wie er gewohnt war , ihn nie zu erwar- 
ten, wenn er ihm entgegengehen konnte, rückte 
er gegen die achtzehn tausend Türken mit nicht 
mehr als hundert und fünfzig Männern und einigen 
Frauen, Die Sulioten begannen mit einem so hef- 
tigen Gewehrfeuer, dass sie sich ihrer Büchsen 
bald nicht mehr bedienen konnten , ohne sich zu 
brennen« Aber auf der erhabenen und schrof-* 
fen Stellung, von welcher herab sie kämpften, wa- 
ren Felsenblöcke eine eben so sichere und noch 
schrecklichere Waffe, als die Büchse. Der Kampf 
währte sieben Stunden, nach welcher Zeit sich 
die Türken zurückzogen, siebenhundert Todte auf 
dem Scblachtfelde lassend, und drei oder vier mal 
so viel Verwundete mit sich führend. Von Seiten 
der Sulioten waren acht Männer und drei Frauen 
gefallen und vierzehn verwundet. Ali Pascha 
fand es nicht für gut, seinem Feldherrn die Vor- 



— 279 - 

lesung über die Kriegsweise zu wiederhohlen, lehr- 
te unwillig nach lannina zurAck, und stellte es 
Weli anheim, den Untergang Ton Suli nach Be- 
lieben abiiuwarten oder zu beschleunigen. 

Dieser Sieg, der letzte Sieg der Snlioten, 
führte zu nichts weiter^ als dass ihre fon nun an 
unyermeidliche Vernichtung noch einige Tage auf- 
gehalten wurde. An Lebensmitteln litten sie schon 
Mangel, als ihnen plötzlich auch das Wasser ab- 
ging, da der Feind ihnen die einzige Quelle, zu 
der sie gelangen konnten , abgeschnitten hatte. 
Sieben volle Tage ertrugen sie standhaft die Qua- 
len des Durstes, ohne an Uebergabe zu denken , 
aber am achten waren ihre Leiden bittrer geworden, 
als selbst der Tod. Unter einem Anführer, wie 
Photos , würden sie sich mit Frieuden entschlossen 
haben, auf den Feind zu stürzen, und sich einen 
Weg durch seine Schaaren zu eröffnen , oder die 
Waffen in der Hand zu sterben. Aber ihre Frau- 
en, ihre Kinder, Väter, Mütter waren da, und 
das Verlangen , diese Theuren zu retten , Hess die- 
sen heldenmüthigen , von der Verzweiflung einge- 
gebenen Gedanken in ihnen nicht aufkommen« Sie 
verlangten also zu capituliren. Sie förderten , dass 
es ihnen freigestellt werde , sich mit ihren Waf-^ 
fen und soviel ton ihrer Öaabe, als sie tragen 



— 280 — 

konnten, an einen Ort za begeben, wobin es ihnen 
beliebe. In dem Uebermaasse der Freude, endlich 
den Tag sa sehen, an dem er sich Herrn yon Snli 
nennen könne, bewilligte ihnen Weli Pascha mehr^ 
als sie forderten , bot ihnen mehr Bürgschaften 
an, als sie begehrten, und die Gapitulation wnr« 
de nnteneichnet den la. December t8o5 a. St. 

Am folgenden Morgen sogen die Snlioten ab; 
sie yerliessen mit Thrfinen das Gebilde, wo die 
Gebeine ihrer Väter rahten , diese Felsen , namen- 
los, ehe sie von ihnen bewohnt wnrden, durch 
sie berühmt , — diese wilden Aufenthalte , für die 
sie Teilchens Alles gethan und ertragen hatten, was 
Helden für ihr Vaterland thun und ertragen kön- 
nen. Ihre Hersen wurden zerrissen yon dem Gedan- 
ken, dass sie im BegrifiF waren, sich in Länder zu 
zerstreuen , wo sie nicht mehr Sulioten sejn wür-* 
den , wo Alles, bis auf die Weise , Krieg zu führen 
und tapfer zu seyn, für sie fremd seyn würde. 
Eine einzige Idee, eine einzige trostende Täu- 
schung blieb ihrem Schmerze : sie waren nur durch 
Verrätherei und Hunger besiegt worden , sie hat- 
ten noch ihre Wa£fen, und schmeichelten sich in 
dem Innern ihres Muthes, dass ihr Vaterland für 
sie nicht auf immer verloren seyn' werde. Es blie- 
ben zu Kinnghi nur fünf Sulioten , von denen der 



— 281 — 

eine der Mönch Samuel war, beauftragt , den Tür* 
ken die Festung mit den nocli darin befindlichen 
Vorräthen auszuliefern« Zwei türkische Offiziere 
wurden abgeschickt, um sie in Empfang su nehmen. 
»O Mönch, sagten diese. zu Samuel, als sie in die 
Feste traten, wie meinst du wohl, dass dich derVe- 
zir behandeln werde, in dessen Hände du nun ge- 
fallen bist?« — ^ »Wenn man von dem Leben einen 
solchen Gebrauch macht, wie ich, hat man sich 
yor den Veziren nicht zu fürchten ,« gab ihnen der 
Mönch zur Antwort, zündete schnell den Pulyer' 
wagen an , auf dem er sass , und die beiden Tür- 
ken, der Mönch und zwei Sulioten, welche 
sich entschlossen hatten , ihm bis in den Tod treu 
zu bleiben, wurden in die Luft geschleudert. Die 
beiden andern Sulioten , welche sich • .zufallig in 
der Nähe des Thores befanden, und ton der Ex- 
plosion nur verwundet wurden , berichteten diesen 
Vorfell. 

Unterdessen setzten die Sulioten ihren Zug 
fort. Gegen zweitausend, an ihrer Spitze die drei 
Helden von Suli, Photos Tsayellas, Dimos Drakos 
und Tsima Zerwas, zogen den Weg nach Parga. 
Tausend andere liessen sich yon Kitsos Bötsaris 
und Kutsonikas bewegen , sich unter der Anfüh- 



— 282 — 

rong dieser beiden Häaptlinge nach Zalongos, 
einem steilen Gebilde, acht Standen Wegs west- 
lich Ton Soli, cn begeben, auf dem ein berühmtes 
Kloster mit etwa zehn daza gehörigen Wohnungen 
steht. Diese beiden Züge bildeten die Hauptmasse 
der BeTölkerung von Sali, aber nicht das ganze 
Volk. Eine grosse Zahl anderer Familien zerstreu- 
te sich in rerschiedene Theile von Epiros. Meh- 
rere bewohnten Bui^arili, ein kleines Dorf der 
Schamnrie, wohin sie sich, wie es scheint, mit 
Georg B&tsaris hei dem Abfalle dieses Häuptlings 
begeben hatten. Andere endlich wählten zu ihrem 
Aufenthalte Reniassa, einen kleinen Marktflecken 
an der Küste zwischen Pr^vesa und Parga^ sieben 
Standen Wegs von Suli. Wenn die Sulioten, ihr 
Land Terlassend, die schwankende Hoffnung mit- 
genommen hatten, eines Tages mit gewaffneter 
Hand dahin zurück zu kehren, so liessen Weli 
Pascha und sein Vater sie nur abziehen mit dem 
geheimen Gedanken , oder , um mich richtiger aus- 
zadrücken, mit dem festen Entschiasse , bis auf 
den letzten Sprössling die Menschen zn vertilgen, 
mit denen sie eben unter den heiligsten Bürgschaf- 
ten einen Vertrag geschlossen hatten. Ali glaubte, 
sich nar dann wirklich für den Herrn von Snii 
halten zu dürfen, wenn kein Suliote mehr lebe; 



— 283 — 

und es schien ihm ein Leichtes, sie auf den We- 
gen , da sie zerstreut und muthlos irrten, zu ver- 
-nichten. 

Kaum hatte sich also der Hauptzug nach.Parga 
in Bewegung gesetzt, als Weli Pascha in der Eile 
vier tausend Mann auserwählte Truppen absendete, 
jenen Zug zu verfolgen, und so yiele sie könnten, 
gefangen zu nehmen , oder nieder zu hauen. Glück- 
licher Weise waren die Sulioten schnell gezogen, 
während die Türken es für gut fanden, langsam 
zu ziehen, so dass der grösste Theil des Zugs die 
Gränze von Parga schon hinter sich hatte , als die 
Armee des Weli erschien* Photos allein , welcher 
mit einer kleinen Anzahl seiner Tapfern den Nach* 
zng deckte , war noch auf dem Gebiete des Pascha; 
aber er gelangte durch ein geschicktes Benehmen 
zu den Sein igen , ohne etwas Anderes Tcrloren zu 
haben, als einiges Gepäck. 

Dass B&tsaris einen Ort, wieZalongos, für die 
Sulioten , die sich ihm vertrauten , ausgesucht 
hatte, schien von seiner Seite einiges Mistrauen 
gegen die Entwürfe Weli Pascha's anzudeuten? 
aber nur die That selbst konnte ihm darthun, 
worauf sein Mistrauen gegründet war. Nach einer 
Rast von drei Tagen brach dasselbe türkische 



— 284 — 

Corps , welches die Solioten auf dem Zage nack 
Parga TerfehU hatte , gegen Zalongbs auf. Da, 
bei seinem Erscheinen, worden B&tsaris and Kat- 
sonikas plötzlich wieder wahre Salioten; sie er- 
mahnten die Ihrigen, ihr Leben theaer ca yerkaa- 
fen ; in ihrer Lage war dieses das Einzige , das in 
ihrer Macht stand, — es war keine Hoffnung, dem 
Feinde sa entkommen , ^ welcher sie schon Ton 
allen Seiten amzingelt hatte. Umgeben yon Frauen, 
Kindern , Greisen , war ihr Kampf sehr anbeqaem, 
and sie konnten nur zwei Tage fechten ; weiter 
reichte ihr Schiessbedarf nicht. 

Der Kampf des ersten Tages war nicht entschei- 
dend; der am folgenden Moz^en beginnende war 
furchtbar. Noch schwankte er, als sechzig Frauen, 
Yoraossehend , dass er mit dem Untergange der Ih- 
rigen enden werde , sich auf einem steilen Abhänge 
rersammelten , dessen eine Seite senkrecht in ei- 
nen Abgrund hinunterstieg , in dessen Tiefe ein 
reissender Bei^strom sich an tausend Felsenspitzen 
brach, welche zackig neben und unter ihm stair- 
ten. Hier rathschlagten sie , was für sie zu thun 
sejj um nicht in die Gewalt der Türken zufallen, 
Ton denen sie sich schon verfolgt glaubten. Die 
Berathschlagung der Verzweiflung war kurz und 
der ihr folgende Entschlass einmüthig. Diese 



— 285 — 

sechzig Frauen waren grösstentheils junge Müt- 
ter ^ die ihre Kinder bei sich hatten, welche die 
einen an ihrer Brust oder in ihren Armen trugen, 
die anderen an der Hand führten. Jede Mutter 
ergreift das Ihrige, gibt ihm den letzten Russ, 
und schleudert oder stösst es mit abgewandtem 
Blick in den nahen Abgrund. Nachdem alle Ein* 
der Yon dem Abgrund verschlungen sind, fas- 
sen sich die Mütter bei den Händen und begin- 
nen einen Reigen , so nahe als möglich an dem 
Rande des Schlundes, und die Erste, welche 
nach der ersten Runde an den Rand gelangt^ 
wirft sich hinunter, und stürzt yon Felsen zu 
Felsen in die schreckliche Untiefe. Unterdessen 
beginnt der ELreistanz und der, Chor yon neuem, 
und bei jedem Reigen wiederholt eine Frau das 
Grässliche, bis zur sechzigsten. Man sagt, dass 
durch ein Wunder eine dieser Frauen yon dem 
Fall nicht umkam. 

Während ein Theil der Frauen sich so yor 
der Berührung der Türken rettete, kämpften die 
Männer noch , und die Nacht kam , ohne dass sie 
sich ergeben hatten. Aber eine grosse Ziahl war 
gefallen und die übrig gebliebenen hatten keine 
Nahrung und keine Patronen mehr. Die Nacht 
war finster, und sie machten dayon Gebrauch zu 



— 286 — 

eiaem RettangSTentich. Sie theilten sicIl in zwei 
Haufen , Ton denen jeder seine Greise and übrig 
gebliebenen Weiber und Kinder in die Mitte 
nabm. In dieser Ordnung zogen sie langsam Tor- 
warts, tiefscbweigend y aus Furcbt, den Feind 
dorcb das Geräuscb ibrer Tritte zu früb aufmerk- 
sam zu macben. Die Mütter trugen die kleinen 
Kinder , einzelne Männer das Scbwerdt in der 
Hand und ein Kind auf dem Arme. Sie gelang- 
ten zum Lager der Türken , durcb welcbes sie 
bindurcb mussten ; — die vordersten Sulioten grif- 
fen an, um für sieb und die ihnen Folgenden ei- 
nen Durchgang zu öffnen, aber sie fanden den 
Feind auf seiner Hut, — zwanzig yon ihnen fielen, 
eine grössere Anzahl wurde gefangen : der Rest 
des Haufens drang durch, aber yerfolgt ron dea 
Türken. Die Finstemiss der Nacht, die wilde 
Gegend, die dichten Wälder machten die Verfol- 
gung ungewiss, aber auch die Flucht schwer« Die 
Gesammtschaar der Sulioten nahm immer mehr ab 
und löste sich endlieh iq grössere oder kleinere 
Haufen, deren jeder für sich floh, ohne zu wissen 
wohin , aber immer in der grössteu Stille , denn 
der Feind war überall , und das geringste Ge- 
räusch konnte den Tod herbeifuhren. Es waren, 
wie man sagt, unter den Fi^iehenden Mütter, wel- 
che ihre Rinder erwürgten , aus Furcht, ihr Ge« 



— 287 — 

Geschrei möchte die Türken an den Haufen lo« 
ckeii^ zu dem sie gehörten. 

Von acht bis i^enn hundert Snlioten, die ran 
Zalongos ausgezogen waren , entkamen nur unge- 
fähr hundert und fünizig , welche sich unter der 
Anführung des Bi>l;sari8 nach Parga gewendet hat-« 
ten, der Armee des Ali Pascha. Alle übrigen wurden 
gefangen oder ei^aben sich : sie wurden nach 
lannina, Ton da späterhin nach Burgarili gebracht; 
wir werden sogleich den Grund hören. 

Von Zalongos fielen die Türken auf Reniassa« 
Hi^r hatten sie leichte Arbeit; es fanden sich keine 
Männer. Sie begegneten nur Frauen und Kindern, 
die sie, nach Gefallen niedermetzelten oder gefan« 
gen nahmen. Doch fanden sie einigen Widerstand 
Tor einer festen Wohnung , genannt der Thurm 
des Dimulas, welcher den Rest des Dorfes be- 
herrschte« Es war dieses die Wohnung eines Su« 
lioten, Georg Bptsis mit Mamen, der bei der 
Ankunft der Türken nicht zu Hause war. Es be** 
fa^d^n sich hier seine Gattin Despo mit sieben 
ihrer Töchter und Schwiegertöchter, und mit drei 
Bindern derselben« Diese acht Frauen bewaffneten 
sich, als sie die Türken herankommen sahen und 
empfingen sie mit Flintenschüssen« Aber der Kampf 



— 288 — 

eines Aogenblicls Tergrösserte nur ihre Gefalir. 
Deftpo wollte den Ausgang desselben nicht erwar- 
ten. Sie stellte in die Mitte des Zimmers y in dem 
ihre Familie yersammelt war, einen Kasten mit 
Patronen , und firagte , einen Feaerhrand in der 
Hechten, ihre Töchter and Schwiegertöchten » Was 
sieht ihrTor: sn sterben, oder von den Türken ge- 
fangen zu werden ? « — » Sterben ! « erwiederten 
sie Alle, and Despo legte das Feuer an den Kasten« 

Noch waren 'die Sulioten in Borgar&li übrig. 
Aber sie zu vernichten, schien keine leichte Sadie; 
sie waren sahireich, d. h. ungefähr tausend Men- 
schen, unter denen sich nicht weniger als dreihun- 
dert streitbare Männer befanden, — und sie waren 
angeführt Ton Bötsaris, der sie nach seinem Abzüge 
Ton Zalongos vereinigt hatte, und entschlossen 
war, mit ihnen zu sterben, oder sich zu retten« 
Er wollte die Türken , die ihn jeden Augenblick 
angreifen konnten , nicht in einer Lage erwarten, 
wo die Yortheile des Orts offenbar für jene wa- 
ren. Er zog also, nachdem er Maassregeln ge- 
nonunen hatte ^ dass er weder entdeckt , noch 
ihm Ton den Türken der Weg abgeschnitten wer- 
den konnte , mit allen seinen Sulioten von Bur^ 
gar^li ab, und warf sich in den Theil der Agra- 
phagebirge, wo am Ufer des Aspropotamos, in der 



— 289 — 

JVähe des Dorfes WrestiniUa das Rlostei SeltsoD liegt. 
Ali Pascha war über die Entweichung des Kitsos 
Bi>tsaris and der Salioten Ton Burgareli heftig 
erzürnt: yersnchte Anfangs , sie wiederum durch 
List und schone Versprechungen zu täuschen^ da 
diese ihm aber nicht mehr gelangen y warf er die 
Maske ab, und Hess sechstausend Mann seiner 
besten Truppen anter dem Oberbefehl seiner tüch- 
tigsten Generale gegen sie rücken. Die Solioten 
erwarteten sie. Sie hatten sich beeilt, für Lebens- 
mittel nnd Kriegsbedarf zu sorgen, and sich in 
einem der steilsten Theile des Gebirgs verschanzti 
entschlossen, bis zum letzten Augenblick za kämpfen. 
Die Armee des Wesirs langte an im Anfang des 
Jahres i8o4 und schloss ihre Stellung ein: ihre An- 
griffe begannen, nnd währten ohne Unterbrechang 
bis zum sechszehnten April, zu welcher Zeit noch 
nichts entschieden war. Müde, auf die Erge- 
bung einer Handyoll Sulioten so lange warten zu 
müssen , erliess Ali Pascha an seine Generale ein 
drohendes Schreiben. Er schalt sie nachlässig , 
and gab ihnen nur zehn Tage Frist, diesem armse- 
ligen Kriege ein Ende za machen, mit der Erklä- 
rung , er werde nach Verlauf dieser Zeit ihre Stel* 
le durch Generale besetzen , die ihm bessere Re- 
chenschaft über seine Feinde ablegen würden. 



11. 



— 290 — 



Dieses Schreiben that seine Wirkung; die Sa- 
lioten wurdeii Ton Neuem mit grösserer Wuth, als 
jemals, angegriffen , und eben so tapfer, al« vor- 
mals , waren sie nun unglücklicher. Ein Haufen 
Ton fünfzig Kriegern wurde , auf einem steilen 
Abhänge Ton den Türken gedrängt , dadurch auf 
die türkische Hauptmacht geworfen, und nicht 
einer von den fünfeigen entrann: alle fielen, die 
Waffen in der Hand. Ein so harter Unfall machte 
den Rest der Snlioten bestürzt, sie wurden ron 
allen Seiten eingeschlossen und Ton dem Kloster, 
der einzigen Stellung , wo sie sich hätlpn ^er- 
schansen und halten können , abgeschnitten. In 
ihrer jetzigen Lage blieb ihnen nichte mehr üb- 
rig, als der Heldentod. Sie fielen haufenweise un- 
ter den Augen und dem Wehklagen ihrer Frauen, 
die, Ton der Höhe des Klosters die Schlacht beob- 
achtend, erkannten, dass es Zeit sey, an sich 
selbst zu denken. 

Sie flogen sämmtlich zum Rande einer lan- 
gen Kette Ton Felsenklippen , an deren Fusse der 
Aspropotamos (Acheloos) fliesst, enUchlossen, sich 
in den Strom zu stürzen Einige gewannen Zeit, 
ihren Vorsalz auszuführen , aber der grösste Theil 
wurde zwischen dem Kloster und den Felsen durch 
eine Abtheilung Ton zweitausend Türken aufge- 



- 291 — 

fang^o. Sie Yertbeidigten sich mit Messern, Stei- 
nen und Stöcken ; eine grosse Menge Ton ihnen 
wurde anf der Stelle niedergehauen^ ungefähr 
hundert und sechzig erreichten den Rand der Fel- 
sen and stürzten sich Ton ihm mit ihren Rin- 
dern herab. Von tausend Sulioten jedes Alters 
und Geschlechts , die Yon Burgareli nach Selt- 
son gezogen waren , retteten sich nur ein Weib 
und fünfzig Männer nach Farga^ — unter ihnen 
der unverzagte Bötsaris, welcher wunderbarer 
Weise den unglaublichen Gefahren, denen er ge- 
genübergestanden hatte , entronnen war. 

Ich schliesse hier meine Bemerkungen über 
die Sulioten , bedauernd , dass ich nicht eben so 
den noch übrigen , nicht weniger rühmlichen , 
nicht weniger erstaunlichen Theil ihrer Geschich- 
te, Ton ihrer Zerstörung an, die ich darstellte, 
bis zu dem Augenblicke, wo sie sich der allge- 
meinen Sache Griechenlands angenommen haben, 
schildern kann. Für diese kämpfen sie jetzt 
unter der Anführnng des Markos B&tsaris , des 
Sohnes desselben Kitsos Bötsaris, von dem ich so 
oft zusprechen hatte, der, wundersam tapfer, 
bescheiden, gefühlvoll und von der reinsten Va- 
terlandsliebe beseelt, sich einen Ruhm erworben 
hat, in welchem die Flecken, die den Namen seines 



— 250 — 

Vaters und seines Grossvaters trübten, erlöschen. 
Für diesen edeln Solioten nnd. seine Tapfern er- 
steht die gewisse nnd nahe' Aussicht, dass sie zum 
drittenmale zurückkehren werden in ihre Gebirge, 
um nie wieder daraus vertrieben zu werden. Aber 
warum zurückkehren auf diese rauhen Höhen, 
wenn ganz Griechenland frei sejn wird? *), 

Ich habe nur noch einige Worte über die Be- 
Ziehung hinzuzufügen, in welcher die acht folgen- 
den Gesänge zu den angeführten Ereignissen ste- 
hen. Die vier ersten behandeln einen und den-^ 
selben Gegenstand , nämlich die Schlacht vom 
zwanzigsten Juli, welche den zweiten Krieg mit 
Ali Pascha endigte. Drei derselben sind ziemlich 
unbestimmt , und drehen sich in gleicher Weise 
um das Lob der Heldin Moscho, — das yierte hin- 
gegen gibt die wichtigsten Umstände der Schlacht 
ziemlich genau an , und kann nur entweder auf 
dem Schlachtfelde selbst, oder nach der Erzäh- 
lung eines Augenzeugen gedichtet worden sejn. 

Der Gegenstand des fünften ist der gross- 
herzige Zag von Vaterlandsliebe, den Photos 



^) Markos Botsaris ist nicht mehr. Er starb den Heldoi- 
tod des Leonidas. Möchte für Griechenland ein so 
grosser Verlast nicht unersetzlich seyn! 



— 293 — 

Tsawellas und Dimos Drakos in ihrer Antwort auf 
die Anträge des Pascba an den Tag legten, welche 
die Bedingungen enthielten , an die er das Le- 
hen, des Bruders des einen nnd des Sohnes des an- 
dern knüpfte y nachdem er diese zu D^lwinon ge- 
fangen genommen hatte. Das sechste nnd sieben- 
te beziehen sich auf die Einnahme Ton Sali nnd 
der andern Sioliotendörfer und sind, so zn sa- 
gen, nur ein einziger Schrei des Schmerzes über 
ein für Griechenland so traoriges Ereigniss. 

Bas achte besingt den Heldentod derDespo und 
ihrer Familie za Reniass». 



■«ta 



— 29» — 



r. 

nOAEMOI TOT SOTAIOT (i) 



» isJkv bIv' l9iS 1} Jl^iße^ct vdt (^idcri^q naXaio^iigL * 

» IIov noXe^ta TaaßiXaiva ^d rb anaOl 'g t6 x^9^9 

» Mi Ta (pvcinia '^ Ti^y 9ro9idi' . . ^ 



— 295 — 



III. 

VOM KRIEG DER SULIOTEN. (i.) 



Es sass ein Yöglein auf der Brücke oben, 

Das sang, gar traurig sprach es zam Ali Paschii : . 

»Hier ist nicbt lännina, Wasserkünste zu erbauen; 

Hier aacb nicbt Pr^wesa, Bargen aafzoricbten : 

Hier ist das bebre Sali , Salt , das weltberühmte , 

Wo zarte Kinder kämpfen, Fraa'n and Mägdlein, 

Wo des Tsabellas Fraa kämpft, in der Hand das Scbwerdt, 

Aaf einem Arm den Säugling , auf dem andern 

Trägt sie die Flinte,.die Patronen in der Scbürze « 



— 296 — 



A'. 
nOAEMOI TOT 20TAI0T. (3) 



Z Ta 1110a ^ xa Tore^Toraipa, ^ ti^^ futq aito to 2<ovA(, 

Ki' 6 TLovTvoviauK; tp&vatfyv avh xh ^uxt^l^t' 

• HatdtJcy axadiixt axtptdl cxaBijx* &v9petm^va] 

n''Ox' l^X^x^ 6 'Movj^äp notad^ fU 9&9exa j^iXuiSaiq' c 

Kai vcxepa Ifipi^e xbv XAyov npbq xoh^ Tovpxovq* 

» Uov na^y "NLovxxäf x* 'A%$ vaaä; 9rov ndysig ^aXcuoXiditm 

^ tskv tW iSa xh Xopftofor^ 9hv elv* i *Ai6aalXrig^ 

»Nd ^d^tfg crxXdßovg xä naidi&j va nd^q TaX^ y%>v(tiKaiq. 

n'Elvai xh ^ovXi xh Ttaxhvj *q xhv 7t6afLov '^axovoryLivov' 

nllov noXefid TcraßeXaiva aäv ä^tov ^aXXrixdpv 

» BaarcjT (fwaixia 'q xiiv no9iäv , xal xh anadl *q xh ^ioi , 

» Kai nk xovtpixi, criaavi i^Tt^hq &n' SXovg ndyei » 



— 297 



IV. 
VOM SULIOTEN - KRIEG, (a.) 



Inmitten yon Tseritsana bis zur GrenzB der Salioten 
Sassen die Bulukpaschen hoch auf Paläoklisis ; 
Herunterschauend zur Schlacht, die die Snlioten schlu- 
gen. 
Wie kleine Knaben stritten, Frau'n, wie Helden. 
Rief der Kutsonikas da ans seiner Stellung: 
» Kinder , haltet euch , steht unerschrocken , 
Denn es kommt heran Muchtär Pascha, er und Zwölf tausend !« 
Zu den Türken spricht er dann die Worte: 
»Wohin, Mucht^, du Sohn Ali's? Wohin, du alter 

Liäpe? 
Hier ist nicht Ghbrmobos, nicht Sanct-Basil, 
Zu haschen Kinder, Weiber wegzufangen. 
Das bittre Suli ist's, das hochberühmte, 
Wo des Tsabellas Frau kämpft, wie der Besten Einer: 
Patronen in der Schürze , Schwerdt In Händen, 
Eilt sie Toraus den Andern mit gezogner Flinte. 



— 298 - 



E'. 
nOAEMOI TOT SOTAIOT. (5) 



Tö 'ra xnpoii %it Tdwriway ^ dclÜlo xh Koxoomlty 

Ti vpiToVf fh xctki^t^ar, ^vpuXoyä xol Xiyet* 

» 'Apfof^ftTta ^la^jfiipit j ndfu *q xh KaxoarovXu 

»TpuK {ixotSpaxia xii^orai^, xit x^ apaÜf apaSar 

» T6 'ifa ^ap Ta6 Mov;^dp nacrdj x* äXXo xov MiTO-oporoirov. 

»Trf xplxap^ xb xaXjftepovy ij^av xo9 T,eXix^dpri. ^ — 

»Mta nanaSiä ^ a/jfvavxt^tv &nh if/i^Xi^ pa;(ovXai»* 

»IIov tlaOt^ nouSui xov Jdnoxaotpiff ^ai9i& xov Kovxarovixaj 

»'S xh Tt'KtXlißi vä \iäq niSl, v* iXXd^iD^ xiiv liUrxiv. » — 

'O KovxaovUag j(p4iioJ^zv and xSv ^Aßa^ixov 

9 "Miiv xd (poßdaai, , jta!3taii& ! 'q xdv vovv arov fiiiv xh ßdv^q l 

»T(&pa vdb 18'^q xdv noXeiiov, xa xXitffxiaca xov<pi7cuXy 

» TL&g itoXefifyßv 17 xXe<f>xovfi^ , xi^' w6x' oi Kaxo(rovXi&xsq l 

Tdv X6yov 8lv &^6<jfiDat , xiiv crwxvyiäv Shv ehte , 

Nd I8fq xohq TovfKOvq x*' tftvyay ne^avpa xal xaßdXXa, 



— 2» — 



V. 
VOM SULIOTEN - KRIEG. (5.) 



Drei Yöglein sassen auf Sanct-EIfs, auf der Höbe, 
Nach I&onina cichau't das eine , das andre nach Rako- 

siili f \ 

Das schönere dritte spricht die TrauerLlage: 
»Albanesen sind yersammelt ^ zieh'n gen Kakosiili; 
Sind drei Fähnlein, langen Zages, in Bewegung: 
Eines führt Machtär Pascha, das andre Mitsompönos,- 
Und das dritte fuhrt, das schön're , Selicht&ris. « 
Eine Popin sah sie, hoch yom fiügel schauend : 
»Wo seyd ihr, Kinder yon Bbtsaris, Rinder yon Rutso- 

nikas? 
lieber uns die Albanesen, wollen uns gefangen führen 
Nach Tepel^ni, dass den Glauben wir yerläugneu! c 
Rutsonikas ruft zurück, ruft ihr zu yon Awarikos: 
» Fürchte nichts , o Popin , nimm dir's nicht zu Herzen ! 
Bald erblickst du Rampf, hörst Rlephtenschüsse , 
Siehst, wie Rlephten kämpfen und die Rakosulioten» « 
Seine Rede war noch nicht geendet, noch nicht ausge«* 

sprocben hatt' er. 
Sah man schon die Türken flieh'n, zu Ross^ zu Fuss. 



— 300 — 



> TAlya xoatdv \Mjä(; rftfeptq tovto t6 xaXoxaX^t* 
»"fiXa, naadCl tL Kaxunaeg, xal <ptvyti<; ^^ \i€viß>i; 



— 301 — 

Floh ein Theil^ der andre schrie: »Verflacht sejst da 

Pascha y 
Grosses Unglück diesen Sommer bringst da ans; 
Hast so Tiel geopfert Türken j Spahi's j Albanesen ! « 
Und es rief nan Bötsaris, mit dem Säbel in der Faust: 
»Komm Pascha! Was fehlt dir? Waram fliehst du mit 

der Post? 
Kehre am in anser Land, zurück cum wilden Kiipha! 
Da erbau' den Thron dir, da sej Sultan!« 



— 302 — 



nOAEMOl TOT SOTAIOT. (4) 



» HoXkii ^vpiXXa ip^eTU^, ne^ov^ xal xaßdXXa ' 

» *A^ tpOow y ^6Xenov vä ISovv 9 xod 'ZovXicyr&v Towpixui * 
» Na fiddovv Ad{i9rpov t6 omaOlj "MnonraQti Th 'povf^ixi, 

•"^QÖey 1} (^pa rov anaduyß ^ «*' <J^ nd^ tä Towpixi^. » — 

11 Aii' elyaiy ^c6i;(x$e ßapeä, anaOiav xaifbq dxo(ta* 
11 Zm^^' dxofia *g xb xovvrgl , ßaaTdxe to Xi^opir * 
»''Ort oi Tovpx' elyat ^roXol, xt' bXi/yov oi Sov^tcSre^. « — 
T<iTe Tat 9raXX?peapta tov ;^oviCc^6» 6 TaaßiXXaq* 



-. 303 — 



VL 
VOM SULIOTEN - KRIEG. (4.) 



Eine Popin rafit Herab yom Awarikos: 
»Wo seyd ihr, Rinder Lampros, wo ihr Botsaräer? 
Es ziehet schwarz herauf, yiel Volks ^za Fass, za Ross: 
Sind nicht ein, — zwei, drei, — fünftausend nur; 
Sind wohl achtzehntausend, neunzehntausend Mann ! «c 
»Lass sie kommen, lass, die Türkenbrut, uns ficht's 

nicht an! 
Lass sie Kampf hier finden , Snliotenschüsse -, 
Lass sie prüfen Lampros Schwerdt, die Bötsaris - Flinte , 
Und die Waffen der Sulioten * Frau'n , der hochberühm- 
ten Gha'is! « 
Begonnen war der Kampf, das FenV entzündet; 
Da rief Tsabillas zu dem Z&rbas und dem Bbtsaris: 
»Die Zeit des Schwerdts ist da, lasst ruh'n die Flin- 
ten!« 
B&tsaris drauf, ihm erwiedemd von dem Posten, 
Auft gewaltig: »Noch nicht kam des Schwerdtes Stunde ! 
Haltet euch im Dickicht, deckt euch hinter Felsen; 
Denn der Türken yiele sind's, der Sulioten wenig«« — 
Zu seinen Tapfern aber schrie Tsabellas: 



— 30» — 



» *Ä3M(ffta Tohq (^XAjfOfU Tohq axvXXovQ *Ap6avivauq ; « — 
Ki' Sk* htiaaav xal lirxaaav xal^ dina^q Tmv (rxadi&v Tovq, 
Kai tiifSfOiTTd Tovg tSotkav «rot)^ Tovfmovg iräv xptd^ia, 

Ki' lx£tiyo& T* A^oxflvovrav fU ^ctxpva '^ xdt fuxTia* 
> Aii^ elir' l^o Th tWkJUvoVy 9lv elvah xb Bidivv* 



- 305 ^ 

]» Wollen wir der Albanesen - Hände warten?« 

Fassten alle, schlenderten yom Schwerdt die Scheide, 

Jagten yor sich her die Türken, wie die Schaafe! 

» Rehret nicht den fi.ücken ! « schrie da der Weli Pascha. 

Aber jene sprachen, Thränen weinend: 

]»DMwino8 ist hier nicht, hier ist nicht Widin; 

Hier ist Snli , das, berühmte , weitgepriessne Snli ; 

Hier ist Lampros türkenblut'ger Säbel, 

Der Albanien schlng in schwarze Trauer ; 

Weinen alle, Mütter um die Söhne, Fraa'n nm Gatten.« 



II. 20 



— 206 — 



nOAEMOI TOT SOTAIOT. (5) 



OXi^fUpovXa tßpej^tVy okovvj^rlq ;|^toi^t^ei. 

lU' dsr* x6 Xvarrpdvi ^p66avev ivaq Xvjfvhq XeSimjg' 

^An6 tä *ldvviva mMpd, pavpa ^laVTdxa tpipu* 

»Td vaXkiiKdpia xä xaXJt (rv)^po<}^oft tov^ Tcb j^dvovv. 

»*Axov<rrey 4^(&Tav T^t naidUty tov Afdxov naXhixdpMy 

• Tb AiXSivov tb äiuicrTop vfod&cre xd nouiid ftag. 

»'Z t' 'AX^ Trara rd Ifpepav, td t% dpdd* dpdda, 

9 A^bg xd xiaatpd 'atpa^e ^ x&v dvb ^aiiv j^api^ti, , 

» To^ A^ftov Apaxot? tov vIov ^ xal t' dUfe^tpov xov 4^<&tov. «• 

K»' ixelpoi xaddg t' dlxov<ray , ßaptd xohg TtaTtotpdvti. 

» AicTTTora , t&it 9rpoT(i9ra9ray Itp&va^av x' ol dvo , 

» 7(£X%' ^tX<Dv T& fivi7(ioavra rof' f^ ^raXXi^xapuLV fia^ ' 

» Td 8vb f xaddg xd xiaatpa , atpayiiiva xd peTpovfie. 

» O^Te b Ti^avvoq ^ioiiv x&v J^ovXioxdiv x<'^pi4£^' 

1» Oüxtd ILovXtAxrig iavxavbq \ xd x^f^ '^^^ Xoyölxak. « 



-^ 307 — 



VII. 
VOM SULIOTEN - KRIEG. <5). 



Schwarzes Gewölk deckt Süli und Kiapha , 

Hegenschauer den ganzen Tag, schndend eine lange Nacht. 

Kommt da Einer von Systr^ni, jung und rüstig; 

Kommt vom bittren lännina mit schwax^er Botschaft: 

» Unsre Brüder , schön and kühn , sind dahin durch der 

Genossen Schuld! 

Hört es. Söhne Photos, Tapfre, ihr des Dferkos, hört es! 

Treulos hat sie Delwinon yerräthen, unsre Lieben. 

Wurden hingeschleppet zum Ali Pascha, ihrer sechs zu- 
sammen. 

Vier hat er gemordet , zwei begnadigt , 

Das ist Dimos , Dr&kos Sohn , und Phbtos Bruder. « 

Als es diese angehöret , that es ihnen Zorn , 

Sprachen beide zu dem Protopopen : 

»Sing, o Herr, die Todten- Messe für sie alle, die 

sechs Kämpfer, 

Gleich den Vieren zählen wir die Beiden für geschlachtet. 

Keinem Sulioten fristet der Tyrann das Leben; 

Todt heisst jeder Suliote, der in seiner Hand lebt!« 



— 308 — 



nOAEMOI TOT SOTAIOT. (6) 



Mi xiiv 8ovXiäv 'vov xdfierav xovro t& xaXoxatp», 
BciXerair xhv Be%^ ^aadv ^Uaa '^ xb KoxocrotTXi. 



— 309 — 



VIII. 
VOM SULIOTEN - KRIEG. (6.) 



»Ihr, o Kinder, unterwerft each nicht, nicht Raja's werdet! 

Photos bengt sich lebend nicht dem Püschi! 

Zum Pascha hat Photos seinen Säbel, seine Flinte zum 

Wesir. « — 
Man yerbannt ihn in das Land der Franken, in die 

. Fremde. 
Sey't yerflucht ihr^ Bbtsaris and Katsonikas, 
Für das Werk der Schande dieses Sommers , 
Dass ihr eingeführt in Rakosuli den Weli Pascha! 



— 310 — 



r. 

nOAEMOI TOT SOTAIOT. (7) 



^U^fav riiv Ktdfpav tiiv xax^v, infpav xal Tb Kuyvyxty 
»Ki* fxai)^air Tbv ntxKoYtpov fd Tiaraepcuq vo^tdravq.*^ 



— 311 — 



IX. 

VOM SULIOTEN - KRIEG. (7.) 



Es kam geflogen ein Yöglein mitten aas Sali. 
Das fragten die Pargioten, also fragten sie: 
» Yöglein y woher, Yöglein mein , wohin ? « 
»Yon Sali komm' ich, fliege ins Franken -Land.« 
»Yöglein, rede weiter, bringst da gate Rande?« 
»O welche Rande soll ich künden, was each sagen? 
Sie haben Sali eingenommen, haben Awarikos; 
Genomlnen ward Riipha aach, das starke, eingenom- 
men ward Riünki, 
Ri&nki , and der Mönch yerbrannte mit yier Andern. 



— 3ia — 



nOAEMOI TOT SOTAIOT. (8) 



V, Air9ra> Kdi/kvn grcSXefiov fU vifixpcu^ xod y! ayfoviCL^ 
» rei&p/iuf'a, pri%t t' (JpfuxTa* <^2y eV Ido t6 Z00X&* 
»To 2o€fX* »i' <{y 9rpo(rxv)^e, xi' «fi^ xovpxeif/ev 17 Kiatxpa^ 
AaoM '( TÄ ;i^ipi ä^a>^By xo^aiq xal vv^tpai^q xfdiei' 
Kai t4( ^oaixta äva^B , xi' JXo» ^oxtd yevi^xav» 



— 313 — 



X. 

VOM SULIOTEN - KRIEG. (8.) 



Laat ist das Getöse, viele Schüsse hört man fallen. 
Schiesst man so zur Hochzeit? Wird ein Fest gefeiert? 
laicht zur Hochzeit wird geschossen, nicht zom Fest- 

schmauss. 
Despo kämpft niid ihre Sohns - Frau'n , ihre Enkelinnen; 
Alhanesen drängen sie im Thnrm.zu Dlmola. 
»Fraa des Georgis, leg' die Waffen ab, hier ist nicht 

Sali? 
Sklavin bist da des Pascha , bist Albanesen - Sklavin. « 
» Mag aach Sali kriechen , mag Kiäpha türkisch sejn , 
Despo wird Li&pen nie nicht Herren nennen ! « 
Und sie fasst den Brand, den Mägdlein rafend and den 

Sohns -Fraa'ni 
»Lasst, der Türken Sklaven, ans nicht leben f Folgt mir 

Kinder ! c 
Sie entzündet die Patronen , schwebt mit ihnen aaf in 

Flammen ! 



•^m 



NACHSCHRIFT DES ÜJ^RSETZERS. 



V on denjenigen Lesern , die mit dem Nengriecht- 
schen Text hinlänglich yertraut sind y oder werden, 
um den Wohlklang dieser Verse zu vernehmen , 
moss der Uebersetzer eine Rüge befürchten, der 
er hier zuvorkommen möchte. Nicht ohne eini- 
gen Kampf mit sich selbst hat er sich nämlich von 
dem Gleichschritt mit dem Original zurück gehal- 
ten y und zwar keineswegs aus Bequemlichkeit, noch 
allein dem Urtheil des eigenen Gefühls vertrauend, 
sondern erst nach reiflicher Berathung mit Freun- 
den, deren Urtheil so hoch über dem seinigen 
steht, dass er überzeugt sejn darf, der Leser werde, 
auch ohne eine benannte Autorität, an den. Früch- 
ten erkennen, dass das leitende Urtheil gut war, 
wie er dieses selbst erprobt hat. 

Das in diesen Gedichten herrschende Vers- 
maas , mit seinen beiden ungleichen Hälften , von 
denen die erste aus acht, die zweite aus sieben 
Sylben besteht, erinnert durch den scharfen Ab- 



schnitt in der Mitte an alle Schrecknisse des deut- 
schen Alexandriners, während es doch seiner Natur 
nach sehr weit Ton dieser Versart abweicht , und be« 
sonders in der ersten Hälfte durch die Freiheit , 
den Hauptton Ton der sechsten auf die achte oder 
letzte Sjlbe zu verlegen, so wie durch die Mehr- 
zahl der Sjlben überhaupt, einen sehr eigenthüm- 
lichen und mannigfaltigen Charakter gewinnt. Da- 
durch, dass in der Regel nur die geraden Sylhen 
betont seyn sollen, dass Accente auf der dritten 
und eilften Sjlbe fehlerhaft sind, dass die yier- 
zehnte oder vorletzte Sjlbe des ganzen Verses den 
Ton haben muss, erhält das ganze System dieser 
Versform einen jambischen katalektlschen Anstrich; 
aber der häufige Gebrauch der Betonung der ersten 
Sylbe, und der unterlassenen Betonung der zwei- 
ten und sechsten giebt diesem Vers zugleich die 
Beweglichkeit und den Ausdruck eines steten 
Schwankens zwischen dem forteilenden Gang des 
Jambos und dem anhaltenden, aus der innem Ge- 
bundenheit sich herrorwindenden Schritt des Tro- 
chäus, ohne ihn doch an irgend einer Stelle in 
das eine oder das andere dieser Systeme festzuban- 
nen, ja vielmehr mit dem zweiten Hemistich jeden 
scharf gemessenen Schritt des ersten wieder lösend 
und umkehrend, was sich besser beim Lesen, fah- 
len als abschildern lässt. Diesem entgegen hat die 



dentsdie Sprache in ihrer Pro8o£e den Zwang 
gemessner Ffisae, nnd rerträgt wenig den lieber* 
gang in entgegengesetzte Reihen ; daher man 
tich denn, in diesem Falle nothwendig ganz fior 
das jambische oder auch ffir das trochäische Maass 
hätte entscheiden nnd, am Eintönigkeit zu rer- 
meiden und dem Original in Tolksmässiger Unge- 
■wnngenheit einigermaassen nachzostreben , durch 
die Einmischnng anapästischer oder daktylischer 
Ffisse auf eine der Nairetät des Ganzen wenig ange- 
messene Weise kanstiich hätte nachhelfen müssen« 
So wurde denn einer grösseren Freiheit des Aos^p 
dmcks Raum gegeben, der, dem Original Vers für 
Vers folgend 9 sich einerseits zur Ungebnndenheit \- 
der Prose herablässt, andererseits aber, bald in 
grösserer bald in geringerer Annäherang an die 
Form dea Originals, dem Inhalt gemäss sich zu 
trochäischen oder jambischen Bhjthmen erhebt 
Stücke, welche nicht in der Form desYersas po- 
liticos gedichtet sind, warden getreuer nachgebil- 
det, und dieses wird auch bei einem grossen Theil 
der Lieder des zweiten Theils der Faurier- 
sehen Sammlung, die wir in der kürzesten 
Frist diesen beiden ersten Bändchen folgen lassen 
wollen, der Fall seyn, da diese, in Form und In- 
halt aufs Anmuthigste wechselnd, den Uebersetzer 
auffordern, nicht bloss nach der Wirkung des 



Vortrags zu streben , sonderh auch aöf den 
Klang und Schritt des griechischen Sängers su 
horchen. 

In Hinsicht auf die Eechtschreibun^der Eigen- 
namen haben wir die Aussprache im Deutschen an- 
sudeuten yersucht. Daher steht statt des griechi- 
schen ß immer w, ireil das neugriechische ß diese 
Bedeutung hat, da hingegen unser b in der neu- 
griechischen Schrift durch fi^ ausgedrückt wird^ 
Dasselbe gilt von den türkischen und andern Wör* 
tem f die nach der italiänischen und firanzösischei^ 
Schreibart im Teutschen gewöhnlich mit y statt w 
geschrieben werden, da doch dem y im Teutschen 
eine ganz andere Anssprache zukommt. Nur in 
Vezir ist, aus Versehen durch Gewöhnung, das 
herkömmliche V oft noch stehen geblieben. Sus 
griechische ^ haben wir durch th übersetzen müs» 
sen ; es wird aber in griechischen Wörtern wie da» 
th im Englischen gesprochen. 17, s» und o& sind durch 
i gegeben , ai, durch ä oder e. Das j , welches für 
das griechische v beibehalten wurde , lese man wie 
ü. Statt ey für bv steht hier und da noch unrich- 
tig eu ; man spreche ey* 

Diese Schreibung nach der Aussprache wird^ 
wie wir hoffen, den des Neugriechischen unkun- 
digen Leser yor manchem falschen Laut bewahren;^ 



/- 



r 



i- 



ZtL gleichem Zweck worden die Sylbeo , deren Be- 
toiiang sich nicht naob dem Teatschen Ton selbst 
anbietet, mit Accenten l^ezeichnet« 

Endlinie sey «nch noch der Vignette com ersten 
Bündchen dieses eine Wort verliehen: Der Kunst- 
1er hat, nicht ohne Absicht, in der Unterschrift die 
nfthere Bezeichnnng der Akropolis yermieden , yor- 
anssetsend, dass man swar die Borg Athens dar- 
in erkennen , nnd die Dentong ihrer Westseite zu- 
gestehen y zugleich aber mit ihm den wiedererstan- 
denen Enkeln grosser Väter eine Borg ohne eine 
örtliche Hegemonie wünschen werde. 



Verbesserung. 

Im I. Thell, S. 187. Z. 10. lese man. statt: Neu« 
Griechischen — » Neu - Europäischen c 

Im II. Theil, S« i65. Z. r. setze man den Ver- 
bindungstrich, welcher .Tor » Albanesen t steht, 

nach diesem Wort. 



Gedruckt bei C. F. Thokmasv in Bonn.